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Vielleicht erfreut sich der jüngste Besucher ja in 20 Jahren an dem Schnäppchen seines Vaters.

Frankfurter Schallplattenbörse

Gepresste Raritäten

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Zum zweiten Mal konnten Besucher auf der Frankfurter Schallplattenbörse in Bornheim nach Raritäten stöbern.

Wer heute als Musiker etwas auf sich hält, lässt seine Songs wieder auf Vinyl pressen. Seit einigen Jahren schon erfahren Schallplatten in der Musikindustrie eine Renaissance. Auf den ersten Blick ist das ein höchst anachronistischer Trend. Schließlich reicht mittlerweile ein einfacher Knopfdruck auf dem mobilen Endgerät aus, um selbst unterwegs beinahe jedwedes Musikstück abspielen zu können.

Aber gerade diese Verfügbarkeit von Kunst könnte den verstärkten Rückgriff auf die Platten erklären. Denn „viel bewusster“ höre man Musik auf Schallplatten, wie Ulrich Lauber findet. Seit über 30 Jahren veranstaltet er in ganz Deutschland Schallplattenbörsen. Davor fuhr er selbst bis nach Holland zu Händlertreffen. Dann kam der Entschluss, die Börsen auch hierzulande zu etablieren. „Für mich war es erstaunlich, dass es das damals in Deutschland nicht gab“, so Lauber. Das war 1985, lange bevor der Online-Handel weites Reisen für Tausch- und Kaufgeschäfte obsolet machte.

Dass es aber gerade bei Sammlerware nicht nur um das Kaufen, sondern auch um das Stöbern und Entdecken geht, zeigte der große Andrang im Bornheimer Saalbau am gestrigen Sonntag. Zum zweiten Mal fand dort die Frankfurter Plattenbörse statt. Zahlreiche Retro-Fans und Musikliebhaber nutzten den verregneten Vorweihnachtstag, um die rund 50 Ausstellerstände nach Schnäppchen oder Raritäten abzugrasen. Und das hieß viel Arbeit. Von Krautrock über psychedelischen Folk bis hin zu elektronischer Tanzmusik füllten Tausende Tonträger jedes erdenklichen Genres die vielen Papier- und Plastikkisten auf den Tischen im Saal. „Man bräuchte zwei Tage, um alles zu sichten“, meint Christian Caspari. Mit seiner Freundin ist er aus Koblenz angereist, um die Plattenbörse zu besuchen. Die Leidenschaft für das Vinyl hat ihn erst kürzlich gepackt, als er den Film „Bohemian Rhapsody“ über die Rockband Queen im Kino sah. Auf der Börse konnte er einige Alben deutscher Liedermacher aus den 70er Jahren ergattern, die es in digitaler Form nicht gibt. Abgesehen vom Atmosphärischen mache auch das für Caspari den Reiz an Vinyl aus.

Angefangen bei zwei Euro für eine millionenfach gepresste Beatles-Platte sind die Preise für rar produzierte Tonträger nach oben offen. Über 700 Euro habe er einmal für eine Schallplatte bekommen, berichtet Mark Schwerd. Der Musikkenner ist aus Köln angereist, um in Bornheim seine Platten auszustellen. Überwiegend Rock und Indie hat er im Repertoire. Für ihn bedeutet Musik vom Plattenspieler vor allem Entschleunigung. Das Auspacken, Auflegen und Abspielen von Musik über den Schallplattenspieler sei mit Aufwand verbunden, der eine gewisse Achtsamkeit für die Musik hervorbringe. Die Greifbarmachung von Musik durch die Platten schaffe für viele eine Verbindung zwischen Konsument und Künstler, meint Schwerd. „Damit erkläre ich mir auch das Wiederaufleben der Schallplatten.“ Dass Vinyl einmal aussterben könnte, das ist für Ulrich Lauber unvorstellbar. Seine Passion hat er an seinen Sohn Alexander weitergegeben, mit dem er gemeinsam die Börsen organisiert.

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