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?Einsam ist es schon manchmal. Doch der Bär kommt ja regelmäßig, so zwei Mal im Monat, vorbei?, sagt Jurek Zajac, 60, aus Bieszczady, Polen. Er arbeitet als Köhler in den abgeschiedenen Waldkarpaten.

"Weit weg von Brüssel"

An den Grenzen Europas

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Das Museum für Kommunikation zeigt die Ausstellung "Weit weg von Brüssel" von Stefan Enders. Der in Frankfurt gebürtige Fotograf hat Menschen an den EU-Außengrenzen porträtiert.

Niemand ahnte, welche Aktualität das Projekt von Stefan Enders bekommen würde, als der Fotograf im März 2015 zu seiner Reise aufbrach. Er umrundete Europa und porträtierte sieben Monaten mehr als 200 Menschen. „Vielleicht hatte ich es im Urin. Oder ich hatte einfach nur Glück“, sagt Enders. Als er das Projekt unter dem Arbeitstitel „Europa am Rande“ plante, sei er dafür noch von Kollegen belächelt worden, erzählt er. Jetzt, gerade in Zusammenhang mit der politischen Umbruchstimmung und der anstehenden Europawahl 2019, sind die Fragen nach der Relevanz der Ausstellung nahezu obsolet.

Aufmerksamkeit aus Brüssel war der Ausstellung schon gewiss; nun zeigt das Museum für Kommunikation Frankfurt eine Auswahl. „Eine besonders große Freude für mich, da ich hier in Sachsenhausen aufgewachsen bin, vor dem Museum als Kind oft gespielt habe“, sagt Enders. Heute ist er Professor für Fotografie im Fachbereich Gestaltung an der Hochschule Mainz.

Nicht in die politischen Zentren, nicht in die europäischen Metropolen zog es den Fotografen, sondern weit weg von Brüssel, an den Rand Europas. „Ich wollte zu den Menschen, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen, und ihre Geschichte erzählen“, sagt Enders.

Es ist zum Beispiel die Geschichte einer rumänischen Familie: Die Mutter, die als Krankenschwester arbeitet, und der jüngere Sohn ziehen nach England, der größere Sohn verlässt Rumänien, um woanders zu studieren, der Vater, ein Taxifahrer, bleibt zunächst zurück, ohne Plan und Orientierung. In England dagegen lernt Enders einen jungen Mann kennen, der ins rumänische Cluj auswandert, wo eine Art Silicon Valley derzeit ITler anlockt. „Europa ist voller Bewegung, alles hängt miteinander zusammen“, sagt Enders.

Wie sehr alles miteinander zusammenhängt, hat sich auch in anderer Hinsicht gezeigt: Die meisten Porträts sind durch Begegnungen am Wegesrand entstanden. „Und dann hat das Schneeballsystem gegriffen: ‚Ah, als nächstes fahren Sie nach Finnland? Ich habe dort Verwandte!’ So kam oft eins zum anderen“, sagt Enders.

So unterschiedlich die Porträtierten doch sind, zwei Dinge einen sie alle: Zum einen sind alle Menschen ins gleiche Licht gesetzt, in den gleichen Bildausschnitt gerückt und analog fotografiert. Damit will Enders die Menschen aus ihrer Lebenssituation herauslösen und wie eine Skulptur auf einen Sockel stellen – egal ob Politiker oder Arbeitsloser, ob Direktor oder Straßenkind.

Die einzige Anweisung, die Enders gab: „Konzentrieren Sie sich! Auf mich und auf die Kamera.“ Denn nichts sei schlimmer als grinsende Menschen auf Fotos, echauffiert sich Enders beim Presserundgang durch die Ausstellung. „Lachen geht gar nicht“, sagt er, „ein unsägliches Phänomen, gerade beschäftige ich mich wissenschaftlich damit.“

Ganz ohne Konzept sind auf der Reise zudem situative Bilder entstanden. Diese kleineren Farbfotos sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen – kontrastierend zu den großen Porträtbildern in schwarz-weiß.

Und auch zu den spontan entstandenen Bildern kann Enders eine Geschichte erzählen: etwa von rumänischen Straßenkindern, die vom Klebstoffschnüffeln vollkommen hinweggetreten am heruntergekommenen Bahnhof herumlungern. Ihr Schicksal gleicht sich oft: Ihre Eltern gehen zum Arbeiten in den Westen, die Mütter häufig als Pflegerinnen nach Italien; die Kinder bleiben zurück, oft bei Verwandten oder im Heim und landen nur allzu oft auf der Straße. „Auch das ist Europa“, sagt der Fotograf.

Ob er sich als politischer Künstler sieht? „Nein, keineswegs. Aber was ist das denn überhaupt, ein politischer Künstler?“, sagt er, „jedenfalls sind die Bilder hoch politisch geworden“.

Ohne Pause reiste Enders sieben Monate lang um Europa herum: 31 000 Kilometer alleine mit einem VW-Bus, den er in Windeseile vor dem Projektstart gekauft und umgebaut hatte. Eine der größten Herausforderungen seiner Reise: die Sprache. „Es zeigte sich sehr schnell, dass ich mit Englisch nicht sehr weit komme. Deshalb begann an jeder Station immer wieder aufs Neue die mühsame Suche nach Übersetzern“, sagt Enders.

Und was hat er nun über Europa gelernt? „Entgegen aller heutzutage so gerne hochstilisierten so genannten Europa-Müdigkeit habe ich bei den Menschen eine große Zustimmung erlebt. Die Menschen sind der europäischen Idee gegenüber aufgeschlossen.“ Allerdings, so erzählt er, sei oft der Satz gefallen „Ich verstehe nicht, was die EU macht, was die in Brüssel beschließen.“

Am Anfang des Projekts stellte er den Porträtierten noch einen Fragenkatalog. Sehen Sie sich als Europäer, lautet eine Frage daraus. „Den Katalog habe ich ziemlich schnell steckenlassen. Ich habe gemerkt: Es ist unwichtig, ob sich jemand als Europäer, Schotte oder Rumäne sieht.“ Die Geschichte der Menschen vor der Kamera hat er dennoch erfahren – und er teilt sie mit den Besuchern der Ausstellung.

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