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Karl-Heinz Diehl hat auf seinen weltweiten Reisen viel fotografiert und gesammelt.  

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Ein Globetrotter hat genug gesehen

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Karl-Heinz Diehl will nach unzähligen Weltreisen jetzt kürzer treten - und träumt doch schon von Kuba und Kolumbien

Karl-Heinz Diehl hat es geschafft: Der gebürtige Berkersheimer hat seine Sucht überwunden. Mit nunmehr 73 Jahren. Süchtig war er all die Jahre nach Reisen. Nach Reisen in die ganze Welt. Dabei sah es die ersten 34 Jahre seines Lebens nicht danach aus, dass aus dem Berkersheimer Bub ein Globetrotter wird.

Seine Familie besaß seit Generationen einen Hof in dem Frankfurter Stadtteil, er übernahm ihn nach der Berufs- und der Fachschule. Doch Anfang der 70er Jahre musste die Familie den Hof aufgeben, Karl-Heinz Diehl – dessen Bruder Wolfgang im Stadtteil und darüber hinaus als Treppenbauer bekannt ist – wurde Werkzeugmacher, später übernahm er zwei Foto- und Schreibwarenläden, erst in Mühlheim, dann in Kronberg-Oberhöchstadt. Gewohnt hat er all die Zeit weiter in Berkersheim. In Mühlheim hat er eigenen Angaben zufolge „vier Jahre durchgearbeitet, mit einem halben Tag Urlaub im Jahr“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er das Reisen schon für sich entdeckt. Es war ein „lustiger Zufall, mit dem alles angefangen hat“, so Diehl. 1978, auf einem Weinfest in Liederbach, erzählten Freunde ihm, dass sie nach Amerika reisen würden. Für den damals 33-Jährigen, der bis dato erst drei Mal aus Berkersheim rausgekommen war, zwei Mal nach Mallorca, einmal nach Benidorm, eine Nummer zu groß.

Doch dann, ein paar Monate später, war er mit der Firma in Konstanz. Dort sah Diehl ein Plakat, das für eine USA-Reise inklusive Hawaii warb. „Das Wörtchen Hawaii hatte es mir angetan“, erinnert sich der jetzige Bad Vilbeler, der zuletzt als Hausmeister bei der dortigen Polizei tätig war. Er buchte die Reise, sah aus dem Flugzeug die Golden Gate Bridge und den Grand Canyon, bekam nach der Landung auf Hawaii ein Blumenkette überreicht – „da hatte ich Tränen in den Augen“.

Diehls Fernweh war geweckt. Drei Monate später zog es ihn nach Kenia, „zu den wilden Tieren“, im Folgejahr nach Südamerika, wo dem HSV-Fan vor allem der Besuch des Maracana-Stadions in Rio im Gedächtnis blieb, kurz danach machte er Bungee-Jumping in Neuseeland.

Es folgten Dutzende weitere Reisen, nach Israel, Syrien und Libanon, nach Libyen, Ruanda und Uganda, nach Mexiko und in die Karibik, in die Südsee, nach Alaska und Grönland. Allein zehn Mal war er im Himalaya. Er hat die Sahara mit den Tuareg durchquert, Russland mit der Transsibirischen Eisenbahn, hat das Volk der Dani in West Papua besucht und die ebenfalls dort – in Baumhäusern in 30 Metern Höhe – lebenden Korowai.

Fragt man ihn, wie viele Länder er bereist hat, kann er das gar nicht sagen. Er antwortet auf seine eigene Art: „Sagen wir mal so, in Südamerika habe ich nur zwei Länder nicht gesehen.“ Bei der Frage ist es ähnlich. Er sagt salomonisch: „Das spektakulärste Land war Indien, das abenteuerlichste Volk die Korowai, die gigantischste jede Reise nach Nepal.“

Diehl blüht auf, wenn er von seinen Reisen erzählt. Er weiß jedes Detail, springt auf und zeigt Collagen, Fotoalben oder Bilder am Computer. Er schafft es, in einer Antwort von drei verschiedenen Trips zu erzählen, ohne zu verwirren. Die Reisesucht war keine Last, sondern Leidenschaft.

Doch damit ist jetzt Schluss. Diehl kann nicht mehr. Das Alter. Und er will nicht mehr. Er hat alles gesehen. Anfang April hat er auf seiner fünften Nepal-Reise „Abschied von den 8000ern genommen“. Reisen nach Kolumbien und Kuba schweben ihm vor, sind aber kein Muss. Er ist zufrieden mit dem Erlebten, davon zehrt er. Und er gibt seine Erfahrungen bei Vorträgen weiter. Aber auch damit wird es bald vorbei sein. Die 250 Plakate, die er jedes Mal selbst gestaltet, geklebt und wieder eingesammelt hat, das schafft er nicht mehr.

Dafür kann er sich jetzt seinen neuen, nicht ganz so kosten- und zeitintensiven Hobbys widmen. Er leitet eine Fahrradgruppe, ist beim Bildungsforum Dortelweil aktiv, hält kleinere Vorträge. Auch für private Geburtstage wird er manchmal gebucht. Ganz ohne Reisen und das Reden darüber geht es halt nicht. So ist das eben mit einer Sucht.

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