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Die Kunsthistorikerin Anne Huber vom Frankfurter Städel vergleicht Frankfurter Wahlplakate mit historischen Porträts aus der Sammlung des Museums.
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Die Kunsthistorikerin Anne Huber vom Frankfurter Städel vergleicht Frankfurter Wahlplakate mit historischen Porträts aus der Sammlung des Museums.

Frankfurt

Kommunalwahl in Frankfurt: Warum machen Parteien Wahlkampf mit Porträtfotos?

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Vor der Kommunalwahl in Frankfurt lächeln uns von vielen Plakaten Menschen an. Eine Kunsthistorikerin aus dem Städel vergleicht die Wahlplakate mit historischen Porträts.

Frankfurt – Der Himmel hängt kurz vor den Kommunalwahlen voller Plakate. Gesicht zeigen – das ist eines der wichtigsten Argumente im Wahlkampf. In der Frankfurter Innenstadt bleibt kaum ein Laternenmast unbesetzt, teils hängen die Porträts der politischen Kontrahent:innen direkt neben- oder übereinander. Das ergibt manch eigenwillige Koalitionen. Ein weiterer seltsamer Effekt: Grade sind die Plakatwahlmänner und -frauen fast die einzigen Menschen, die einen auf den Straßen sichtbar anlächeln. Ansonsten herrscht in der Innenstadt strenge Maskenpflicht.

Die Kunsthistorikerin Anna Huber, die im Städel in der Abteilung Bildung und Vermittlung arbeitet, begegnet auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz am Museumsufer zahlreichen Beispielen für politische (Selbst-)Inszenierung – und muss dabei natürlich fast zwangsläufig an die vielen Bildnisse aus den letzten 600 Jahren in der hochkarätigen Sammlung denken.

Kunsthistorikerin zur Kommunalwahl in Frankfurt: Steckt nicht in jedem Porträt ein Versprechen?

Warum werben die meisten Parteien eigentlich mit sehr viel mehr Porträts als mit Argumenten? „Sicherlich ist das eine der häufigsten Bildarten der europäischen Kunstgeschichte“, meint die 39-Jährige. Steckt nicht in jedem Porträt, ob sorgfältig gemalt oder schnell fotografiert, das Versprechen, hier entblöße der oder die Dargestellte sein oder ihr Innerstes?

Ob im Städel oder auf dem Plakat – oder auch im heimischen Fotoalbum? Dahinter steht, sagt Huber, eine letztlich zutiefst philosophische Frage, der alte Streit zwischen den beiden antiken Lehren des Platon und des Aristoteles. Ist der Körper nur Gefängnis für die Seele, oder spiegelt das Aussehen die innere Schönheit jedes Menschen?

Zum Beispiel Brillen

Brillen sind in diesem Wahlkampf ein offenbar besonders gerne genutztes Accessoire. Zahlreiche potenzielle künftige Stadtverordnete tragen sie. „Mir sind noch nie so viele auf den Plakaten aufgefallen wie dieses Mal“, sagt Anna Huber. Man könnte Kontaktlinsen tragen oder die Brille fürs Foto einfach absetzen.

Warum tut man es nicht? Mit Brillen könnten heutige Betrachter:innen viel assoziieren, sagt Huber, Fleiß, Gelehrsamkeit, Aufmerksamkeit, Scharfsicht. Der CDU-Spitzenkandidat Nils Kößler trägt eine, ebenso Daniela Cappelluti von den Grünen, die jungen Leute von Volt, Eileen und Martin, hingegen nicht – das betont die Jugendlichkeit sogar noch.

Das Städel besitzt ein besonders schönes Beispiel eines Gelehrtenporträts mit Brille, gemalt um 1525 vom Antwerpener Künstler Quentin Massys. Der allerdings hat die Brille abgesetzt, die Bücher beiseite gelegt, blickt verklärt ins Leere. „Die Wahrheit sehen“ hieß eine in dieser Zeit erschienene calvinistische Schrift der Reformationszeit. Die subtile Botschaft an die Betrachter:innen des Bildes: Schaut her, für die wahre Erkenntnis braucht man keine Augengläser – göttliche Eingebung spielt eine ebenso große Rolle. Da hat sich die Symbolik doch gewandelt. aph

Vielleicht mag es auf den ersten Blick vermessen wirken, die Qualitäten eines sorgfältig komponierten, in langen Sitzungen entstandenes Altmeisterbildnisses mit einem der rund um das Museumsgebäude hängenden Wahlplakate zu vergleichen.

Hunderte von Jahre trennen die Dargestellten. Für einen Maler Modell zu sitzen, das war mal etwas sehr Exklusives (und Teures), das konnte sich nur eine reiche Kaufmannsgattin oder Adlige, ein Kardinal oder Gelehrter vielleicht einmal im Leben leisten. Heute fluten Millionen und Milliarden von schnell geknipsten Selbstporträts das Internet. Eine seltsame Sache sei das, diese ständige Eigenbespiegelung per Selfie, sagt Huber. „Ich glaube aber, auch das wird irgendwann ein Ende haben.“

Kommunalwahl in Frankfurt: Keine Porträts auf AfD-Plakaten

Von den Alten Meistern kann man jedenfalls eine ganze Menge lernen, über die Kunst des Ins-rechte-Licht-Rückens zum Beispiel, über Individualität und Kollektiv, über subtile Botschaften – und letztlich auch über die Frage, warum es überhaupt Porträts gibt.

Manches findet sich auf den zweiten Blick auch in den Wahlplakaten von 2021 wieder, und das ziemlich parteiunabhängig. Interessanterweise sind auf den wenigen AfD-Plakaten in der Stadt keine Porträts zu entdecken.

Ehrlich, freundlich und spontan sollen die Wahlplakate dank der Kandidat:innen wirken, auch wenn die Darstellungen von der Meinung der Porträtierten, von ganzen Parteigremien, von Werbeagenturen und Fotograf:innen abhängig sind. Nur kleine Parteien verwenden (selbst gefertigte?) Passbildchen.

Kommunalwahl in Frankfurt 2021: Porträts sind informeller als früher

Das muss nicht einmal unbedingt eine Kostenfrage sein, dahinter mag auch eine Botschaft stecken: Schaut her, wir ziehen alle an einem Strang und setzen uns nicht als Individuen in Szene. Die Kleidung auf den Plakaten ist 2021 auffallend leger, sehr viel informeller als in früheren Wahlkämpfen, wie Huber bemerkt, die Frauen sind höchstens dezent geschminkt. Kaum einer nutzt die Möglichkeit zur Selbstinszenierung per Geste, Frisur, Schmuck oder Haltung.

Werbung macht man heute am besten mit Persönlichkeit, so eine Botschaft. Der Begriff „Person“ übrigens stamme aus der Antike und bezeichne einst das Sprechen durch eine Theatermaske, sagt Huber. Das wäre also beinahe schon das Gegenteil des „ehrlichen“ Antlitzes.

Dieser Bedeutungswandel ist hierzulande nicht mehr nachvollziehbar. Man sucht den ehrlichen Blick, und man meint, ihn auf den Wahlplakaten zeigen und erkennen zu können – obwohl, mal ehrlich, kaum jemand die meisten Dargestellten selbst der großen Parteien persönlich kennt. (Andreas Hartmann)

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