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Fasziniert vom Werkstoff Holz: Anouk Schmelz, Auszubildende bei Udo Schilling in Fechenheim und vermutlich bald Gesellin.

Porträt

Tischlerin Anouk Schmelz behauptet sich in Frankfurt in Männerdomäne

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Anouk Schmelz wird Tischlerin und behauptet sich in einer Männerdomäne.

Anouk Schmelz mag Holz: wie es sich anfühlt, wie es riecht, wie es als unförmige, raue Bohle in die Schreinerei kommt und mit der Kreissäge zu Brettern „formatiert“ wird, aus denen dann Schränke und Tische entstehen. In der Schreinerei von Udo Schilling in Frankfurt-Fechenheim wird nach Auftrag gefertigt; jedes Stück, das ein Privatkunde oder ein Architekt ordert, ist ein Unikat. Schmelz ist bereits im dritten Lehrjahr, die Zeichnung ihres Gesellenstücks, eines Sideboards, ist schon fertig. Wenn alles klappt, wird sie Ende Juni „freigesprochen“, wie es in Handwerkerkreisen heißt.

Warum die Lehre und das ausgerechnet in einem Männerberuf? Die heute 23-Jährige hat an der Elisabethenschule das Abitur gemacht und wollte nach „zwölf Jahren akademischen Lernens“ etwas Praktisches tun. „Den ganzen Tag sitzen, das macht einen hibbelig“, erzählt sie im Pausenraum der Schreinerei, in dessen Mitte ein großer runder Tisch mit Butterbroten, Äpfeln, Salz, Bleistifttasche und Wasserflaschen steht. Insgesamt neun Mitarbeiter habe der Betrieb, sagt der Inhaber Udo Schilling.

Anouk Schmelz ist nicht die einzige Frau in dieser Männerwelt: Wie es der Zufall wollte, wurde eine zweite Auszubildende eingestellt. „Wir können uns austauschen“, freut sich Schmelz. Das war in ihrem ersten Betrieb anders. Da gab es nur Männer, und der Umgangston war rau, nicht herzlich, sondern verletzend. Lange hat sie das ertragen, bevor sie zu Schilling wechselte. So ist es nach Einschätzung von Schmelz nicht unbedingt die Arbeit selbst, sondern der herrschende Umgangston, warum sich so wenige Frauen in Männerberufe wagen.

Ob denn ihre Generation nicht selbstbewusst genug sei, um sich zur Wehr zu setzen? „Da ist immer noch viel Luft nach oben.“ Dem alltäglichen Sexismus sollten Frauen viel öfter entgegentreten. „Aber wenn ich dann eine Vier-Männer-Wand vor mir habe, halte ich vielleicht doch lieber die Klappe.“

Schmelz wohnt bei ihren Eltern im Nordend. Als Azubi verdient sie nicht viel: 300 Euro im ersten, 400 Euro im zweiten und 500 Euro im dritten Lehrjahr. Zur Arbeit fährt sie mit dem Fahrrad – 25 Minuten dauert das. Überhaupt ist die 23-Jährige sehr sportlich. Sie spielt bei der SG Bornheim Fußball, in der Verbandsliga, linkes Mittelfeld, und trainiert „zwei, drei Mal die Woche“. Und Wellenreiten kann sie auch. „Das große Fragezeichen“, was nach der Gesellenprüfung komme, könnte vorübergehend dazu führen, dass sie sich „für die drei Jahre“ mit einem Auslandaufenthalt belohne, vielleicht in einem Surf Camp arbeiten. „Mit den Wellen reiten gegen Kost und Logis.“ Südamerika wäre eine Option – Spanisch hat sie schon in der Schule gelernt.

Nach dem Abitur reiste sie für ein Jahr in die Dominikanische Republik. Dort kümmerte sie sich um Kinder mit Behinderung und versuchte, bei den Besuchen in einer Schule für Nachhaltigkeit zu werben – etwa indem sie zeigte, wie lange es dauert, bis sich ein Stück Papier im Wasser auflöst. Die Botschaft lautete: Nicht immer alles wegschmeißen.

Imponiert hat ihr in der Dominikanischen Republik, dass „die alle ihre Häuser selbst gebaut haben“, eine solche „handwerkliche Unabhängigkeit“ hat Anouk Schmelz gefallen und könnte bei der Berufswahl eine Rolle gespielt haben. Nicht nur Holz, auch Leder findet sie faszinierend. Der Vater entwirft, fertigt und verkauft Taschen.

An einem Girls Day hat die 23-Jährige nur einmal teilgenommen – ausgerechnet bei Ikea, dem Unternehmen, das den mittelständischen Schreinereien massiv Konkurrenz macht. Die Eltern und ihr Freundeskreis fanden die Entscheidung, zunächst einmal etwas Praktisches anzugehen, gut. Der Freundeskreis habe allerdings nicht gedacht, „dass ich das durchziehe“.

Die Ausbildung in einem Männerberuf ist das eine, der Verbleib im Beruf das andere. Udo Schilling, der seit vielen Jahren Wert darauf legt, dass einer von seinen zwei Azubis weiblich ist, berichtet, dass keine dieser Frauen noch als Tischlerin arbeite. Viele hätten anschließend studiert – auch weil ihnen der Beruf zu anstrengend gewesen sei.

Dass der Job körperlich anspruchsvoll ist, kann Schmelz bestätigen und nennt Beispiele: Platten abladen, Möbelstücke in den sechsten Stock einer Altbauwohnung schleppen oder auch stundenlanges Schleifen. Dennoch kann sie sich vorstellen, vorübergehend als Tischlerin zu arbeiten. Grundsätzlich aber möchte sie ihren „Horizont erweitern“, noch „viel lernen“, Studium nicht ausgeschlossen.

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