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Wohnungsdezernent Mike Josef vor einer der charakteristischen runden Hausecken.

Frankfurt

Neues Leben für alte Siedlungen

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Mit einem ehrgeizigen Millionen-Euro-Programm will Frankfurt drei Quartiere aus den 20er Jahren erneuern.

Rechts und links der schmalen Straße drängen sich die zweigeschossigen Häuser. Die Farben der Fassaden verwaschen, die Mauern mit manchem Riss. Die Siedlung Römerstadt, 1927 bis 1929 gebaut, ist erkennbar gealtert. Mit anderen Quartieren zusammen stand sie für den großen städtebaulichen Aufbruch Frankfurts in den 20er Jahren, für das „Neue Frankfurt“. Jetzt will die Stadt in einem ehrgeizigen Programm Häuser mit knapp 10 000 Wohnungen sanieren und energetisch in die Gegenwart führen. „Wir pflegen eine der Kernidentitäten unserer Stadt“, sagt Wohnungsdezernent Mike Josef (SPD) beim gemeinsamen Rundgang durch die Siedlung.

Aus grauen Wolken blitzt manchmal für Sekunden die Sonne. Kaum jemand ist des Nachmittags auf der Straße. Gerade in einer dynamischen Großstadt wie Frankfurt, die rasch wächst und ihr Antlitz immer wieder verändert, sei es wichtig, „auch den Heimatbegriff zu stärken“, sagt Josef. „Die Siedlungen des Neuen Frankfurt sind Heimat für Tausende von Menschen.“

Heimat: Es ist kein Zufall, dass der Sozialdemokrat in einer Zeit des erstarkenden Rechtspopulismus diesen Begriff nicht der Rechten überlassen möchte. Die Siedlungen des Neuen Frankfurt, unter der Verantwortung von Stadtbaurat Ernst May (kleines Foto) 1925-1932 entstanden, wurden von der Politik buchstäblich aus den Augen verloren. Jetzt, da das 100-jährige Jubiläum des umfassenden kulturellen Programms von damals näher rückt, besinnen sich die Kommunalpolitiker auf den Schatz, den sie da hüten.

Drei Siedlungen wollen sie in den nächsten Jahren erneuern. Die Römerstadt mit ihren 2500 Menschen, die alte Arbeitersiedlung Riederwald (5000) und die Heimatsiedlung in Sachsenhausen (2300 Bewohner). Es rückt der soziale Anspruch wieder in den Fokus, der sich damals mit dem Neuen Frankfurt verband. Es ging nicht nur darum, nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs rasch preiswerte Wohnungen für viele zu schaffen. Es ging um eine neue Architektur, eine neue innere Ordnung der Häuser, aber auch eine andere Gestaltung der Freiflächen.

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Wir erreichen eine der halbrunden Bastionen der Römerstadt, von der aus der Blick weit ins Land geht, über ein Puzzle von Kleingärten hinweg. Ernst May hatte die Vorstellung, dass die Bewohner der Siedlungen sich auf den Bastionen zum gemeinsamen Leben treffen sollten, zum Feiern, Diskutieren, ja zum gemeinschaftlichen Gärtnern. Tatsächlich will die Stadt auch den Freiraum zwischen den Häusern erneuern. Neue Gemeinschaftsgärten sind angestrebt. Alte Dachterrassen will man wieder beleben. Zwischen den Häusern öffnen sich die alten „großen Bleichen“. Auf diesen Flächen trockneten die Menschen in den 20er Jahren ihre Wäsche. Jetzt sind Fachleute engagiert worden, um neue Nutzungsideen zu entwickeln.

Eine Landschaftsarchitektin und eine Denkmalpflegerin werden in den nächsten Wochen eine umfassende Bestandsaufnahme der Siedlung erarbeiten. Zweigeschossige Einfamilienhäuser drängen sich an den Straßen, dahinter öffnen sich kleine Gärten. Dreigeschossige Wohnblocks markieren die Straßeneinmündungen. Halbrunde Stirnseiten sind das Charakteristikum. Ernst May, Herbert Boehm und Wolfgang Bangert schufen diesen städtebaulichen Entwurf, der den Hang zum Niddatal hin gliedert. In den Häusern brachten die Frankfurter Küchen der Designerin Margarete Schütte-Lihotzky auf engstem Raum neue Möglichkeiten.

Die drei ausgewählten Siedlungen Römerstadt, Riederwald und Heimatsiedlung sind denkmalgeschützt, das stellt noch einmal eine besondere Herausforderung dar. Schon in der Vergangenheit hatten die Denkmalschützer protestiert, wenn die Wohnungsgesellschaften einfach hölzerne Türen und Fensterrahmen durch Kunststofffertigteile oder Metallkonstruktionen ersetzt hatten. Wohnungsdezernent Josef verspricht, wieder Fensterrahmen und Türen aus Holz montieren zu lassen. Die Fassaden sollen die alten Farbtöne wieder erhalten, von denen heute kaum noch etwas zu sehen ist.

Für das Projekt unter dem Titel „Lokale Baukultur bewahren: Das Neue Frankfurt“ hat die Stadt jetzt beim Bundesbauministerium einen Förderantrag eingereicht. Wohnungsdezernent Josef und sein Team hoffen auf Zuschüsse von bis zu 14 Millionen Euro aus dem Bundesetat. Mitte März fällt eine Jury die Entscheidung über den Frankfurter Antrag.

Fließt wider Erwarten kein Geld des Bundes, muss die Stadt Frankfurt die Herausforderung alleine bewältigen. Bis zu 50 Millionen Euro stehen dafür bereit. Im Jahre 2025, wenn der 100. Geburtstag des Neuen Frankfurt gefeiert wird, will Wohnungsdezernent Josef schon Sanierungserfolge vorzeigen können.

Der Sozialdemokrat weiß wohl: Das ehrgeizige Vorhaben kann nur gelingen, wenn die Menschen in den drei Siedlungen mitziehen. Deshalb will er schon 2019 Informationsveranstaltungen organisieren, die erste in wenigen Tagen (siehe Kasten). Josef sieht auch „einen Bildungsauftrag“ der Stadt. Das Neue Frankfurt insgesamt soll ins Bewusstsein der heutigen Gesellschaft rücken: von Mode und Design über Theater und Tanz bis zum Wohnungsbau.

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