Miriam Fuhrich und Madame Anglerfisch. Unten am Bauch: Monsieur Anglerfisch. Wirklich.
+
Miriam Fuhrich und Madame Anglerfisch. Unten am Bauch: Monsieur Anglerfisch. Wirklich.

Senckenberg-Museum

Genialer Grusel aus der Tiefsee in Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Ein Werkstattbesuch im Senckenberg-Museum, wo die Fische für die neue Dauerausstellung entstehen. Einer trägt ein Visier, und ein anderer hat einen fiesen Trick.

Projekt und Buch

Von unten nach oben, aus der Tiefsee übers Hochgebirge bis ins All, so baut sich das erweiterte Senckenberg-Naturmuseum auf, an dem die Forscher seit einiger Zeit arbeiten. Als erstes Element wächst in den Ausstellungssälen unter der Anleitung von Thorolf Müller die Tiefseeschau heran.
Am 4. September soll die aufregende Fahrt hinab in die Meere für Besucher beginnen. Allzu viel darf noch nicht verraten werden, aber: Es gibt dann historische und moderne Tauchgeräte zu sehen, man wird ein Korallenriff besuchen und sogar selbst in die Tiefsee hinabfahren können. Und nebenan warten all die Kreaturen, die kaum ein Mensch je mit eigenen Augen sah. Denn die Tiefsee, sie ist fast so unerforscht wie das Universum über uns.
Das Senckenberg-Buch „Tiefsee – Vielfalt in der Dunkelheit“ begleitet die Reise in den größten Lebensraum der Erde. 204 Seiten, 177 farbige Abbildungen, 17,90 Euro. Es ist im Museumsshop und im Buchhandel zu haben.

Heute tauchen wir schon mal in die Tiefsee ein. Nicht gar so tief wie im September, wenn im Senckenberg-Museum eine ganze Abteilung zum Thema eröffnet wird, eine große Dauerausstellung mit den tollsten Gerätschaften und Meereslebewesen. Aber tief. Wir treffen vorab ganz exklusiv zwei Fische, die man beim Schnorcheln garantiert nicht trifft.

Einer von ihnen heißt Ceratias holboelli oder auch Tiefseeanglerfisch. Das klingt recht beschaulich. Wer mal „Findet Nemo“ im Kino gesehen hat, der weiß freilich: Anglerfische können extrem gruselig aussehen – und sie haben einen fiesen Trick. Miriam Fuhrich hat „Findet Nemo“ gesehen, aber das ist längst nicht alles. Die 24-Jährige hat auch die Senckenbergschule absolviert, ist daher seit Oktober Technische Assistentin für naturkundliche Museen und Forschungsinstitute, modellierte in dieser Eigenschaft zunächst eine Seegurke und nun: den Tiefseeanglerfisch.

Und zwar, um etwas ganz Spezielles zu zeigen. „Mein Thema hier ist die Fortpflanzung in der Tiefsee“, sagt sie. Darüber denkt der Mensch ja eher selten nach, und schon gar nicht über den Druck, der da ganz unten im Meer auf den Paarungswilligen lasten muss. Der männliche Anglerfisch – wo ist er eigentlich? „Da“, sagt Miriam Fuhrich und deutet auf eine kleine Flosse … nein, keine Flosse. Das ist der männliche Anglerfisch. „Er wächst zur Fortpflanzung an dem Weibchen fest“, sagt die Präparatorin. „Und da bleibt er bis an sein Lebensende.“

Damit wäre geklärt, dass es noch etwas Schrecklicheres gibt als das Aussehen eines Anglerfischs, der mit einer Art Lampe an einer Art Angel die Beute in sein Maul lockt. Eines weiblichen Anglerfischs, wie wir nun wissen. Monströse 1,20 Meter lang können die Damen werden. 58 Zentimeter lang (plus Angel) ist das Modell, und das reicht zum Gruseln völlig. An die drei Monate Arbeit stecken darin, von der Urform aus Modelliermasse bis zum fertigen Kunststofffisch mit Hunderten von Hand aufgeklebten Stacheln. „Das war das Aufwendigste“, sagt Miriam Fuhrich, bisher keine Taucherin, aber auch nicht abgeneigt, es bei passender Gelegenheit zu probieren.

Deutlich kleiner als der (weibliche) Tiefseeanglerfisch ist der Kamerad, den der erfahrene Senckenberg-Präparator Udo Becker für die Dauerausstellung modelliert hat. „Schauen Sie sich das an!“, sagt er und zeigt zunächst einen kurzen Film. Darin schwebt ein kleines Segelflugzeug in – aber nein: Das ist gar kein Segelflugzeug. Es ist Macropinna microstoma, ein Glaskopffisch. „Als ich das gesehen habe“, sagt Becker und stoppt den Film, „dachte ich: Wow, das muss mit rein.“ In die Dauerausstellung.

Udo Becker und sein Macropinna microstoma – mit Visier.

Macropinna microstoma bedeutet ungefähr: große Flosse, kleiner Mund. Als man den Fisch 1939 entdeckte, wusste noch niemand von seinem herausragenden Merkmal. In den Netzen ging die transparente Haube stets verloren, durch die er zu schauen pflegt. Erst 1993 beobachteten Forscher ein lebendes Exemplar. „Er schwebt in einer bestimmten Wassertiefe, zwischen 400 und 2500 Meter“, schildert Becker. „Jetzt sieht er die Biolumineszenz eines kleinen Tierchens über sich“, ein für Tiefseefische charakteristisches Leuchten. Das ermöglichen seine grünen Augen, die senkrecht nach oben schauen. „Und er hat Hunger. Da – ein Flohkrebs. Den mag er gern. Was macht er?“ Er steigt nach oben in Richtung Beute, kippt die Augen nun um 45 Grad nach vorn und schnappt den Leckerbissen. „Ein superspezialisierter Fisch.“

Die Haube überm Gesicht hat Macropinna microstoma vermutlich, weil er auch gerne Quallen mag und auf diese Art seine Augen gegen deren Nesselzellen schützt. Wie Miriam Fuhrich hat auch Becker lange Zeit recherchiert, um alle Einzelheiten für sein Modell so präzise wie möglich zu erfahren. Für die Augen nahm er schließlich grüne Murmeln, für die Haube formbares Thermoplastik, für die Flossen die hauchdünnen Fühler von Gambas. Erfolgsrezept bei der Arbeitsteilung: „Die Antennen hab ich für die Flossen verwendet, die Gambas hab ich gegessen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare