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Monumentale Plastik vor Baudenkmal. Station eins der Kunstausstellung „Wachstum – Körper – Raum“ von Bildhauer Herbert Mehler auf dem Campus Westend der Goethe-Uni. Foto: Peter Jülich
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Monumentale Plastik vor Baudenkmal. Station eins der Kunstausstellung „Wachstum – Körper – Raum“ von Bildhauer Herbert Mehler auf dem Campus Westend der Goethe-Uni.

Kunst auf dem Campus

Goethe-Uni Frankfurt feiert kulturelle Wiedereröffnung des Campus Westend

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Die Hochschule zeigt eine Werkschau des Bildhauers Herbert Mehler. 18 Plastiken aus Cortenstahl bieten Projektionsfläche für Interpretationen.

Es ist nicht einfach nur eine Ausstellung. Es ist eine Einladung. Die Goethe-Universität möchte mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt in einen Dialog treten – über Zukunftsthemen wie: Nachhaltigkeit oder Diversität. Dafür präsentiert die Hochschule bis zum nächsten April auf dem Campus Westend eine Werkschau des Bildhauers Herbert Mehler. „Wachstum – Körper – Raum“ ist der Titel.

Die Auswahl deckt die vergangenen 20 Jahre seines Schaffens ab. 18 große Plastiken aus Cortenstahl sind auf dem Campus zwischen Miquelallee und Grüneburgweg zu entdecken. Bis zu sechs Meter recken sich die Exponate in die Höhe; sie sind mit rötlich-braunem Rost bedeckt. Die besondere Legierung der Metalle bewirkt, dass sie an- aber nicht durchrosten. So leuchten am Ende des Sommersemesters bereits Herbstfarben, schlagen eine Brücke zwischen Technik und Natur.

Der Künstler nutzt natürliche Formen, Samen, Stengel, Hufe. Er möchte eine „Parallelnatur“ schaffen, sagt er. In seiner 400 Quadratmeter großen Werkstatt in der Nähe von Würzburg schneidet er Streifen aus Stahlblech, biegt sie in Form, schweißt und faltet sie zusammen. Die Exponate sind hohl, ein Rohr dient als Skelett. Cortenstahl ist für den Schiffsbau entwickelt, wer auf Mehlers Plastiken klopft, hört es.

Nicht nur Studierende, Angestellte und Wissen-Schaffende der Hochschule sollen sie anschauen. Die ganze Stadt soll auf dem Campus flanieren, wünscht sich Hochschulpräsident Enrico Schleiff: „Kommt alle her, fühlt Euch wohl.“ Es soll ein Schritt zur kulturellen Wiedereröffnung des Campus nach der Pandemie sein.

Entstanden ist die Schau in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Ausstellungshaus „Die Galerie“. Es ist die dritte Kooperation nach Guy Ferrer 2009 und Igor Mitoraj 2012. Eigentlich stehen die Plastiken in Mehlers großem Garten, auf etwa einem Hektar. Auf dem Campus Westend mit seinen 36 Hektar haben sie mehr Raum zur Entfaltung. Wobei er Gruppen bilden musste, sagt Mehler, nicht nur, damit die Plastiken nicht verloren wirken, auch um die eingangs erwähnten Dialog-Themen aufzugreifen.

Bei der Diversität finden sich Figuren, die noch am ehesten menschliche Formen aufgreifen. Für die Fläche vor dem Haupteingang hat Mehler die größten und dicksten Plastiken ausgewählt. „Da muss man schon ein gewisses Selbstbewusstsein haben“, lobt er seine Figuren. Immerhin stehen sie direkt vor einem Baudenkmal, dem IG Farbenhaus.

Die Schau

Herbert Mehler , Wachstum – Körper – Raum. Die Ausstellung ist noch bis Ende April 2022 auf dem Campus Westend der Goethe-Universität zu sehen.

Die Galerie , Grüneburgweg 123, zeigt noch bis 25. August die zweite Hälfte der Schau, kleinere Plastiken des Künstlers. Dort gibt es zu 24 Euro auch der Katalog zur Ausstellung. Geöffnet Mo. bis Fr., 9-18 Uhr, Sa. 10-14 Uhr. sky

www.die-galerie.com
www.herbert-mehler.com

Jedes Exponat hat ein Fundament bekommen, erklärt Galerist Peter Femfert. Ein Gartenbauunternehmen hat die Gruben ausgehoben, ein Bauunternehmen hat Betonsockel gegossen, 1,50 mal 1,50 Meter, 40 bis 50 Zentimeter tief. Die Kunstwerke sind auf dem Lastwagen angereist, Kräne haben sie aufgestellt. Ohne Sockel wiegt eine sechs Meter hohe Stahlkonstruktion 800 Kilo, mit etwa fünf Tonnen. Es ist schon eine etwas hemdsärmelige Kunst. Der Künstler selbst hat das unprätentiöse Auftreten eines Stahlarbeiters. Händedruck wie ein Schraubstock (vielleicht ist der Reporter auch nur erschrocken vom Händeschütteln an sich, nach eineinhalb Jahren Pause), verbeulte schwarze Jeans, funktionelle Schuhe, reißfestes Shirt, darüber zur Feier des Tages ein Leinensakko.

Mehler drängt sich nicht in den Vordergrund. Seine Kunst kommentiere keine tagesaktuellen Ereignisse, sagt er. Er möchte sie auch nicht erklären. Es ist eine „archaische Auffassung“ von Kunst. „Sie steht da und spricht für sich“, sei offen für Annäherung, für Interpretation. Gerade deswegen gefällt ihm die Schau auf dem Campus, mit seinen verschiedenen Fakultäten und Geistesrichtungen. „Ich fühle mich aufgenommen.“

Galerie und Hochschule haben einen hochwertigen Katalog erarbeitet. Der zeigt die Ausstellungsstücke, enthält zudem eine Reihe von Essays, in denen sich Forschende Gedanken über die Kunstwerke machen. Der Politikwissenschaftler und Philosoph Rainer Forst etwa, Senckenberg-Leiter Klement Tockner, Sozialwissenschaftlerin Anja Wolde, die auch das Gleichstellungsbüro der Hochschule verantwortet.

Dafür ist Kunst da, findet Unipräsident Schleiff. „Die Gedanken fliegen zu lassen.“ Beim Rundgang interpretiert er begeistert den Corno Grande, das große Horn, das in der Nähe des Bassins vor dem Mensa-Casino zu finden ist. Der Corno schwebt liegend in der Luft, am Boden gehalten von zwei unscheinbaren Streben, die Spitzen zeigen nach oben. „Er versinnbildlicht die Wissenschaft an sich“, sagt der Präsident.

Der untere Teil steht für eine Frage, die beiden Spitzen sind die unterschiedlichen Disziplinen, etwa die Sozial- oder die Naturwissenschaften, die das Problem von zwei Seiten her denken. Der Corno bildet keinen Kreis, die Enden finden nicht zueinander. Die Luft dazwischen zeige, dass es nie endgültiges Wissen geben könne, die Wissenschaft hinterfrage sich, lerne dazu, verwerfe frühere Thesen sagt Schleiff.

Zu erwerben wäre der Corno für 95 000 Euro, informiert Galerist Femfert. Andere Bildhauer verlangen mehr für ihre Werke. Mehler sei ein Künstler mit „modesten“ Preisvorstellungen. An den Stücken ist ein QR-Code zu finden, der Besucher:innen via Smartphone zu Informationen weiterleitet.

Unterschiedliche Interpretationen erzeugt auch ein Exponat, das sich nahe des House of Finance in die Höhe streckt. Ein schlanker Stiel mit einer Wölbung an der Spitze. Präsident Schleiff, anscheinend Pilzexperte, sieht eine Morchel, andere Teilnehmer:innen des Rundgangs erkennen einen Spargel. Die Plastik stand einmal auf einer Schau in Laar, erzählt der Künstler versonnen. „Da ist eine Karikatur dazu entstanden“: Eine Frau steht mit großen Augen vor dem Kunstwerk, während ihr Mann verzweifelt versucht, sie davon wegzuziehen.

Er denke über so etwas eigentlich nicht nach, sagt Mehler, um Aufklärung gebeten. Der Künstler Joseph Beuys habe einmal gesagt, er denke mit dem Knie. „An denen habe ich bereits zwei Kreuzbandrisse“, sagt Mehler verschmitzt.

Bildhauer Herbert Mehler arbeitet mit Cortenstahl. Foto Peter Jülich
Die Figurengruppe repräsentiert das Streben der Wissenschaft zu den Sternen. Womöglich sehen Kunstfreunde aber auch etwas anderes darin. Foto Peter Jülich
Der Corno Grande scheint auf der Wiese zu schweben. Erst von nahem sind die Bodenstreben und das Fundament zu erkennen.

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