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Künstler Horst Hoheisel wurde 1944 in Posen geboren. Viele seiner Stücke sind Erinnerungswerke an den Nationalsozialismus.

Frankfurt

Ein grauer Bus für die vergessenen Opfer der Nazis

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Ein Mahnmal für getötete Kranke und Behinderte kommt nach Frankfurt. Die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz loben das Rahmenprogramm.

Ab Freitag hat Frankfurt ein neues Denkmal: einen 72,2 Tonnen wiegenden grauen Bus aus Beton auf dem Rathenauplatz. Was zunächst schwer, aber recht unspektakulär klingt, ist ein Mahnmal für die Opfer der „Euthanasie-Aktion T4“ der Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1941 (mehr Infos hier). Die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz haben das „Denkmal der Grauen Busse“ geschaffen und begleiten es auf seine 20. Station – Frankfurt.

„Behinderte Menschen waren die ersten Opfer der Nationalsozialisten. In der Erinnerung werden sie meist vergessen“, sagt Horst Hoheisel. Den 72-Jährigen verbindet selbst eine Familientragödie mit den Euthanasieverbrechen der Nazis. Während der Entstehungsphase des Kunstwerkes stieß er in den Archiven auf die Krankengeschichte einer Cousine seiner Mutter. Sie wurde in der Anstalt Hadamar bei Limburg, einer von sechs deutschen Tötungsanstalten, vergast. Gesprochen wurde in der Familie darüber nie.

Doch auch Frankfurts Vergangenheit ist eng mit den grau gestrichenen ehemaligen Postbussen verknüpft. 1941 wurden mehr als 1000 Männer und Frauen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen aus der Stadt nach Hadamar gebracht und ermordet.

„Die Morde wurden verschleiert und mit falschen Sterbedaten und Todesursachen verheimlicht“, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig. Trotz dieser Vertuschungsversuche hätten die meisten Menschen gewusst, was es bedeutete, wenn die grauen Busse vorfuhren. Das Denkmal werfe deshalb auch die Frage nach Opfern, Tätern und Zuschauern auf.

Etwa 300 000 psychisch Kranke und Behinderte wurden von 1933 bis 1945 ermordet. Die Aktion T4, die nach der organisierenden Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin benannt wurde, war nur ein kleiner Baustein in den großen Vernichtungsplänen der Nationalsozialisten.

Ann Anders von der Projektleitung Denkmal Graue Busse erklärt: „Dieser vergessenen Opfergruppe fehlt die Lobby. Wir wollen deshalb nicht nur an die Tat erinnern, sondern mit weiteren Aktionen einen großen Rahmen bilden.“ Neben der historischen Aufarbeitung sollen die Situationen damals und heute verglichen sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen auf die heutige Zeit aufgezeigt werden.

Um dem „hochgradig tabuisierten Thema“ einen würdigen Rahmen zu bieten, werden bis Ende Mai kommenden Jahres Lesungen, Ausstellungen, Führungen und Diskussionen stattfinden. Solange wird auch der graue Betonbus in der Stadt zu sehen sein. Hoheisel hofft, dass er danach in Hadamar Station machen kann.

Die Eröffnung auf dem Rathenauplatz wird am Samstag ab 14 Uhr gefeiert. Zuvor ist noch eine nächtliche logistische Meisterleistung nötig. „Es war schwer, einen geeigneten Standort zu finden“, sagt Ulrich Schöttler von der Projektleitung Denkmal Graue Busse. Das Parkhaus unter dem Rathenauplatz aber verfügt über eine verstärkte Decke, und ein Statiker bestätigte, dass der Platz die mehr als 70 Tonnen tragen kann.

In der Nacht auf Freitag wird ein Kran die fünf Einzelteile des Mahnmals von der Börsenstraße auf den Platz rangieren. „Ich bin nervös“, gesteht Schöttler angesichts des Aufbaus.

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