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Spaß und Anstrengung gehen Hand in Hand: Bei Calisthenics Frankfurt hüpft man auch mal Treppen hoch und krabbelt sie anschließend wieder hinunter,

Ferien zu Hause

Calisthenics in Frankfurt: „Genießt euren Muskelkater“

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Kraftsport im Freien mit dem eigenen Körpergewicht: Die Sportverrückten von Calisthenics Frankfurt trainieren regelmäßig an Klimmzugstangen und Treppenstufen im Hafenpark. Motivation ist das “Gruppenleiden“.

Drei Regeln gibt es beim Training von Calisthenics Frankfurt: laut mitzählen, immer lächeln, nie absetzen. Man kennt sich hier, die bunte Gruppe umarmt sich zur Begrüßung. Einige tragen die passenden „Calisthenics Frankfurt“-Muscleshirts, andere Handschuhe zum Schutz der Hände an den Stangen. Bei knapp 30 Grad habe ich an diesem Samstag als FR-Reporterin das klimatisierte Büro gegen die Klimmzugstangen im Frankfurter Hafenpark getauscht. Schon bevor es überhaupt losgeht, wird mir ein höllischer Muskelkater versprochen.

Springen, laufen, Liegestütze und wieder springen – mir wird schnell klar, wie fit diese Menschen sind, mit denen ich hier im Kreis turne. Trainer Benny fordert ein lautes Mitzählen bei den Übungen: „Wenn ihr nicht laut genug zählt, macht ihr die Übungen noch mal von vorn!“

Sitzen kann so einfach sein – oder eben anstrengend.

Dies ist heute ein ungewöhnliches Training – wegen Hitze und angekündigtem Regen treffen sich die Sportverrückten schon um 10 statt um 15.30 Uhr. Da es dennoch in Strömen regnet, wird hauptsächlich unter der Honsellbrücke trainiert, nicht wie sonst an den Klimmzugstangen und Barren im Hafenpark.

Nach dreißig Minuten Squats, also Kniebeugen, und Ausfallschritten brennen meine Beine. Ich verdrücke mich an den Rand und befrage diejenigen, die eine Trinkpause einlegen. Die 32-jährige Katharina nennt sich „die Neue“. Seit Mai trainiert sie regelmäßig mit – und trotzdem: „Die hängen mich immer noch alle ab.“ Dabei bleiben will sie aber unbedingt, „das reizt schon, diese tollen Techniken an der Stange und das Körpergefühl dabei“.

Calisthenics ist ein Eigengewichtstraining und stammt aus New York. Videos von Klimmzügen und verrückten Positionen an den Stangen von Spielplätzen machten die Sportart zum Trend. Abgeleitet ist Calisthenics aus dem Griechischen und bedeutet „schöne Kraft“ – diese trainiert sich in unzähligen Variationen von Liegestützen, Klimmzügen, Kniebeugen, Ausfallschritten und Sit-ups. Und noch mal fünfzig.

Endlose Ausfallschritte und gute Laune im Hafenpark.

Von den Gründungsmitgliedern der Gruppe sei heute keiner mehr aktiv tätig, höchstens im Hintergrund, sagt Lenny, der seit drei Jahren mitmacht und seit diesem Jahr als Trainer aushilft. „Manche sind weggezogen, manche gehen jetzt professionell auf Wettkämpfe“. Lennys kleine Mission: Er will auch seine Freunde zum Calisthenics motivieren, hat extra eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Bisher sind von den 30 Freunden acht einmal gekommen, genau einmal - es war doch zu anstrengend.

Alexander Reith, der sich mit fünf anderen um die Facebook-Seite und die Organisation der Gruppe kümmert, sagt: „Am Anfang war die Calisthenics-Gruppe nur eine Spielerei, aber dann kam ein richtiger Boom und es haben sich immer mehr Leute angeschlossen. Das Training war immer kostenlos und so soll es auch bleiben. Denn unserer Meinung nach zerstört der Faktor Geld nur Freundschaften. Wir verstehen uns als eine Familie, und das heißt auch, dass jeder willkommen ist, der mit uns trainieren möchte.“

Trinken ist auch bei Regen wichtig.

Auch Lennys Trainerkollege und Fast-Namensvetter Benny bestätigt: „Hier können Anfänger und Fortgeschrittene mitmachen, das ist was für alle Niveaus. Jeder ist willkommen.“ Die „lose Freizeitgruppe“ trainiert nach relativ festem Ablauf, es gibt aber keine Vereinsstruktur, keine Versicherung. „Mit der Zeit kristallisiert sich eben heraus, wer was einbringen kann.“ So ist auch Lenny, der andere Trainer, zu seiner Position gekommen: „Da kommt man rein, man lernt beim Machen und Probieren.“ Viele gehen zusätzlich mehrmals die Woche ins Fitnessstudio, Lenny macht „lieber Eigengewichtstraining. Am besten draußen, in der Gruppe, wie hier - da motivieren wir uns gegenseitig.“

Diese Motivation muss wirklich groß sein – die zitternden Beine und gequälten Gesichter werden immer wieder von herzhaftem Lachen unterbrochen. „Der Regen hält uns doch nicht ab!“, weist Benny an. Nach eineinhalb Stunden Wiederholungen von Squats und Ausfallschritten sind jetzt Bauch und Arme an der Reihe: Handtücher und Yogamatten werden ausgepackt, „ab auf die Knie!“

Warum tut man sich das an? „Gruppenleiden“ sagt Suzy und lacht. „Wir sind wie eine kleine family, machen auch mal Wanderungen zusammen. Und Sport ist ja auch immer ein Schnitt quer durch die Gesellschaft, das finde ich spannend.“ Calisthenics habe sie rein zufällig entdeckt, auf der Suche nach einer kostenlosen Gruppe zum Trainieren – seitdem kommt sie regelmäßig.

Nach jedem Training wird ein Foto gemacht und auf Facebook gepostet. Verschwitzte, glückliche Menschen posieren stolz und führen ihre Muskeln vor, darunter an diesem Samstag auch ich als FR-Reporterin. „Genießt euren Muskelkater!“, steht unter dem Foto – meiner quälte mich noch fast eine Woche lang.

Calisthenics Frankfurtwurde im März 2013 gegründet. Von Anfang an wurde Social Media zur Organisation der Trainings genutzt, auch heute gibt es alle Informationen über Facebook.

Die Teilnahme ist kostenlosund funktioniert ohne Anmeldung. Interessierte können einfach vorbeikommen. Die Gruppe trainiert jeden Samstag von 15.30 bis 18.00 Uhr im Osthafenpark, nahe der EZB.

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