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Geschichten von Frauen, im Iran zensiert

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Von: George Grodensky

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Sanaz Faraji lebt seit 2002 in Deutschland.
Sanaz Faraji lebt seit 2002 in Deutschland. © Renate Hoyer

Autorin Sanaz Faraji ist in Deutschland heimisch geworden, schreibt aber auf Persisch

Sanaz Faraji feiert gerne. Es ist ihr fast egal, was zelebriert wird: Sankt Martin, Lichterfest, Weihnachtsmarkt. Sie macht mit, sagt die 42-Jährige und lacht. „Ich liebe Glühwein.“ Zusammenkommen, fröhlich sein, das sei etwas ganz Natürliches, findet sie. „Überall auf der Welt finden die Menschen Gründe zu feiern, sich zu freuen.“ Sogar auf Beerdigungen gebe es einen Festschmaus und eine Trauerfeier, bei der zumindest wehmütig gelächelt werden dürfe. Nur da, wo sie herkomme, sei es anders. Da seien Zusammenkünfte oft eher eine Trauergesellschaft. Sanaz Faraji kommt aus dem Iran.

Vielleicht übertreibt sie ein bisschen, vielleicht spielt ihr die Erinnerung einen Streich. Immerhin lebt sie seit 2002 in Deutschland. Womöglich aber auch nicht, womöglich ist sie aus einem düsteren Land mit beklemmender Atmosphäre geflüchtet. So hat es sich zumindest für sie angefühlt, sagt sie. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Sie wollte nur weg, zu ihrem Bruder nach Deutschland.

1980 erblickt sie in Teheran das Licht der Welt, wächst dort auf, ärgert sich zunehmend über das „radikale Leben“, das sie führen soll. Jeder Schultag beginnt mit dem Ruf „Nieder mit Amerika!“ Oder „Nieder mit Israel“. Auch England ist ein Feinbild. Mittags ist Beten angesagt, „Zwangsbeten“, sagt Faraji. Und dann das Kopftuch, das Maghnae. „Das ist kein Kopftuch“, erklärt Faraji, „das sind Schlupfmützen. Wie sie kleine Kinder im Winter tragen“, sagt sie und demonstriert, wie man in eine solche Schlupfmütze hineinkrabbeln muss. Und: „Du kannst nicht sagen, nicht lesen, was du willst, nicht denken, wie du willst. Schon gar nicht kontaktieren, wen du willst.“

Vielleicht ist in ihren Erinnerungen etwas zensiert worden. Damit kennt sie sich aus. Drei Bücher hat sie geschrieben, Romane. Alle wurden im Iran publiziert. Allerdings gekürzt. 60 bis 70 Seiten fehlen in jedem Buch, sagt Faraji. Sie weiß in dem Moment nicht, ob sie darüber lachen oder weinen soll. Es ist so absurd. Eigentlich ist sie total sauer, dass ihre Gedanken verstümmelt worden sind, alles, was sie sagen, was sie transportieren wollte, einfach „herausgerissen wurde“.

„Du kannst nicht schreiben, wie es den Frauen im Iran geht“, sagt sie. Nicht einmal als ausgedachte Geschichte. Frauen und Männer dürfen einander in der Öffentlichkeit nicht umarmen, küssen, nicht einmal miteinander tanzen. Im Leben wie auch im Buch nicht. Das ist den Zensoren zu heikel. „Sex kannst Du sowieso vergessen.“ Apropos: Ihre Figuren dürfen sich nicht darüber ärgern, dass sie keine Rechte an ihren Kindern haben. Das Sorgerecht hat der Vater. „Du schenkst einem Mann dein Kind“, sagt Faraji. Falls der sterben sollte, geht das Sorgerecht an seinen Vater über.

Frauen dürfen auch nicht sagen oder schreiben, dass sie im öffentlichen Raum Angst haben. Zum Beispiel Angst, alleine auf ein Amt zu gehen. Weil sie fürchten, sexuell belästigt zu werden. „Überall auf der Welt gibt es solche Probleme, dass sich Frauen fürchten müssen. „Aber im Iran kannst du das nicht schreiben.“

Offensichtliche Erosion

Ihr neues, viertes Buch, möchte sie daher selbst veröffentlichen. Im Internet oder es ausdrucken, und wenn sie einen interessierten Verlag fände, wäre das auch schön. Der müsste es nur übersetzen. Den Zensoren, ja dem ganzen Regime würde sie ein Schnippchen schlagen. Das sei ohnehin bald nicht mehr da, sagt sie voller Überzeugung. Die Erosion sei offensichtlich, die Proteste bereits in der elften Woche. Die Wut inzwischen größer als die Angst. Der Ärger über die Stellung der Frau, aber auch darüber, dass viele Menschen in Armut leben, obwohl das Land eigentlich wohlhabend sei. „Das sind keine Demos“, sagt Faraji kämpferisch. „Das ist eine Revolution.“ Die sie selbst wohl nur noch aus der Ferne beobachten wird. Sie habe inzwischen so viel Heikles im Internet gepostet und geschrieben, Nachrichten weitergeleitet, Bilder, Videos. Sie kann nicht mehr zurück.

„Ich bin hier gut aufgenommen worden“, sagt sie. Fast die Hälfte ihres Lebens wohne sie nun in Deutschland. Dankbar sei sie, für jeden Tag in Freiheit. Manchmal schmerze die aber auch. „Weil es so viele Frauen auf der Welt gibt, die diese Möglichkeit nicht haben.“ Als die Taliban die Macht in Afghanistan an sich rissen, verzweifelte sie fast.

Dafür ärgert sie sich nur noch ein bisschen darüber, dass ihr Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt ist. Ihr Diplom in Klinischer Psychologie vergilbt in der Schublade. Erst vor ein paar Jahren haben sich die Regeln geändert, seither ist sie als Sozialpädagogin anerkannt. „Jetzt habe ich zwei Zertifikate“, sagt Faraji und lacht. Vor Jahren schon hat sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. „Ich wollte nicht untätig sein, sondern mich eingliedern.“

Ihre Tochter Nika kommt in Darmstadt zur Welt. Nika, so heißt auch ein Mädchen, das Mitte September im Iran in Polizeigewahrsam gestorben ist. Nika Shakarami. „Sie war zwei Jahre älter als meine Tochter“, sagt Faraji. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie nicht lacht, nicht einmal lächelt. Nika, den Namen hat sie auf ihren Unterarm tätowieren lassen.

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