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Mohr weiß, die Chancengleichheit ist ein zähes Geschäft.

Arbeitsmarkt

Girls’ Day in Frankfurt: „Der rosa Rummel macht es schwer“

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Andrea Mohr von der Agentur für Arbeit setzt nicht nur auf den Girls’ Day, sondern auch auf den Fachkräftemangel.

Der Girls’ Day soll jungen Frauen die Gelegenheit geben, sich in technischen Berufen umzusehen, und sie ermutigen, etwa Mechatronikerin oder Ingenieurin zu werden. Dabei geht es auch um eine gute Bezahlung im Erwerbsleben. Die sollte ausreichen, um Männern wie Frauen eine eigenständige Existenz zu ermöglichen, fordert Andrea Mohr von der Frankfurter Agentur für Arbeit.

Frau Mohr, warum ist Ihnen der Girls’ Day wichtig? Welche Rolle sollte er bei der Berufswahl spielen?
Er könnte eine große Rolle spielen. Ich kenne Unternehmer, die in technischen Berufen mehr Mädchen ausbilden möchten. Das klappt aber nicht, wenn erst kurz vor dem Beginn des Ausbildungsjahrs dafür geworben wird.

Das hört sich so an, als gebe es bei den Arbeitgebern plötzlich eine große Bereitschaft, Mädchen in technischen Berufen auszubilden. Ist das so richtig, und was sind die Gründe?
Die Unternehmen sehen den demografischen Wandel. Sie müssen schauen, woher die Fachkräfte der Zukunft kommen. Die Hälfte der Menschheit nicht zu bedenken, sprich die jungen Mädchen und Frauen, das wäre dumm. Und dumm sind Unternehmen nicht. Außerdem sehen sie, dass Mädchen die besseren Abschlüsse machen.

In der Schule und im Studium.
Aber auch in der Ausbildung. Unternehmer sagen, wenn ich Mädchen etwa in der Ausbildungsgruppe zur Industriemechanikerin habe, ist die ganze Gruppe disziplinierter, die Ergebnisse sind besser. Das höre ich überall in den technischen Branchen.

Wie können die Unternehmen lernen, das Signal zu senden, dass sie gern Mädchen ausbilden wollen?
Selbst wenn das gelingt, wird es nicht passieren, dass die Mädchen zu ihnen strömen. Das ist alles sehr hartnäckig. In den neuen Bundesländern, in denen früher viele Frauen in technischen Berufen tätig waren, mussten wir erfahren, dass sich die Berufswahl dort immer mehr dem rollentypischen Muster der alten Bundesländer angenähert hat.

Können Sie erklären, warum die typischen Frauenberufe noch so beliebt sind, obwohl sie schlecht bezahlt werden?
Das Elternhaus ist immer noch sehr entscheidend bei der Berufswahl. Die jungen Frauen kennen nicht so viele Berufe außer Arzthelferin, Lehrerin, Erzieherin. Das ist das, was ihre Lebenswirklichkeit berührt.

Und wie kommt es, dass die Jungs da anders ticken?
Seit es auch den Boys’ Day gibt, war ich am Anfang sehr überrascht: Es dauert keine zehn Minuten, bis der erste Junge fragt: Was verdient man da. Bei den Mädchen habe ich diese Frage noch nie gehört.

Warum ist das so?
Die meisten Mädchen möchten einen Beruf, der Spaß macht, und sie glauben, dass für das Ernähren der Familie der Mann zuständig ist.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte, um das zu ändern?
Es ist ganz viel Arbeit mit Eltern notwendig. Es ist wichtig, bei der Berufswahl die Neigung zu berücksichtigen. Aber eine junge Frau sollte auch fragen: In welchem Beruf kann ich mich und vielleicht auch ein Kind ernähren?

Gibt es nicht doch etwas, was sich in den letzten Jahren verändert hat?
Der Wiedereinstieg nach einer Familienzeit hat sich verändert. Früher wurde bei einer Teilzeitstelle meistens der Wunsch geäußert, vier Stunden vormittags zu arbeiten. In Frankfurt hat sich die Teilzeit der Vollzeit angenähert. Es werden 25 bis 30 Stunden oder auch vier ganze Tage in der Woche gearbeitet. Das hat sicherlich auch wirtschaftliche Gründe.

Wie kann man den Girls’ Day so gestalten, dass er mehr Frauen dazu ermutigt, einen Männerberuf zu wählen?
Ich würde nicht von Männerberuf sprechen. Das erhöht die Hürden gleich wieder. Man sollte einfach schauen: Wer hat wo welche Fähigkeiten? Selbst Mädchen, deren bestes Fach Physik ist, kriegen von den Eltern den Rat, geh ins Büro. Oder wenn wir uns den ganzen rosa Rummel gerade bei den kleinen Mädchen anschauen ...

Das klingt, als gäbe es noch viel zu tun?
Tatsächlich ist es die Wirtschaft, die immer mehr Druck macht. Die Unternehmen sehen, dass sie ihren Fachkräftebedarf nicht allein mit jungen Männern abdecken können. Außerdem hat man festgestellt, wenn zum Beispiel beim öffentlichen Personennahverkehr nur junge Männer die Planung übernehmen, dann werden nur deren Bedürfnisse berücksichtigt. Frauen nutzen aber oft ganz andere Wege als die Männer.

Also gehen Sie davon aus, dass der Fachkräftemangel dazu beitragen wird, dass die Chancengleichheit zunehmen wird?
Ja, davon gehe ich aus. Wir müssen natürlich einiges dafür tun, dass nicht alle Frauen nur in die Pflege gehen oder in die Erziehung. Und wir müssen deutlich machen, dass man auch von diesen Berufen leben können muss, das heißt, dass sie besser bezahlt werden müssen.

Andrea Mohr - Zur Person

Andrea Mohr ist Beauftragte für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Die 58-Jährige kam als Quereinsteigerin zur Agentur für Arbeit. Von Haus aus ist Mohr Sozialarbeiterin. Aktuell kümmert sie sich um den Frauenanteil bei Führungskräften, informiert über Teilzeitarbeit und Wiedereinstieg. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Thema, das sie ständig begleitet.

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