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Die Zoologische Präparatorin Anna Frenkel (29) trägt im Frankfurter Naturmuseum Senckenberg Acryl-Spachtelmasse auf der Oberfläche ihres Modells eines Weißspitzenriffhais aus PU-Schaum auf.

Kultur

Gips für den Hai

In der Senckenberg-Werkstatt entwickeln Präparatoren seit eineinhalb Jahren ein Korallenriff-Modell für eine neue Dauerausstellung.

Mit Handschuhen und Spachtel nähert sich Anna Frenkel dem Hai. Jetzt ist der Gips fällig. Sorgfältig trägt die Mitarbeiterin der Senckenberg-Werkstätten die dünne Schicht auf den derzeit leicht gelblichen Räuber auf, der aus einer Modelliermasse geformt ist und seine kantige Schnauze in die Luft streckt. "Die Form hat er schon, nun muss auch die Oberflächenstruktur stimmen", sagt Frenkel und deutet auf eine Schale mit schimmernden Glasteilchen, die Teil der "Haut" des Riffhais sein werden. Ende kommenden Jahres wird er Teil des Korallenriff-Modells sein, das im Rahmen des Umbaus des Frankfurter Senckenberg-Museums in der neuen Dauerausstellung "Korallenriff" zu sehen sein wird.

"Seit eineinhalb Jahren arbeiten wir jetzt an dem Riff", erzählt Hildegard Enting, die Leiterin der Präparatorischen Werkstatt. Etwa drei Jahre Vorbereitung sind fällig, um am Ende den Museumsbesuchern die Vielfalt des Lebens im Korallenriff nahe zu bringen. Inspiration haben Enting und ihre beiden Mitarbeiterinnen ständig vor Augen: Das verkleinerte Modell des Riffs in einer Ecke der Werkstatt, Unterwasserfotos und Fische als Modelle oder Zeichnungen, das vergrößerte Modell eines Pygmäenseepferdchens auf einem der Arbeitstische.

"Ich habe mich eigentlich nie so richtig für Fische interessiert", räumt Enting ein. "Ich fand die zwar hübsch, aber ich habe mich nie wirklich damit befasst." Mittlerweile ist sie von ihrem aktuellen Projekt fasziniert. Denn ehe das Korallenriff Form annimmt, ist Recherche in Büchern und Museumssammlungen fällig. "Wir sind natürlich in einer tollen Situation. Wir haben das ganze geballte Wissen, das zur Verfügung steht und setzen das gestalterisch um", sagt Enting zur Zusammenarbeit mit den Fachwissenschaftlern der Senckenberg-Gesellschaft.

Kay Weber (26), Technische Assistentin im Frankfurter Naturmuseum Senckenberg, legt frisch gefertigte Grüne Riffseescheiden in einer Schublade.

Die Präparatorinnen sehen sich ein bisschen an der Schnittstelle zwischen den Wissenschaftlern einerseits und den Ausstellungsmachern und Museumspädagogen andererseits. "Wir möchten natürlich das Ganze dem Besucher näher bringen, von den älteren Herrschaften bis zu den kleinen Kindern", sagt Enting über aufwendige Modelle wie derzeit das Korallenriff. Bei der Umsetzung müssen die Präparatorinnen überlegen, mit welchen Verfahren und Materialien das beste Ergebnis möglich ist.

Dabei gebe es immer wieder neue Entwicklungen: "Die 3D-Printverfahren etwa geben neue Möglichkeiten, Dinge darzustellen und nahe zu bringen, die vorher einfach nicht möglich waren", nennt Enting ein Beispiel. In anderen Fällen ist klassische Handarbeit gefragt, wenn etwa Entings Kollegin Kay Weber mit feinen Pinselstrichen Korallen-Bauteile und tropische Fische bemalt.

Modellbautechniken werden Enting zufolge für ihre Arbeit immer wichtiger, während die "klassische Präparation" eigentlich Fell- und Federpräparation bedeute. Geologische Präparatoren dagegen legen beispielsweise Fossilien frei und sind in anderen der Senckenberg-Werkstätten ebenfalls vertreten.

Eine besondere Herausforderungen der Präparatorinnen bei ihrem aktuellen Projekt ist die Vielfalt der Riffbewohner jenseits vom Korallen, Riffhaien oder zum Beispiel Clownfischen, sagt Enting. "Die Natur ist ja eher ein Fass ohne Boden. Wir zeigen auch das, was man sonst nicht sieht." Dazu gehört dann in der fertigen Ausstellung etwa das Pygmäenseepferdchen oder das aktuelle Projekt Entings, die sogenannte Schäfchenschnecke.

Im Original gerade mal zwei bis sieben Millimeter groß, hat sie aus Modelliermasse erste Bauteile in 20-facher Vergrößerung geformt. Die Costasiella kuroshimae, wie die Tiere wissenschaftlich heißen, sei "meganiedlich", schwärmt Enting. Vor allem aber sind die kleinen Schnecken auch für Wissenschaftler erstaunlich: "Sie weiden Algen ab, lagern das Blattgrün in ihren Fortsätzen ein und die können dann Photosynthese betreiben wie Pflanzen. Wie das funktioniert und warum die das können, ist in der Wissenschaft noch ein Geheimnis." (dpa)

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