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Helmut Wicht in seinem Arbeitszimmer in der Anatomie des Universitätsklinikums.

Anatomie

Leichen für die Wissenschaft

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Die Geschichte der Senckenbergischen Anatomie wird jetzt auf zehn Wandtafeln festgehalten.

Für die meisten ist der Name Johann Christian Senckenberg mit dem Senckenberg-Museum und seinen Dinosauriern verbunden. Einigen fällt vielleicht auch das von Senckenberg gegründete Bürgerhospital ein. Die wenigsten aber dürften wissen, dass er auch dafür sorgte, dass Frankfurt eine Anatomie bekam, um an Leichen den menschlichen Körper zu erkunden. Zehn von dem Historiker Udo Benzenhöfer und dem Anatom Helmut Wicht zusammengestellte Wandtafeln zeigen jetzt im Foyer des Hauses 27 der Uniklinik die Geschichte dieser Fachrichtung – die mit dem tödlichen Unfall Johann Christian Senckenbergs begann.

Senckenberg, der von 1707 bis 1772 lebte, soll ein „zutiefst frommer Mann“ gewesen sein, der die Welt für das Exil seiner Seele und den Himmel für ihre Heimat gehalten habe. Wohin sie, so Benzenhöfer und Wicht, durch „Werke der Nächstenliebe“ gelangen könne. Und so brachte Senckenberg 1763 sein gesamtes „sehr erhebliches Vermögen“ in eine Stiftung ein. Als er am 15. November 1772 die Baustelle des Bürgerhospitals besichtigte, stürzte er durch einen schlecht gesicherten Kaminschacht vom Dachstuhl bis in den Keller. Vier Stunden später war er tot. Am 17. November wurde mit einer gerichtsmedizinischen Obduktion begonnen, um die Unfallursache abzuklären: Damit eröffnete ausgerechnet der tote Stifter die Senckenbergische Anatomie, die sich damals noch in unmittelbarer Nachbarschaft des Bürgerhospitals befand.

Inzwischen ist die Anatomie, die 1914 zu den Gründungsinstituten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zählte, auf dem Campus des Universitätsklinikums in Sachsenhausen untergebracht. Rund 500 Studierende werden hier unterrichtet, arbeiten mit dem Skalpell und bisweilen auch mit Sägen am toten Körper. Derzeit, sagt Anatom und Autor Helmut Wicht, lagern 80 Leichen im Keller. Formalin schützt sie vor dem Verfall.

Das war zu Beginn der Senckenbergischen Anatomie noch anders. Damals waren die Leichname noch der Verwesung ausgesetzt und die anatomische Präparation ein „kaltes Winterhandwerk“ – „sommers moderte alles allzu rasch“, heißt es in einem Büchlein, in dem die Texte und Bilder der Wandtafeln zusammengefasst sind.

Immer wieder wird darin die Beschaffung der Leichname thematisiert: Ende des 18. Jahrhunderts kam man mit dem Rat der Stadt Frankfurt überein, sogenannte Sozialleichen, deren Bestattung ansonsten zu Lasten der Stadt gegangen wäre, der Anatomie zu überlassen. Auch während der Weimarer Republik wurden überwiegend „Sozialleichen aus staatlichen Krankenhäusern und Pflegeheimen“ obduziert.

Während der NS-Zeit deckte der Leiter der Anatomie, Professor August Hirt, der eine steile Karriere bei der SS hingelegt hatte, seinen Bedarf an Leichen mit den Körpern von Ermordeten der Hinrichtungsstätte Frankfurt-Preungesheim. Eine Gedenktafel, die ebenso wie die Wandtafeln im Foyer der Anatomie angebracht ist, erinnert an diese Opfer.

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