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Hochschulpräsident Enrico Schleiff freut sich auf das neue Semester, in dem Lehrende und Studierende wieder vor Ort zusammentreffen können.
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Hochschulpräsident Enrico Schleiff freut sich auf das neue Semester, in dem Lehrende und Studierende wieder vor Ort zusammentreffen können.

Hochschule

Goethe-Uni Frankfurt kehrt zur Präsenzlehre zurück

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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„Wir stehen zu unserem Versprechen“, sagt Hochschulpräsident Enrico Schleiff im Interview. Ein Gespräch über Corona-Vorsorge, die Sichtbarkeit der Wissenschaft in der Stadt und das Streben nach einer gerechteren Gesellschaft.

Herr Schleiff, die Goethe-Universität geht das Wintersemester in Präsenz an. Lehrveranstaltungen sollen mit der vollen Studierendenzahl laufen. Was überwiegt? Die Freude oder die Sorge, es könnte sich doch noch das Virus ausbreiten?

Wir stehen zu unserem Versprechen aus dem Mai, weil wir glauben, dass wir das den Studierenden schuldig sind. Universität ist ja nicht nur: Ich hole mir Wissen ab. Es geht auch um Begegnungen und die Weiterentwicklung von Wissen, Interaktion, studentisches Leben, Netzwerken. Natürlich sind wir etwas nervös. Wir hoffen, dass alle Maßnahmen greifen, die wir in den vergangenen Monaten geplant haben.

Kehren denn die Studierenden freudig zurück?

Nicht nur die Studierenden! Wir hatten letzte Woche je eine Klausur mit dem Senat und dem Hochschulrat. Seit langem wieder als persönliche Begegnung. Das ist eine ganz andere Diskussion und Atmosphäre als am Bildschirm.

Inwiefern?

Alle sitzen sich wieder in einem Raum direkt gegenüber! Und man darf ja nicht unterschätzen, wie viel man zwischendurch in kurzen, persönlichen Gesprächen klären kann. Am Rande habe ich mit Studierenden gesprochen. Die sind froh, dass wieder mehr Partizipation möglich ist. Die neue Studierendengeneration weiß gar nicht, was die Gremien sind, welche Bedeutung sie haben, wie sie funktionieren, wie eine parlamentarische Diskussion abläuft. Allerdings bilden Studierende auch einen Querschnitt der Gesellschaft ab. Da gibt es Ängstliche, die sich Sorgen machen, die nehmen wir sehr ernst.

Wie begegnet die Hochschule diesen Sorgen?

Wir haben mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Psychologie Unterstützungsangebote entwickelt. Und natürlich ist Orientierung wichtig. Deshalb haben wir zum Beginn des Semesters eine Startseite mit FAQ für verschiedene Zielgruppen und weiteren Informationen entwickelt, die erklärt, wie dieses Semester unter Corona-Bedingungen abläuft. Im Intranet gibt es kleine Videos zum Semesterstart. Da wir die internationale Community mitnehmen wollen, gibt es das auch auf Englisch.

Welche Corona-Vorkehrungen hat die Uni getroffen?

Unser Ziel ist der bestmögliche Schutz von Studierenden und Lehrenden. Wir gehen daher auf 3G. Es gibt Einlasskontrollen in die Gebäude. Wir setzen also nicht mehr auf Abstandsregeln, dafür auf Maskenpflicht. Wir hätten sonst nicht die Möglichkeit, mehr als 50 Prozent unserer Raumkapazität zu nutzen.

Und andere Veranstaltungen?

Ab 18. Oktober haben Lehrveranstaltungen absoluten Vorrang. Konferenzen oder andere Veranstaltungen mit externem Publikum kann es dann in den gleichen Gebäuden nur zu Randzeiten geben, wenn keine Lehrveranstaltungen stattfinden, oder am Wochenende. Das gilt auch für die Bibliotheken. Während die Zentralbibliothek in Bockenheim weiterhin allen unter der 3G-Regel offensteht, begrenzen wir den Zugang zu den übrigen Bibliotheken und Mensen. Es sollen sich dort nur Mitarbeitende oder Studierende der Goethe-Universität aufhalten. Wir brauchen diese Kapazitäten in den Bibliotheken, damit unsere Studierenden zwischen den Veranstaltungen Sitzmöglichkeiten haben, Zugang zu WLAN. Für diese Einschränkungen bitte ich bereits vorab um Verständnis. Wichtig wäre noch, dass die Studierenden etwas mehr Zeit bei der Anreise einplanen sollten. Wegen der Einlasskontrollen.

Und wenn es doch schiefläuft?

Wir betrachten und bewerten die Lage wöchentlich und können sehr schnell reagieren. Die Kolleginnen und Kollegen haben doppelt geplant, sie bereiten parallel zur Präsenzlehre auch Digitalformate vor. Sollte sich die Lage wieder drastisch verschärfen, können wir wieder umschalten, ohne dass das Semester verloren geht.

Bleibt das Impfangebot auf dem Campus bestehen?

Natürlich fährt uns der Impfbus des ASB weiter an, am 26. Oktober ist der nächste Termin. Die Impfung ist kostenlos.

Und wie steht es mit kostenlosen Tests?

Für Personen, die nicht geimpft werden können oder für die keine allgemeine Impfempfehlung vorliegt, wird es weiterhin die Möglichkeit zum kostenlosen Antigen-Schnelltest geben. So hat es die Ministerpräsidentenkonferenz am 10. August beschlossen. Vorsorglich möchte ich darauf hinweisen, dass die Goethe-Universität aus ihren Mitteln keine Tests für Studierende finanzieren kann.

Wird die Hochschule digitale Neuerungen aus der Corona-Zeit fortführen?

Jetzt richten wir erst einmal alle Kräfte darauf, dieses Präsenzsemester so erfolgreich wie möglich zu gestalten! In den kommenden Semestern werden wir das Thema Hybridlehre dann intensiv angehen. Wir haben gelernt, dass eine bestimmte Wissensvermittlung digital erfolgen kann. Vieles würden auch die Studierenden gerne erhalten, Mitschnitte aus Vorlesungen zum Nachschauen, Open-Book-Klausuren zum Beispiel.

Wie hilfreich wäre eine zweite U-Bahn-Verbindung zum Campus Westend?

zur Person

Enrico Schleiff (49) ist seit 1. Januar 2021 Präsident der Goethe-Universität, er folgte auf die Wirtschaftswissenschaftlerin Birgitta Wolff.

Der Physiker und Biologe ist seit 2007 Professor für Molekulare Zellbiologie der Pflanzen an der Goethe-Universität. 2012 wurde er zum Vizepräsidenten gewählt und behielt dieses Amt bis 2018. sky

Das wäre eine erhebliche Entlastung des gesamten Stadtverkehrs und ein Beitrag zur Verbesserung des Alltags für Studierende, die oft im Umland wohnen. Und eine signifikante Verbesserung auf dem Weg zum autofreien Campus. Die U4 über den Campus zu führen, hätte den Charme einer direkten Anbindung des Hauptbahnhofs. Das würde die Anreise mit der Bahn attraktiver machen. Wir haben viele Pendlerinnen und Pendler aus der ganzen Metropolregion Rhein-Main.

2030 wird womöglich auch die neue Stadt- und Universitätsbibliothek auf dem Campus eröffnen …

Das wäre etwas für die Stadtgesellschaft, mit der U4 schnell zu unserer neuen, modernen Zentralbibliothek zu fahren. Der Campus Westend wächst bereits im kommenden Semester mit der Eröffnung des neuen Gebäudes für Sprach- und Kulturwissenschaften erheblich weiter. Das zieht noch einmal mehr Studierende, mehr Kolleginnen und Kollegen auf den Campus und führt damit zu einer noch stärkeren Belastung der bestehenden U-Bahn-Linien.

Ein Prestigeprojekt sollte die Campusmeile sein. Die Institutionen entlang des Alleenrings sollten stärker sichtbar werden.

Ich bin positiv gestimmt, dass die neue Römer-Koalition und der neue Magistrat ein großes Interesse haben, die Stadt stärker als Wissenschaftsstadt darzustellen als bisher. Die Campusmeile würde dazu einen Beitrag leisten. Die Verbindung von Senckenberg über die Goethe-Universität bis zur University of Applied Sciences wäre ein unheimlich wertvoller Ringschluss.

Senckenberg? Das geht ja noch weiter, als nur die Institutionen am Alleenring einzubeziehen.

Ja, denn in der alten Druckerei in Bockenheim soll das Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik eröffnet werden, schräg gegenüber ist das Institut für Sozialforschung verortet, dann kommt der Palmengarten, der natürlich auch ein Stück Wissenschaftsgeschichte dieser Stadt darstellt, dann der Campus Westend mit hoffentlich der neuen Bibliothek in zehn Jahren. Bis hin zur Frankfurt University of Applied Sciences. Was uns auf diesem Ring noch fehlt, ist studentisches Leben. Die Stadt sollte überlegen, ob es nicht das eine oder andere Baufeld gäbe, wo man ein Studentenwohnheim hinstellen könnte. Eine Campusmeile würde davon profitieren.

Wieso?

Wohnheime des Studentenwerks stehen Studierenden aller Hochschulen offen. Gerade da entstehen Diskussionen und Kooperationen zwischen den einzelnen Institutionen. Wenn dort mehr Studierende unterwegs wären, könnte man auch einfacher über neue Fahrradwege und Verkehrsberuhigung auf dem Alleenring diskutieren. Die Campusmeile sollte ohnehin mehr als nur ein Begriff sein. Es muss etwas damit verbunden sein. So wie beim Museumsufer. Warum ist das zu einem der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale Frankfurts geworden? Weil es auch die lange Nacht der Museen gibt oder das Museumsuferfest.

Sie wollen ein Campusmeilenfest initiieren?

Zumindest Wissenschaft erlebbar werden lassen. Warum nicht eine lange Nacht oder ein ähnliches Fest (wie es die Goethe-Uni am Riedberg schon viele Jahre macht)? Es ist an der Zeit, dass die Wissenschaft in der Stadt und für die Stadt mehr Bedeutung erhält. Frankfurt kann noch mehr profitieren von den inspirierenden Ideen, die junge Menschen an den Frankfurter Hochschulen haben.

Der Allgemeine Studierendenausschuss hat kürzlich gefordert, die Hochschule müsse ihre Angehörigen besser vor rechten Umtrieben schützen. Es gab die Sorge, der mutmaßliche Terrorist Franco A. sei in den Rechtswissenschaften eingeschrieben und könnte im Seminar auftauchen. Was kann die Uni da machen?

Wir können entschlossen gegen Personen und Initiativen vorgehen, die auf dem Campus, im universitären Raum, gegen die Werte unseres Leitbildes agieren. In unserem Leitbild positionieren wir uns ganz klar gegen Rassismus, gegen Nationalismus, gegen Antisemitismus. Was aber auch klar sein muss: Eine Hochschule kann einzelne Mitglieder nicht aus Gesinnungsgründen oder gleichsam präventiv ausschließen – das verstieße gegen das Grundgesetz.

Was also tun?

Was wir aber tun können und schon tun: sensibilisieren und beraten, wie etwa mit möglichen Provokationen in Lehrveranstaltungen umzugehen wäre. Und Veranstaltungen organisieren, in denen wir deutlich machen, was die Universitätsgemeinschaft unter einer modernen, offenen Gesellschaft versteht. Dass an der Goethe-Universität kein Platz ist für Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus.

Haben die Hochschulen eine besondere Verantwortung, gesellschaftliche Debatten zu prägen? Etwa, was geschlechtergerechte Sprache angeht?

Wir nehmen solche Themen sofort auf und versuchen zu reflektieren, stellen uns Diskussionen. Die Debatte um geschlechtergerechte Sprache gehört zu diesen Themen.

Gibt es an der Uni eine Pflicht zum Gendern?

Es gibt eine Empfehlung, keine Pflicht. Wir achten bereits jetzt in vielen unserer öffentlichen Texte auf eine gendersensible Ausdrucksweise – wie inzwischen übrigens auch viele Medien in Deutschland. Etwas anderes ist es, wenn im Fach Gender Studies in einer Klausur ausdrücklich das Thema gendersensible Ausdrucksweise behandelt wird. Dann kann die Verwendung dieser Ausdrucksweise unter Umständen auch Prüfungsrelevanz erhalten …

Wenn ich das nicht will, dann studiere ich auch nicht Gender Studies …

Der Kern der Debatte ist doch ein anderer. Manchmal bedarf es Diskussionen über Sternchen und über andere Dinge, damit überhaupt ins Bewusstsein gehoben wird, an welchen Stellen in der Gesellschaft noch Probleme und Diskussionsbedarf bestehen. Eigentlich haben wir das Ziel, eine gerechte Gesellschaft zu entwickeln. Da helfen manchmal Disruptionen, wie sie das Sternchen herbeiführt, um klarzumachen: Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen.

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