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Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität.

Interview

„So viel Präsenz wie möglich“

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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  • Franziska Schubert
    Franziska Schubert
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Die Präsidentin der Goethe-Uni Frankfurt, Birgitta Wolff, spricht über den Start ins Semester, Wohnheime und Zukunftspläne.

Frau Wolff, Sie planen ein Hybridsemester, also digitale Angebote und Präsenzveranstaltungen. Müssen Sie angesichts der steigenden Infektionszahlen nun doch die Präsenzveranstaltungen absagen?

Gute Frage, wir hatten mit so viel Präsenz wie möglich und so wenig Digitalisierung wie nötig geplant. Von mehr als 4500 Veranstaltungen sollten 730 Kurse zumindest teilweise in Präsenz stattfinden. Aktuell werden wir wieder digitaler. Und immer gilt: Maske und 1,50 Meter Abstand voneinander. Dadurch haben wir nur etwa ein Siebtel unserer Raumkapazität. In einen großen Hörsaal passen dann nur noch 75 Leute. In der digitalen Lehre bemühen wir uns, die Didaktik umzustellen und nicht einfach nur zu streamen.

Welche Erfahrungen haben Studierende und Lehrende damit gemacht?

Die Mehrheit, zwei Drittel der Studierenden und drei Viertel der Lehrenden, ist laut unserer Umfrage mit den digitalen Formaten im Sommersemester zufrieden gewesen. 77 Prozent der Lehrenden bewerten die eigene technische Ausrüstung als ausreichend. Da war ich sehr erleichtert. Auf stark gestiegene Akzeptanz stößt nun unsere digitale Lernplattform Olat; viele zeigen mehr Interesse an der virtuellen Lehre. Wir werden einiges beibehalten, um – auch nach Corona – Präsenzveranstaltungen mit digitalen Angeboten zu verbessern und zu ergänzen – im Sinne einer digital unterstützten Präsenzuniversität, als die wir uns seit 2017 in einem Leitbild beschreiben.

Trotzdem geht etwas vom Spirit verloren, das Unileben mit Semesterstart-Party liegt still. Wie können Sie den Erstsemestern aktuell unter die Arme greifen?

Da haben wir viele Angebote entwickelt, etwa eine Website zum Studienbeginn. Mit dem Uniorchester habe ich eine Begrüßungsvideobotschaft gedreht. Das Studium vergleiche ich darin mit dem Erlernen eines Instruments, bei dem man sich und die Umwelt zunächst etwas quält, aber dann am Ende die Freude überwiegt, wenn man es perfekt beherrscht.

Mit welchem Hygienekonzept starten Sie in das Semester?

Wir halten uns an die für Frankfurt und Hessen geltenden Verordnungen. Dass es nun seit Mittwoch auf dem gesamten Campus auch im Freien eine Maskenpflicht gibt, werden wir verstärkt kommunizieren. Das hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Seit Anfang Oktober muss auch in den Unigebäuden eine Maske getragen werden. Es sei denn, man ist allein am Arbeitsplatz.

Wie sieht der universitäre Veranstaltungskalender bis zum Jahresende aus?

Wir prüfen, welche Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Das tut schon weh, wenn die Überreichung der Urkunden für das Deutschlandstipendium oder der Empfang für die Neuberufenen ausfallen.

Zur Person

Birgitta Wolff (55) ist seit dem 1. Januar 2015 Präsidentin der Goethe-Universität. Zum neuen Jahr ist Schluss, Wolff bleibt der Uni aber erhalten, als Professorin für BWL.

Vor ihrer akademischen Karriere absolvierte Wolff eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Anschließend studierte sie Wirtschaftswissenschaft an der Universität Witten/Herdecke, an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts.

2000 übernahm sie den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Internationales Management an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.

Seit 2017 ist Birgitta Wolff Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats. Seit 2018 ist sie Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Außerdem ist sie Mitglied des Beirats des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).

Für Studienanfänger ist es schwierig, ein Zimmer zu finden. Wie engagieren Sie sich, etwa um mehr Wohnheimplätze zu schaffen?

Wir helfen dem Studentenwerk massiv dabei. Durch meine Initiative konnten wir die Bettenzahl des Wohnheims in Ginnheim deutlich vergrößern. Eröffnet wird es im nächsten Jahr. Und auch auf dem Riedberg war es nach Verhandlungen mit den Ministerien möglich, die Raumhöhe vom International House zu optimieren und so mehr Zimmer zu schaffen. Ich freue mich sehr, dass dort künftig internationale Wissenschaftler und Studierende aus Deutschland zusammen wohnen können; ursprünglich galt das Projekt als nicht realisierbar.

Zum Jahreswechsel endet Ihre Amtszeit als Präsidentin. Sie treten ja gerne für eine Alumni-Kultur ein. Erfolgreiche Absolventen sollen ihre Alma Mater auch weiter unterstützen. Bleiben Sie der Goethe-Universität erhalten?

Und wie! Ich habe ja eine Professur für Betriebswirtschaftslehre, auf die ich dann gehe. Ich führe auch viele Mandate in der Region und darüber hinaus als Angehörige der Goethe-Universität weiter. Ich bin hier inzwischen so verwurzelt, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre umzuziehen, nur weil ich das Mandat als Präsidentin abgebe.

Es gab ja Streit bei der Präsidentschaftswahl, weil der Hochschulrat zwei Kandidaten abgelehnt hatte. Teile des Senats fühlten sich übergangen. Sollte man das Verfahren ändern, Hochschulrat und Senat die Kandidaten gemeinsam nominieren lassen?

Beide bestimmen die Kandidaten ja gemeinsam. Dazu gibt es ein ausgeklügeltes Verfahren der wechselseitigen Checks und Balances, das auch bisher schon ein Gleichgewicht herstellt.

Der Hochschulrat hat mit seinem Vetorecht schon recht großen Einfluss.

Den hat der Senat auch. Die verschiedenen Organe der Universität bringen sich arbeitsteilig in die Führung der Hochschule ein. Es muss abgeklärte Kompetenzen geben. Als Stiftungsuniversität werden wir auch nicht bei jeder Angelegenheit im Ministerium vorstellig. Da müssen wir unsere eigene Mündigkeit und Freiheit gestalten.

Aber Sie sind schon der Meinung, dass eine Verbesserung des Wahlverfahrens möglich wäre?

Ja, und es gibt konkrete Ideen, wie wir das durch unsere eigenen Regelungen relativ einfach in den Griff bekommen. Ideen, denen die drei beteiligten Organe – also Senat, Präsidium und Hochschulrat – zustimmen könnten. Die Diskussion müssen wir zunächst aber intern führen. Ich finde es nicht richtig, wenn jeder gleich mit Vorschlägen an die Öffentlichkeit tritt.

Sie waren die erste Frau an der Spitze der Frankfurter Universität. Was haben Sie anders gemacht als Ihre Vorgänger? Bei der Wahl gab es nur eine Bewerberin, dafür drei Bewerber. Ist der Männerclub etwa zu bedrohlich?

Wir haben hier, wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen, das Phänomen, dass sich mehr Männer bestimmte Jobs zutrauen als Frauen. Jetzt hatten wir sechs Jahre eine Frau an der Spitze. Da ist es in Ordnung, wenn wieder ein Mann an der Reihe ist. Immerhin haben wir das Prinzip implementiert, dass es nicht immer ein Mann sein muss. Hessenweit betrachtet, haben wir an drei der fünf Universitäten Frauen an der Spitze.

Ist die Universität damit weiblicher geworden?

Ich weiß nicht, ob das was mit weiblich oder männlich zu tun hat. Aber ich habe in meiner Amtszeit bei all den anspruchsvollen Strategiethemen sehr auf Partizipation, Kommunikation und Kooperation gesetzt. Wir haben über die Gremien und Organe hinaus Foren und Plattformen geschaffen, in denen wir wichtige Themen besprechen. Niedrigschwellig, damit viele Universitätsmitglieder sich einbringen können. Ich finde das wichtig, damit uns am Ende nicht gute Ideen oder wichtige Informationen fehlen, um die Universität immer weiter zu verbessern.

Interview: Franziska Schubert und George Grodensky

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