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Matthias Mund und Haluk Yildiz bilden künftig als BFF-BIG eine Fraktion.
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Matthias Mund und Haluk Yildiz bilden künftig als BFF-BIG eine Fraktion.

Frankfurt

Gespaltene Zunge

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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  • Timur Tinç
    Timur Tinç
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Die BIG-Partei spricht auf Deutsch von Vielfalt, auf Türkisch antisemitisch und homophob. In der Frankfurter Stadtverordnetensammlung hat sie sich mit der Partei Bürger für Frankfurt (BFF) zu einer Fraktion zusammengeschlossen.

Der Mann, der Mathias Mund vor der Arbeitslosigkeit rettete, heißt Haluk Yildiz und hat gelernt, mit Kritik umzugehen. Immer wieder muss sich der Bundesvorsitzende des Bündnisses für Innovation & Gerechtigkeit (BIG), der Ende April in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung einziehen wird, beim Pressegespräch am Mittwoch zu Vorwürfen äußern. Es geht um türkischen Nationalismus, um Recep Tayyip Erdogan, um die Grauen Wölfe und Homophobie. Yildiz hört sich die Fragen genau an, er nickt währenddessen, um klarzumachen, wie ernst er das Thema nimmt, dann lächelt er und antwortet – in einem Deutsch, das absolut perfekt ist, obwohl Yildiz in der Türkei aufwuchs.

Mathias Mund sitzt neben Yildiz und hört ihm zu. Er ist Spitzenkandidat der Bürger für Frankfurt (BFF), die politisch irgendwo zwischen CDU und AfD beheimatet sind, bei der Kommunalwahl nur 2,0 Prozent erzielt hatten und fortan mit zwei statt wie bisher mit drei Stadtverordneten im Römer vertreten sind. Mit weitreichenden Konsequenzen, auch für Mund persönlich. Bisher führte er eine Fraktion an und lebte von diesem Gehalt. Doch als Fraktion gilt man in Hessen erst ab drei Stadtverordneten. Mund wäre nur die Aufwandsentschädigung von 1023 Euro im Monat geblieben. „Ich hatte mich schon arbeitslos gemeldet“, sagt der 55 Jahre alte Handelsfachwirt.

Aber dann meldete sich Haluk Yildiz bei Mund, und alles ging ganz schnell. In Windeseile vereinbarten die beiden Männer eine Allianz – BFF-BIG-Fraktion genannt. Sie verfügt über drei Stadtverordnete und somit über alle Rechte und eine üppige finanzielle Ausstattung von etwa 200 000 Euro pro Jahr – die Hauptmotivation für die Partner.

Auf den ersten Blick könnten beide nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite Mund, der bei Pegida-Veranstaltungen in Frankfurt mit Kadern der NPD, Hooligans und anderen Rechtsextremen auf einem Platz stand. Auf der anderen Seite Yildiz, der für Vielfalt, Diversität und gegen Islamfeindlichkeit auftritt. Gleichzeitig ist er ein Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, den er in zahlreichen TV-Talkshows verteidigte. Er war Stadtrat in Bonn und kandierte ohne Erfolg für das Europaparlament.

„Dieses Bündnis bestätigt, dass identitär und nationalistisch denkende Menschen mehr Gemeinsamkeiten haben als Trennendes“, sagt Eren Güvercin. Der Publizist kennt Yildiz noch aus der Zeit, bevor dieser 2009 in Bonn die Partei BIG gründete. Dabei beobachtet er die Strategie der doppelten Kommunikation.

Während auf Deutsch über Toleranz und Rassismus gesprochen wird, schlagen Yildiz und sein Parteivize Ismet Misirlioglu auf Türkisch ganz andere Töne an. So warf Yildiz den Grünen nach der Wahl von Belit Onay zum Oberbürgermeister von Hannover unter anderem vor, Familienwerte zu zerstören, indem er Propaganda für Homosexualität betreibe. Zudem kritisierte er Türken, die Onay wählten: „Entweder begnügt man sich damit, prinzipienlos zu sein. Oder man nimmt eine ehrenhafte Haltung ein, damit man dem Türkentum und dem Islam gerecht wird.“

Misirlioglu schrieb auf Facebook: „Während man nur noch von Corona redet, hat man den wahren Virus im Nahen Osten vergessen: Israel.“ Der Parteivize lief auch auf Querdenker-Demos in Berlin mit Rechten mit und verbreitet Verschwörungstheorien zum Impfen.

Im April vor einem Jahr sprachen Yildiz und Misirlioglu in einem Livestream mit dem türkischen Verschwörungstheoretiker Abdullah Ciftci über die dunklen Mächte hinter der Coronakrise. Citfti fabulierte dabei vom „größten Raubzug gegen die Nationalstaaten“ und dass diese die Leute zur Rechenschaft ziehen würden, bei denen sie sich das Geld leihen. „Diese Phase hatten wir schon einmal 1290 in Europa!“ 1290 wurden in England und Italien Pogrome gegen Juden verübt, bevor diese vertrieben wurden oder zum Christentum konvertieren mussten.

Haluk Yildiz und Ismet Misirlioglu lächelten und nickten zustimmend.

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