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Grenzen in den Köpfen sprengen

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Von: Anna Laura Müller

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Das Lesen von Büchern kann Ideen in die Köpfe säen, die solidarisches Verständnis über Grenzen hinweg schaffen kann.
Das Lesen von Büchern kann Ideen in die Köpfe säen, die solidarisches Verständnis über Grenzen hinweg schaffen kann. © Version

Literatur transnational zu denken, bedeutet Raum zu schaffen für Perspektiven, die lange ungehört geblieben sind.

Als Ort des Austausches besitzt Literatur schon immer eine wirkungsvolle Kraft, die andere Perspektiven als die eigene greifbarer macht. Die Idee ist nicht neu. Menschen lesen Bücher aus unterschiedlichsten Gründen. Gerade auch, um Dinge zu erfahren, die weit von ihrer eigenen Lebensrealität entfernt sind.

Wenn also Stimmen in den Literaturbetrieb eindringen, die zwar immer da waren, aber nicht gehört oder stumm gehalten wurden, kann das ein Umdenken mit sich bringen. Das geschieht nicht nur in einzelnen Köpfen, sondern überträgt sich idealerweise auch in das Zwischenmenschliche.

Literarische Welten entstehen aber zunächst im Geiste der Autor:innen. Diese befinden sich dabei genauso wenig im luftleeren Raum, wie die zukünftigen Leser:innen. Wenn wir also von einer globalisierten Welt ausgehen, die durch Ströme von Ideen, Menschen und Texten vernetzt ist, kann Literatur nur noch schwer durch Grenzen aufgeteilt werden.

Literatur war immer in der Lage, die falsche Vorstellung von einer homogenen Gesellschaft innerhalb künstlich gezogener nationaler Grenzen zu hinterfragen. Werke, die aus einer transnationalen Perspektive geschrieben werden, können diese Möglichkeit noch weiterentwickeln und so Grenzen durchbrechen.

Texte, die Grenzen hinterfragen und das „Dazwischen“ beschreiben, bilden dabei die Lebensrealität einer globalisierten Welt ab. In der Ambiguität liegt dabei die Genauigkeit. Denn wenn eine weiße eurozentrische Gruppe plötzlich nicht mehr der Ausgangspunkt aller Diskurse ist, sondern diese zu vielmehr stillen Zuhörer:innen werden, dann können sich neue Wege eröffnen.

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Weitere Texte der Beilage „Utopische Rundschau“ finden Sie unter fr.de/paulskirche.

Andere Zugänge schaffen

Im Gegensatz zu theoretischen Debatten über einen funktionierenden Kosmopolitismus von unten können so andere Zugänge geschaffen werden. Dabei ist die Idee von einer länderüberwindenden Literatur kein Phänomen, das einzig durch die Globalisierung der Moderne zustande kam. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts prägte Johann Wolfgang von Goethe das Konzept der Weltliteratur. Doch seine Vision von einer Literatur, die weltumspannend denkt, war dann doch eine, die wieder nur einige wenige Perspektiven miteinschloss. Der zunehmende Fokus auf Nationalstaaten und die Auswirkungen des Kolonialismus taten dann ihr Übriges.

Die europäische Vereinnahmung der Literatur als spezifisch westliche Errungenschaft lässt seither wenig Platz für Stimmen aus beispielsweise ehemals kolonialisierten Ländern. Solche Perspektive wollen transnationale Ansätze in der Literatur ändern, zum einen in einer Hinterfragung des Kanons, aber auch in der Produktion im heutigen Literaturbetrieb.

Bei all der Kraft die in Worten steckt, darf eines nicht vergessen werden: Die Härte, die an nationalen Grenzen noch immer für manche Gruppen von Menschen herrscht, kann allein durch das gegenseitige Verständnis durch Lesen von Literatur nicht überwunden werden. Aber Worte können utopisch erscheinende Ideen von Grenzüberwindung und transnationaler Solidarität in die Köpfe säen und nicht nur die Sicht auf andere verändern, sondern auch die auf uns selbst.

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