+
Der Hund stand den Gottesdienst geduldig durch, nur mit dem Weihrauch hatte er es nicht so.

Bahnhofsmission Frankfurt

Gottesdienst im Hauptbahnhof

  • schließen

Ein Gottesdienst im Hauptbahnhof Frankfurt sorgt für ganz besondere Stimmung. Die Bahnhofsmission hat dazu zwischen Gleis 4 und 5 eingeladen.

Reisende vergessen für einen kurzen Augenblick ihre Hektik und bleiben staunend stehen. Wo sonst allenfalls die Gesänge marodierender Fußballfans zu hören sind, ertönen feierliche Klänge. Zwischen Gleis 4 und 5 am Hauptbahnhof hat die Bahnhofsmission an diesem Mittag eine Oase der Besinnlichkeit eingerichtet. Die Gottesdienstbesucher haben Teelichter in der Hand, und Kantor Lutz Riehl greift in die Orgeltasten.

Zu Beginn muss Diakon Carsten Baumann aber noch zwei eher weltliche Hinweise loswerden. Den Eingang vor der Parfümerie sollen die vielen Gottesdienstbesucher ohne Sitzplatz doch bitte freihalten. Der „Beauty Express“ habe sich über das schlechte Geschäft an Heiligabend beschwert, weil der Eingang immer versperrt sei. Abgängig ist zum Beginn des Gottesdienstes auch noch das Christuskind aus der Weihnachtskrippe. Es sei gestern geklaut worden. Der Dieb sei aber mit seiner sperrigen Beute in Kassel im Bahnhof geschnappt worden, und der Zug mit dem Christuskind werde um 12.38 Uhr wieder in Frankfurt erwartet. Dann geht es aber los mit den Predigten, mit Weihrauch und mit dem gemeinsamen Singen weihnachtlicher Lieder.

Seit nunmehr 15 Jahren lädt die Bahnhofsmission an Heiligabend zu einem Gottesdienst mitten im Bahnhof ein. Der Zeitpunkt um 12.30 Uhr ist mit Bedacht gewählt, dann, wenn die umliegenden Kirchengemeinden noch nicht zum Gottesdienst einladen, aber auf dem Bahnhof noch ordentlich Reiseverkehr ist. So viel Laufkundschaft ist selten bei Gottesdiensten. „Die Kirche muss mittendrin sein, wo Leben ist und nicht irgendwo“, sagt Diakon Baumann, der von einem ganz besonderen Flair spricht und von dem zunehmenden Zuspruch für den Gottesdienst.

Mehr als 200 Menschen sind diesmal gekommen; einige bleiben noch stehen, angelockt vom gemeinsamen Gesang und der feierlichen Stimmung. Obendrein gibt es noch Schokoladenherzen, die Diakon Baumann als „ganz persönlichen Liebesanker“ anpreist. Eine Frau verdrückt ein paar Tränen und schnäuzt sich die Nase. Tränen der Rührung? „Es ist positiv jedenfalls“, gibt die Tochter Auskunft.

Ab und zu wird die Besinnlichkeit unterbrochen – durch Lautsprecherdurchsagen über verspätete Züge oder durch die quietschenden Bremsen des Regionalexpress, der gerade aus Bamberg einfährt. Immerhin lag in einem der Züge auch das Krippenkind, das ein Helfer während der Andacht wortlos an seinen Platz legt. Dann singen alle noch „Stille Nacht, Heilige Nacht“, bevor sich die Oase der Besinnlichkeit nach einer Stunde auflöst.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare