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In den Adlerwerken in Frankfurt war von 1944 bis 1945 ein KZ. Foto: Rolf Oeser
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In den Adlerwerken in Frankfurt war von 1944 bis 1945 ein KZ.

NS-Zeit

Geschichte des KZ Katzbach in Frankfurt aufarbeiten

  • Florian Leclerc
    VonFlorian Leclerc
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Die Historikerin Andrea Rudorff hat das Lager KZ Katzbach in den Adlerwerken in Frankfurt erforscht. Es war eines der tödlichsten KZ-Außenlager im NS-Lagersystem.

In Frankfurt gab es unter der NS-Herrschaft acht Monate lang ein Konzentrationslager mitten in der Stadt. Das KZ in der Fabrik der Adlerwerke im Gallusviertel trug den Decknamen „Katzbach“. Es war eines von etwa 1200 Außenlagern im NS-Lagersystem und dem KZ Natzweiler-Struthof im Elsass zugeordnet. Das KZ Katzbach existierte von August 1944 bis März 1945. 1616 Häftlinge waren dort untergebracht. Etwa ein Drittel starb während der Existenz des Lagers. Viele weitere kamen beim Todesmarsch nach der Räumung ums Leben, kurz bevor die Alliierten in Frankfurt eintrafen.

Im Vergleich zu anderen KZ-Außenlagern sei die Sterblichkeit in Frankfurt besonders hoch gewesen, schreibt die Historikerin Andrea Rudorff vom Fritz-Bauer-Institut. Sie hat die Geschichte des KZ Katzbach untersucht.

Schon seit 1941 arbeiteten demnach Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Adlerwerken für die Rüstungsproduktion. 1944 meldeten die Adlerwerke weiteren Bedarf nach „Werkern“ an. Viele Häftlinge, die nach Frankfurt geschickt wurden, waren polnische Männer, die nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands deportiert worden waren. 71 Häftlinge waren jünger als 18 Jahre. In den Adlerwerken waren keine Quartiere für die Häftlinge vorbereitet. Sie mussten die Quartiere selbst herrichten, mit Bettstellen, Stroh, Tischen, Stühlen. Zur Unterbringung waren der dritte, vierte und fünfte Stock im Südflügel der Adlerwerke vorgesehen – mit Blick auf die Gleise und die Weilburger Straße.

Hunger und Gewalt

„Offenbar bot schon die Einrichtung des Lagers einigen Mitarbeitern Möglichkeiten zur eigenen Bereicherung“ schreibt Andrea Rudorff. Statt Stroh zu holen, wurden Sand und Steine für den Privatgebrauch herbeigeschafft.

Die Häftlinge schliefen auf blanken Brettern auf dem Boden oder teilten sich ein Bett. In der Fabrikhalle waren die Fenster und die Geschossdecken teilweise kaputt. Der Schlafsaal war feucht und zugig. Duschen gab es nicht, auch keine Seife oder Handtücher. Wenige Toiletten waren vorhanden. Geheizt wurde selten. Die Häftlinge trugen dünne Häftlingskleidung, bis sie zerfiel. Läuse breiteten sich aus.

Das Buch

Andrea Rudorff, „Katzbach – das KZ in der Stadt. Zwangsarbeit in den Adlerwerken Frankfurt am Main 1944/45“, Wallstein-Verlag, 2021, 368 Seiten, 38 Euro.

Die SS-Wachleute waren mit den Häftlingen in den Adlerwerken untergebracht. Körperliche und verbale Gewalt war an der Tagesordnung, oft beim Appell, der Essensausgabe oder auch beim Hinabrennen in den Luftschutzkeller während Fliegerangriffen. Die Arbeit war hart, das Essen karg. Es gab morgens etwas Brot, mittags und abends dünne Suppe. Die vorgesehene Ration von etwa 1800 Kilokalorien pro Person war für die harte Arbeit zu gering. Die SS zweigte Essen, das für die Häftlinge vorgesehen war, für sich ab. Die Häftlinge litten Hunger.

Arbeiten mussten sie an sechs Tagen in der Woche, etwa elf Stunden am Tag, später auch in Nachtschichten. Gefertigt wurden unter anderem Drei-Tonnen-Zugkraftwagen, Motoren und Getriebe. Gearbeitet wurde an Drehmaschinen, Mehrspindelbohrern, Fräs- und Schleifmaschinen sowie Schweißgeräten. Es kam zur Arbeitsunfällen. „Aufgrund ihrer schlechten Einarbeitung, ihrer Unterernährung, Übermüdung und des verlangten Arbeitstempos liefen die Häftlinge ständig Gefahr, nicht nur Werkstücke und Maschinen zu beschädigen, sondern auch selbst zu Schaden zu kommen“, schreibt Rudorff.

Aufarbeitung durch zivilgesellschaftliches Engagement

Die Häftlinge waren von der Nachbarschaft und den anderen Arbeiterinnen und Arbeitern in den Adlerwerken weitgehend abgeschirmt. Trotzdem gab es Berührungspunkte mit der Außenwelt, etwa beim Gang zu den Luftschutzbunkern. Die SS-Wachleute waren teilweise im Quartier bekannt, wo sie einkauften und Liebschaften hatten. Die Zeitgenossen hätten die Existenz des Lagers aber „nicht als etwas Besonderes“ wahrgenommen, so Rudorff, sondern als Teil des Kriegsalltags.

Die Gewalt und die Lebensmitteldiebstähle der SS waren laut Rudorff der Hauptgrund für die hohe Sterberate. Dass der SS dabei freie Hand gelassen worden sei, „liegt in der Verantwortung der Unternehmensführung“, schreibt sie aber. Generaldirektor und Hauptaktionär der Adlerwerke war Ernst Hagemeier. Zweitgrößte Aktionärin war die Dresdner Bank. Pikanterweise erhielt Hagemeier 1953 das Bundesverdienstkreuz für den Wiederaufbau der Wirtschaft in Hessen. Auf Druck des Vereins „Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim“ zahlte die Dresdner Bank 1998 eine Entschädigung in Höhe von 8000 Euro an elf Überlebende.

Zivilgesellschaftliches Engagement trieb die Aufarbeitung des KZ Katzbach voran. Der Verein „Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim“ wurde 1992 unter anderem von Beschäftigten der Adlerwerke gegründet, darunter Lothar Reininger, der zunächst Arbeiter, später Betriebsratsvorsitzender war. Der Verein übernahm auch die Pflege der Grabstätte auf dem Hauptfriedhof, wo Häftlinge begraben sind.

Studie zur Aufarbeitung der Verdrängung nötig

1994 brachten Ernst Kaiser und Michael Knorn unter dem Titel „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“ eine zu diesem Zeitpunkt beispiellose Recherche zum KZ Katzbach heraus. In der Folge erschienen weitere Publikationen zum Thema, zuletzt auch der Erfahrungsbericht des Überlebenden Janusz Garlicki mit dem Titel „Von der Wahrscheinlichkeit zu überleben. Aus dem Warschauer Aufstand ins KZ-Außenlager bei den Frankfurter Adlerwerken“.

Kein historisches Thema sei jemals erschöpfend erforscht, so Rudorff, da jüngere Generationen neue Fragen stellten und sich der Zugang zur Archivmaterial erweitere. Auch zum KZ Katzbach sei eine weitere Studie nötig: Über das Verschweigen und Verdrängen des KZ Katzbach in der Nachkriegszeit und die Schwierigkeiten, die jenen in Frankfurt bereitet wurden, die sich für ein Gedenken und die Aufarbeitung einsetzten.

Im Gallus Theater zeigten Goetheschülerinnen und -schüler 2018 Kurzfilme zum Thema.
Julius Munk überlebte Katzbach und Buchenwald, dieses KZ aber nur um eine Woche.

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