+
Mahnmal am Rathenauplatz: graue Busse, die den Tod brachten.

Rathenauplatz

Grauer Bus erinnert an Nazi-Verbrechen in Frankfurt

  • schließen

Das Denkmal der Grauen Busse wird in Frankfurt offiziell eröffnet. Es erinnert an die Morde der Nationalsozialisten an psychisch Kranken und Behinderten.

Melodische Trommelschläge und lauter Gesang schallen über den Rathenauplatz. Einige Passanten bleiben neugierig stehen und nähern sich der Traube Menschen, die sich bereits um den dort stehenden grauen Betonbus versammelt hat (mehr zum Programm der Aktion hier). Die „Djembe-Quäler“ vom Alfred-Delp-Haus in Oberursel schlagen die Trommeln und animieren die Zuschauer auch zum Mitsingen.

Die fröhliche Stimmung täuscht jedoch. Eigentlich ist der graue Bus auf dem Platz ein Mahnmal, dass an ein schreckliches Verbrechen der Nationalsozialisten vor 77 Jahren erinnert. Präsent wie der Holocaust ist die „Euthanasie-Aktion T4“ aus den Jahren 1940 und 1941 im Gedächtnis vieler Menschen nicht.

„Dabei stellt sie durchaus den Vorläufer des Holocausts dar“, wie Stadtrat Stefan Majer am Samstagnachmittag bei der Eröffnung sagte. Mehr als 1000 Menschen aus Frankfurt fanden durch die Aktion T4 den Tod. Insgesamt waren es in Deutschland mehr als 70 000. In der Regel Kranke und Behinderte, aber auch unerwünschte und vermeintlich asoziale Menschen.

Eine Tote sei Lina B. gewesen, erzählte Majer. Er führte ihre Geschichte aus: von der Einweisung in die Nervenklinik, weil sie sich verfolgt fühlte. Von der Verurteilung zur Zwangssterilisation und schließlich zu ihrem Tod in der Vernichtungsanstalt Hadamar. Dorthin wurde sie mit einem solchen grauen Bus gebracht, der nun als originalgetreuer Betonguss auf dem Rathenauplatz steht. Ihren Verwandten erzählte man, dass Lina an einer Lungenentzündung gestorben sei.

Den Opfern fehlte die Lobby

Dass so wenig über die etwa 300 000 von den Nazis getöteten psychisch Kranken und Behinderten bekannt ist, liegt an der viel zu späten Aufbereitung dieser Taten – den Opfern fehlte die Lobby. „Deshalb sind wir froh, dass das Denkmal nun auch in Frankfurt Station macht“, erklärte der Stadtrat und ergänzte: „T4 sollte eine Mahnung und Warnung an uns sein. In vielen Ländern und an vielen Stellen scheinen diese Taten schon wieder vergessen zu sein.“

Die Mainmetropole ist die 20. Station für das Mahnmal in Bewegung. Umrahmt wird sein Aufenthalt bis zum Mai 2018 durch ein vielseitiges Begleitprogramm. Aktuell gibt es eine Ausstellung in der Katharinenkirche an der Hauptwache. Dort gibt es nähere Erklärungen zu der Geschichte und Bedeutung des Denkmals. Von Montag bis Samstag können Interessierte die Ausstellung in der Zeit von 12 bis 18 Uhr besuchen.

Horst Hoheisel, neben Andreas Knitz einer der Künstler, die das Werk geschaffen haben, erklärte den Anwesenden, dass es bei der Eröffnungszeremonie eigentlich um die Abwesenden gehe. Den zahlreichen Opfern müssten ihre Namen zurückgegeben werden, um sie nicht nur als gesichtslose Menschen zu betrachten. In vielen Orten in denen das Mahnmal bisher war, wurde der Toten in besonderer Weise gedacht: beispielsweise 691 Glockenschläge in Ravensburg – einen für jeden Toten – oder eine meterlange Stoffbahn mit allen Namen der T4-Opfer von Winnenden. „Vielleicht können in Frankfurt am Ende der Aktion auch alle Namen bekannt sein“, hofft Hoheisel.

Zuschauer Andreas Dickerboom aus Frankfurt fand die Aktion gelungen. „Das Denkmal steht hier sehr auffällig und ich finde es wichtig, dass es auch mit weiteren Aktionen eingebettet wird“, sagte er. Er glaubt, dass nur wenigen bewusst sei, dass Frankfurt eine Verbindung zur T4-Aktion habe. Obwohl das Vernichtungslager Hadamar doch so nah ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare