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Wolfgang Hartmann sammelt aus Leidenschaft Glocken aus aller Welt.

Ginnheim

Ginnheim: Nur aus Frankfurt fehlt dem Glockensammler ein Exemplar

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Wolfgang Hartmann sammelt seit 1960 Glocken aus aller Welt. Fast 500 Exemplare hat der 76-Jährige aus Ginnheim in seinen Vitrinen stehen. Nur aus Frankfurt hat er kein Exemplar, weil es keins gibt.

Vorsichtig, ja fast schon zärtlich nimmt Wolfgang Hartmann die 15, vielleicht 20 Zentimeter große Glocke aus der Vitrine. Zwischen Zeigefinger und Daumen hält er sie fest und bewegt sie sanft. Ein heller Ton erklingt. „Das ist meine erste Glocke, damit hat alles angefangen“, sagt Hartmann. Seine Mutter schenkte ihm die Glocke, 1955 oder 1956 muss das gewesen sein, schätzt er. Die Familie wohnte damals in Bornheim, neben der Josefskirche. Die Glocken des Kirchturms hätten ihn gestört, erzählt Hartmann. Also bekam er von seiner Mutter eine kleine Glocke. Um sich an den Klang zu gewöhnen und zu läuten, wenn er es wollte.

Was mit einer Glocke anfing, entwickelte sich ab 1960 zu einer echten Sammelleidenschaft. Fast 500 Hand- und Tischglocken besitzt Hartmann mittlerweile, alle präsentiert in vier Vitrinen in seiner Wohnung in Ginnheim. Seine Frau, sagt er, habe sich längst an seine ungewöhnliche Leidenschaft gewöhnt.

Sein Sammlerspektrum ist breit, denn zwischen den Hand- und Tischglocken finden sich auch Trachtenglocken aus der Biedermeier-Zeit, der Spätgotik und dem Rokoko. Sogar eine der begehrten Marienglocken aus Rom.

Bei 500 Glocken, da kann man schon einmal den Überblick verlieren. Während er bei seinem ersten Exemplar, Nachguss einer französischen Mesnerglocke aus dem 12. Jahrhundert, noch genau die Herkunft kennt, wird es bei vielen anderen Glocken schon schwieriger. Deswegen hat Wolfgang Hartmann sich einen Katalog angelegt. Rote runde Aufkleber hat er auf der Innenseite jeder Glocke befestigt und diese mit einer Nummer versehen. So muss er nur nachschlagen und kann sofort mehr zu dem jeweiligen Exemplar erzählen.

Es sind Glocken aus der ganzen Welt, die Wolfgang Hartmann in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt hat. Viele hat er von Reisen mitgebracht, andere findet er auf Antikmärkten, auf Flohmärkten eher weniger. Zudem gebe es ein Glockenportal im Internet, wo er sich mit anderen Sammlern austauschen könne.

Die meisten seiner Stücke sind aus Metall, wie aus Messing oder Eisen. Das Material, erklärt Hartmann, sei ebenso entscheidend für den Klang wie Form und Größe. Im Keller, berichtet er, habe er auch noch Kisten mit Glocken aus Ton, Porzellan oder Glas. Danach suche er aber nicht gezielt.

Ob aus Athen, Warschau, Venedig, London, Brüssel, Berlin oder Rom – es gibt fast keine Stadt, aus der Wolfgang Hartmann keine Glocke besitzt. Viele haben ein landestypisches oder florales Dekor, einige wenige sind eher kitschig. Wie eine kleine, silberfarbene Glocke aus New York, auf der die Freiheitsstatue prangt. „Das ist ein typischer Touristenartikel, den man dort an jeder Ecke bekommt“, sagt Hartmann.

Viel besser gefällt ihm da schon eine Glocke aus Frankreich, auf der Napoleons Konterfei thront. Oder das Exemplar aus Berlin, von dem der Berliner Bär grüßt. „Bei dieser Vielzahl ist es doch sehr verwunderlich, dass es keine Glocke dieser Art aus Frankfurt gibt. Dabei haben wir doch so viele Symbole, die darauf verewigt werden können“, sagt Hartmann.

Ob Goethe, Stoltze, den Struwwelpeter oder vielleicht sogar einen Bembel, all dies würde wunderbar auf einer Glocke aussehen, sagt er. Erklären kann er sich diese Tatsache nur, dass die Stadt darin kein Geschäft sieht. „Ich bin überzeugt, die gehen weg wie die warmen Semmeln. Jeder zweite Asiate, der Frankfurt besucht, würde sich so eine Glocke kaufen“, sagt Hartmann. Die Hoffnung, dass Frankfurt es anderen Metropolen nachmacht, hat er deswegen noch nicht aufgegeben.

Bis es so weit ist, sammelt der 76-Jährige weiter. Ein bisschen Platz habe er noch, sagt er. Zudem will er weiterhin seine Leidenschaft mit anderen Menschen teilen, immer wieder hält er deswegen kostenfreie Vorträge. Vornehmlich in Seniorenheimen. „Die Menschen dort wissen noch um die Bedeutung einer Glocke. In ihrer Kindheit wurde damit noch zu Tisch gerufen und nicht eine Nachricht mit dem Handy verschickt. Ich kann Erinnerungen wecken“, sagt Hartmann.

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