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Susanne Pfeffer vor der geheimnisvollen Kiste in der Eingangshalle des Museums für Moderne Kunst.

Museum für Moderne Kunst

"Man darf keine Angst haben"

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Die neue Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Susanne Pfeffer, setzt sich in ihrer Arbeit für eine offene und freie Gesellschaft ein.

Eine Kamerafahrt mit den eigenen Augen. Die Treppe hinauf in die große Eingangshalle. Weiß, überall dieses strahlende Weiß. Die Stufen, die weiter nach oben führen. Der Blick zur gebäudehohen Decke, kleine Balkone, Vorsprünge, geschwungene Bogen. Auch 27 Jahre nach der Eröffnung des Museums für Moderne Kunst (MMK) hat die Architektur von Hans Hollein nichts von ihrer Faszination verloren. Es ist ein Privileg, die von ihm entworfenen Räume pur zu erleben, ohne Besucher, ohne Kunstwerke – denn im MMK herrscht Umbaupause bis zum 23. Mai. 

Nur diese riesige Holzkiste steht noch da, wartet auf den Transport ins Depot. Wir nähern uns vorsichtig. Susanne Pfeffer posiert nicht gerne. Sie geht überhaupt sehr zurückhaltend mit dem eigenen Bild um. Das mag auch eine Reaktion auf das Jahr 2017 sein. Die Kunsthistorikerin kuratierte den deutschen Pavillon auf der 57. Biennale von Venedig, der mit der „kraftvollen und gleichsam verstörenden Installation“ (so der Text der Jury) der Frankfurter Künstlerin Anne Imhof den Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag gewann. Seither ist Pfeffer endgültig ein Star des internationalen Kunstbetriebs. Und natürlich wollen alle sie fotografieren, mit ihr sprechen. 

Nur, dass die 44-Jährige jetzt das MMK zu führen hat, seit dem 1. Januar als Direktorin, ein Haus, das weltweit in der ersten Reihe der Institutionen für Gegenwartskunst steht. „Ich bin ja eigentlich Kuratorin“, sagt sie: So, als ob sie sich dessen noch einmal vergewissern müsste. Aber das MMK erweitert ihre Möglichkeiten exponentiell. Diese Sammlung: 4500 Werke von 440 Künstlern. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Sammlung habe“, sagt sie stolz. Und fügt hinzu: „Wo anders kann ich denn in den Keller gehen und einfach mal einen Warhol herausziehen?“ In den ersten Wochen in Frankfurt hat sie genau das getan, sich noch einmal die Sammlung vor Augen geführt, von den Klassikern der 60er Jahre wie Lichtenstein und Oldenburg über die Arbeiten von Gerhard Richter bis hin zu Isa Genzken, Richard Artschwager und Donald Judd. 

In ihrem Büro hat Pfeffer die Wände mit Hunderten kleiner Farbkopien dekoriert, die Werke aus der Sammlung zeigen – so, als wolle sie sich ständig ihre Verantwortung vor Augen führen. Denn natürlich will sie „die Sammlung weiter ausbauen“, deren Grundstock in den Jahren 1980/81 einmal 84 Werke aus dem Besitz des Unternehmers und Mäzens Karl Ströher gewesen sind. 
Das MMK habe, sagt sie, „schon immer früh Sachen gekauft, die sonst keiner gekauft hat“. Das hat sich ausgezahlt. Wenn sie eine Arbeit in Augenschein nimmt, versucht sie, sich deren „reale Wirkung im Raum“ vorzustellen – und merkt dann manchmal: „Das hat so ’nen Wumms!“ Pfeffer lacht. 

Sie ist gerade dabei, neue Arbeiten des Frankfurter Künstlers Thomas Bayrle ins Haus zu holen, sie möchte Werke der Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann zum Auschwitz-Prozess von 1963 in das Portfolio des Museums einreihen. Und sie macht sich gerade „viele Gedanken“ darüber, Arbeiten der „ganz jungen Generation“ ins MMK zu bringen, die dann auch direkt für das Museum entstehen. 

Geht es ihr um Provokation? Das ist für die Direktorin ein geradezu abgenutzter, inflationärer Begriff. Provokation gehöre nun einmal zur Geschichte der Kunst. Sie erinnert an die kubistischen Arbeiten Picassos ab 1908: „Die ersten Leute, die das sahen, haben davor erbrochen.“ Jetzt lächelt sie: Das ist ein Satz, der ihr gefällt. Sie redet nicht gerne in Wortgirlanden um den heißen Brei herum – nein, sie ist eher direkt. 

Eigentlich hatte sie sich in ihrem Studium der mittelalterlichen Kunst verschrieben, legte 2001 auch ihre Magisterarbeit aus diesem Themenkreis vor. Doch noch im gleichen Jahr wandte sie sich der Gegenwartskunst zu, begegnete Udo Kittelmann, wurde seine Assistentin am Kölnischen Kunstverein. 2002 folgte sie ihm nach Frankfurt, als er Direktor des MMK wurde – da lernte sie das Haus zum ersten Mal gut kennen. 

Ohne Zweifel: Pfeffer hat eine steile Karriere gemacht. Sie kann sich durchsetzen. Auf die Frage, ob sie ein ungeduldiger Mensch sei, zögert sie keine Sekunde: „Ja“. Wenn sie eine Frage für geklärt halte – so erläutert sie das –, „möchte ich sie ungern noch einmal besprechen“. 

Es gibt Herausforderungen

In Frankfurt wird die Direktorin Gelegenheit haben, ihre Durchsetzungskraft zu erproben. Ihre Vorgängerin Susanne Gaensheimer war im Januar 2009 ans MMK mit einer klaren Forderung gekommen: Sie wollte eine Dependance für das Museum schaffen. 2014 konnte sie mit dem MMK 2 im Taunusturm an der Gallusanlage eine neue, 2000 Quadratmeter große Fläche für Ausstellungen hinzugewinnen. Solche Erweiterungs-Pläne hegt Pfeffer nicht: „Ein größeres Haus kann ich mir nicht vorstellen“, sagt sie klar. 

Wohl aber gibt es eine andere Herausforderung. Das Stammgebäude an der Domstraße ist nach 27 Jahren dringend renovierungsbedürftig. „Eine Generalsanierung steht an“, so die Direktorin. Gegenwärtig ist eine Untersuchung im Gange, die ermittelt, was das genau bedeutet. Fachleute gehen von nötigen Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe aus: Brandschutz, Klimaanlage, Böden und vieles mehr. Es wird darauf ankommen, wie viel Unterstützung das MMK von der Kommunalpolitik in Zeiten des Sparens erhält. Pfeffer gibt sich zuversichtlich: „Ich fühle mich von der Politik verstanden.“ 

Zugleich macht die Kunsthistorikerin sich nichts vor. „Zeitgenössische Museen haben es schwer“, sagt sie unumwunden. Die Menschen hätten „Probleme, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen“. Und erst recht mit der Gegenwartskunst. 

Aber die Kuratorin stimmt nicht ein in die wohlfeile Klage, dass die ästhetische Bildung junger Menschen zu wünschen übrig lasse. Dass gerade der Kunstunterricht an Schulen vernachlässigt werde. Sie ist geradezu demonstrativ optimistisch: „Die visuelle Kompetenz von Kindern ist durchweg hoch – weil sie sich permanent mit Bildern beschäftigen.“ Genau daran knüpft das Museum für Moderne Kunst an: „Wir arbeiten mit Schulen zusammen, wir bieten zahlreiche Vermittlungsprogramme an, wir offerieren täglich mehrere Führungen.“ 

Pfeffer will Mut machen für die moderne Kunst: „Man muss nicht glauben, dass man alles gleich versteht.“ Auch sie brauche des öfteren Zeit, um ein Kunstwerk zu erfassen: „Wenn ich alles sofort verstehen würde, wäre es langweilig.“ Vor allem aber heißt das Motto der Kunsthistorikerin: „Es ist wichtig, dass man keine Angst hat – und den Mut zur eigenen Meinung!“ 

Wir blenden im Gespräch zurück auf den Dezember 2016. Pfeffer war damals Direktorin des Museums Fridericianum in Kassel. Sie zeigte die erste große Einzelausstellung der Künstlerin Loretta Fahrenholz. Die hatte einen Film gedreht frei nach Motiven des berühmten Exilromans „Nach Mitternacht“ (1937) der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun. Er schildert den Alltag der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Frankfurt am Main. Fahrenholz inszenierte den Kurzfilm „Two A.M.“, der zeigte, wie ein junges Liebespaar in der Gegenwart einer Atmosphäre von Terror und Angst ausgesetzt ist. Pfeffer organisierte dazu ein wissenschaftliches Symposium unter dem Titel „A new Facism?“ 

Und heute, anderthalb Jahre später, nach dem Aufstieg der AfD? „Heute wäre das Fragezeichen kein Thema mehr“, sagt die Direktorin grimmig: „Der Rechtsruck ist sehr erschreckend.“ 
Auch in der Zusammenarbeit Pfeffers mit der Frankfurter Künstlerin Anne Imhof, die zum Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig führte, sind die Anspielungen auf den Nationalsozialismus und seine Ästhetik deutlich. Die mehrstündige Performance „Faust“ von Imhof lässt vier Dobermänner hinter Gitterzäunen bellen, während junge Menschen in schwarzen Trainingsanzügen sich durch den Raum bewegen. „Mir war wichtig, dass diese Arbeit mutig war, dass sie eine Haltung hatte“, so Pfeffer. 

Sie kämpfte um die Genehmigung, tatsächlich lebende Hunde einsetzen zu dürfen. Und Imhof und sie entschlossen sich, tatsächlich Zäune hochziehen zu lassen: „Überall auf der Welt werden Zäune gebaut, geht es um Abgrenzung.“ 

Wir gehen wieder durch die leere Eingangshalle des Museums. Die riesige Kiste nimmt das Geheimnis ihres Inhalts mit ins Frankfurter Depot. 

Auch über ihre Pläne für das Haus spricht Susanne Pfeffer nur im Off. Aber sie ist entschlossen, sich mit ihrer Arbeit weiter „für eine offene und freie Gesellschaft“ zu engagieren. 

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