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„Den Blick ins Nichts gerichtet“: Goethestatue am Goetheplatz.
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„Den Blick ins Nichts gerichtet“: Goethestatue am Goetheplatz.

Frankfurter Merkwürdigkeiten

Goethe-Skulptur in Frankfurt: Denkmal für einen Geizhals

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Das Goethe-Denkmal in Frankfurt erinnert an Goethe als Geizhals, Spaßbremse und Steuerflüchtling. Die Skulptur selbst hat eine kuriose Geschichte hinter sich.

In Frankfurt steht seit 1844 ein Goethe-Denkmal. Es wurde errichtet, um Heinrich Heine zu ärgern. Wohl erfolgreich, jedenfalls verstarb Heine 1856, und das ziemlich verärgert. Das Denkmal hat also seinen Zweck erfüllt. Es steht aber immer noch und erinnert nun an die Unvergänglichkeit des goetheschen Seins – und daran, dass Goethe mehr war als nur Dichterfürst. Nämlich auch Geizhals, Spaßbremse und Steuerflüchtling. Ein Meister des Wortes, aber auch ein vaterstadtsloser Geselle.

Der Bronze-Goethe hat schon einiges mitgemacht. Mal wurde er „von frevelnder Hand mit Salpetersäure“ übergossen, mal mit Kalk bestreut, und immer hatten die Tauben ihre Freude an ihm. Zu seinem 100. Geburtstag verlor er bei einem Fliegerangriff Kopf und Arme. Frankfurter Bürger verbuddelten des Genius’ Torso in der Überzeugung, er solle besser ewiger Vergessenheit denn Metalldieben anheimfallen. Aber er wurde wieder ausgebuddelt, und Experten im Liebieghaus kriegten den kopflosen Dichter wieder hin. Nur nicht wieder an den alten Standort. Von 1952 an war Goethe in die Gallusanlage strafversetzt. Nach Abbüßung und frisch restauriert wurde er dann 2007 wieder zurückversetzt an den Goetheplatz, wohin auch sonst? Allerdings blickt der Geheimrat nicht wie früher sehnsuchtsvoll gen Süden und Sachsenhausen, sondern nach Norden ins Nichts. Um – man mag es glauben oder lassen – Touristen zu erlauben, das Goetheantlitz und die Skyline mit einem Schuss zu erledigen.

Goethe hat so was schon immer geahnt. Die Huldigung seiner Heimatstadt schien ihm stets ein Danaergeschenk. Der Argwohn kam nicht von ungefähr. 1814 etwa nutzte der Bankier Johann Jakob Willemer die dreitägige Abwesenheit seines Hausgastes und -freundes Goethe aus, um flugs die eigene Beziehung zu seiner Pflegetochter Marianne zu legalisieren, auf die Goethe mehr als nur ein Auge geworfen hatte. Und einen Fake-Artikel an das „Morgenblatt für die gebildeten Stände“ zu schicken, in dem er behauptete, auf einem rauschenden Fest zu seinen Ehren habe sich der Dichterfürst im Kreise seiner Freunde prächtig amüsiert.

Goethes Kopf als Torte

Andere Zeitungen traten den frei erfundenen Quark weiter breit, und die Stadt Frankfurt sah sich genötigt, von nun an tatsächlich jedes Jahr ein „Goethe-Fest“ feiern zu müssen – wenn auch ohne Goethe. Und im August 1819 wurde in Sachsenhausen aus Anlass seines 70. Geburtstags ein Kuchen in Form von Goethes Kopf verspeist, was selbst der Großkopferte als unziemlich spooky empfunden haben muss.

Die Serie

„Frankfurt steckt voller Merkwürdigkeiten“, hat Goethe einst gesagt. Merkwürdig ist auch, dass Frankfurt heute voller Goethe steckt. Aber ein paar Merkwürdigkeiten haben den Dichterfürsten überlebt. Andere sind gar neu dazugekommen.

Die FR stellt sie in loser Reihenfolge vor. Einige davon könnten Ihnen merkwürdig vorkommen. Aber genau das sollen Merkwürdigkeiten ja auch. skb

Genagt von Zweifeln, ob seine Heimatstadt am Ende noch die Gebeine seiner Mutter auf einem Schulhof zur Schau stellen oder auf ähnliche Geschmacklosigkeiten kommen könnte, hatte Goethe bereits 1817 sein Frankfurter Bürgerrecht freiwillig aufgegeben. Auch steuerliche Gründe spielten eine Rolle, Goethe war längst in die Oase Weimar verzogen. Die ihm angetragene Frankfurter Ehrenbürgerschaft hatte er dankend abgelehnt. Für Frankfurt bedeutete das einen Ansehensverlust als Literaturstandort (hinnehmbar) und erwartete Einnahmeverluste in Millionenhöhe (nicht hinnehmbar). Es war eine bislang beispiellose Steuerflucht. Erst 1833 sollte der Apothekerlehrling Heinrich Nestle mit seiner Migration in die Schweiz Goethe übertrumpfen. Immerhin klebte sich Goethe kein Parvenü-Akzent an die Hinterlettern und dichtete fortan als „Goethé“ weiter, dennoch schrumpfte der Dichter in der Beliebtheit der Frankfurter Stadtgesellschaft auf Offenbachgröße.

Nichtsdestotrotz kamen Goethe-Denkmäler langsam in Mode, und Frankfurt wollte damals schon keinen Trend verpassen. 1821 versuchte ein „Verein zur Errichtung eines Denkmals für Göthe“ unter anderem durch Zeitungsannoncen Geld zusammenzuschnorren für eine Art Goethe-Mausoleum auf einer heute nicht mehr existenten Maininsel in Höhe des Nizza. Goethe war das furchtbar peinlich. Ihm erschiene eine kleine Büste vor der Stadtbibliothek neben anderen Genies angemessener, zu dem sei das Mainufer ja auch „nur im Sommer ein erfreulicher Aufenthalt für Besucher“. Wie auch immer: Es kam sowieso nicht genug Geld zusammen, und Heinrich Heine verfasste daraufhin ein Schmäh-Sonett auf die ihm verhasste Krämermetropole Frankfurt, wo er als Kaufmannslehrling habe lernen müssen, „wie man einen Wechsel ausstellt und wie Muskatnüsse aussehen“. In diesem heißt es: „Ein Denkmal hat sich Göthe selbst gesetzt. / Im Windelschmutz war er euch nah, doch jetzt / Trennt Euch von Göthe eine ganze Welt, / Euch, die ein Flüßlein trennt vom Sachsenhäuser!“ Als ob der Frankfurter die Geizkröte sei und nicht Goethe.

Zu Goethes Finanzschaden auch noch Heines Lyrikspott – das war mehr, als die Frankfurter erdulden konnten. Sie setzten Goethe 1844 dann doch noch ein eigenes Denkmal beziehungsweise beauftragten den bayerischen Künstler Ludwig Schwanthaler damit – als Goethe bereits fünf Jahre tot war und sich nicht mehr wehren konnte.

Jacke falsch herum geknöpft

Und um dem blöden Heine zu zeigen, wie gut man seinen Goethe doch kenne, ließ man ihn über das trennende Flüsslein Richtung Sachsenhausen glotzen, wo die Goethe-Musen (Apfel)wein, Weib und Gesang ihre Heimstatt haben. Um dem geizigen Steuerflüchtling aber noch eins mitzugeben, knöpfte man dem Bronze-Goethe die Jacke falschrum – nämlich auf links, entgegen der klassischen Herrenmode, die den Knopf rechts verortet. Nun kann es natürlich sein, dass der mit dem Guss beauftragte Münchener Gießer Johannes Stiglmaier damals Gewichtigeres als Knopf im Kopf hatte: Er lag mit Magenkrebs im Sterbebett und dirigierte von dort seinem Lehrling den Guss, um wenige Stunden nach getanem Werk von hinnen zu scheiden.

Wahrscheinlicher ist aber, was auch Wikipedia vermutet „eine Anspielung Schwanthalers auf Goethes Geiz, der abgetragene Kleidungsstücke gewendet und von der falschen Seite weitergetragen habe“. Und sein Geburtsrecht als freier Frankfurter zu Markte getragen hatte. Das hat er nun davon!

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