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Der Salar de Uyuni in den Anden im Südwesten Boliviens ist die größte Salzwüste der Erde.  

Auf Tour

Der Gelnhäuser Dennis Kailing radelt zwei Jahre um die Welt

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43.578 Kilometer hat Dennis Kailing zurückgelegt und ist 761 Tagen durch 41 Länder gekommen. Er radelt in Gelnhausen los- nach zwei Jahren kommt er in Rio de Janeiro an.

In Gelnhausen radelt Dennis Kailing los, seine Mutter winkt ihm noch mit einem roten Stofftuch aus dem Vorgarten nach – knapp zwei Jahre später strampelt er durch Rio de Janeiro unweit des berühmten Strandes von Copacabana. Die letzte Station seiner Rad-Weltreise. In Zahlen hat der mittlerweile 29-Jährige 43 578 Kilometer zurückgelegt und ist 761 Tagen durch 41 Länder gekommen.

Überall trifft er auf Menschen, die ihn zum Essen oder sogar zum Übernachten einladen. „Die meisten Leute habe ich tatsächlich am Dorfkiosk kennengelernt“, sagt er und lacht. In Armenien schläft er einmal im Zelt im Garten einer Familie, weil deren Blechhütte für einen Gast zu klein ist. Ein anderes Mal wacht er im Büro des Bürgermeisters eines türkischen Dorfs auf. „In Mexiko boten mir Polizisten auf einem Dorffest an, dass ich eine Nacht auf der Wache in der Frauenzelle übernachten könne, weil die sauberer sei als die Männergefängniszelle und wohl die Nacht frei bliebe. Sie sagten, mein Zelt irgendwo aufzuschlagen, sei in ihrem Dorf einfach zu gefährlich“, erzählt Kailing beim Interview im Café Plank im Frankfurter Bahnhofsviertel. Auch hier hat er ein Rad dabei. „Aber ein anderes als das von der Reise. Das fährt aber auch noch.“

Auf Sumatra tobt Dennis Kailing fröhlich mit Kindern beim Regen im Reisfeld. 

Seine Erlebnisse hat er jetzt nicht nur als Buch herausgebracht, sondern er hat auch aus 73 Stunden Material einen zweistündigen Film geschnitten. Dieser kommt am 13. Februar ins Kino, und zwar unter dem gleichnamigen Buchtitel „Besser Welt als nie“. Das Roadmovie zeigt mehr als schöne Strände und Landschaften. Es bleiben vor allem die Menschen hängen, die ihn freundlich in ihre Welt aufnehmen.

An der Westküste Sumatras springt er mit Kindern fröhlich in die Pfützen auf einem Reisfeld, wenn täglich pünktlich um 17.30 Uhr der Monsunregen nach Temperaturen von 35 Grad einsetzt. Im Iran übernachtet er bei einem Mann, der ihn zum Frühstück auf eine Schafskopfsuppe einlädt. „Über den Iran wird selten was Gutes berichtet“, sagt Kailing. „Aber die Menschen sind nicht gleichzusetzen mit der Regierung. Sie sind extrem gastfreundlich. Im Iran gilt ein Gast als Geschenk Gottes.“ In Armenien umarmt ihn die Familie nach einem Abendessen so herzlich, als sei er ein Familienmitglied. In jedem Land durch das er reist, lernt er mindestens zehn Worte. „Der Rest funktioniert mit Zeichensprache und Lächeln.“

Timor-Leste ist traumhaft, nur nicht die Infrastruktur. Kailing quert einen Fluss. Unter ihm Krokodile.  

Vor dem eigentlichen Kinostart ist Kailing bundesweit auf Tour und redet mit dem Publikum bei den Previews. Am Interviewtag kommt er gerade von einer Vorführung für eine Schulklasse. Was wollten die Schüler so wissen? „Wo war es am schönsten?“, „Hattest du auch mal Angst?“ Und, ach ja: Warum er sich eigentlich für eine Weltreise auf dem Rad entschieden hat.

„Das war eine sehr spontane Entscheidung“, sagt Kailing. Nach dem Abitur machte er zunächst seinen Bachelor in Bauingenieurwesen an der Frankfurter Fachhochschule. „Dann bin ich nach Berlin und habe dort eher alibimäßig meinen Master angefangen.“ Er jobbte bei einer „absurden“ TV-Show, aber als dort von einem auf den nächsten Tag Schluss war, erkannte er dies als die Gelegenheit, die Idee, die ihm schon ein Jahr zuvor gekommen war, in die Tat umzusetzen. „Jetzt war ich frei dafür.“

Das war im Mai 2015, bereits Mitte Juni radelt er los. Er erzählt von seiner Reise nur seinen Eltern und seinen drei besten Freunden. Denn: „Ich wusste anfangs nicht, ob ich es schaffen würde.“ Auch wegen der Knieverletzung, die er sich in seiner Jugend als semiprofessioneller Basketballer zugezogen hatte. Aber das Radeln um die Welt funktionierte.

Film und Buch

„Besser Welt als Nie“ startet an diesem Donnerstag (13. Februar) in den Kinos. Vorab gibt es Previews plus Filmgespräche mit Dennis Kailing: Im Kinopolis Hanau am 10. Februar um 19.30 Uhr; im Kinopolis Sulzbach am 11. Februar um 20.30 Uhr; in den Harmonie-Kinos Frankfurt am 13. Februar um 20.30 Uhr. Im Festival-Kino Darmstadt ist Kailing am 15. Februar um 20 Uhr.

Alle Film-Termine gibt es unter: www.besserweltalsnie.de
Dort kann man sich auch das gleichnamige Buch und den Soundtrack bestellen. rose

„Es ging mir nie um Schnelligkeit oder darum, besonders viele Kilometer auf dem Rad zu schaffen. Aber mit dem Rad zu reisen, war abenteuerlich und verrückter als eine Pauschalreise. Und man kommt doch schnell voran und eben auch an Orte, an die man als normaler Tourist nicht hinkommt.“ Abgesehen davon sei es auch eine günstige Art zu reisen.

Kailing lebt unterwegs von seinen Ersparnissen. „Ich hatte zu dem Zeitpunkt, als es losging, noch nicht mal mein Konfirmationsgeld ausgegeben“, sagt er und lacht. Nur einmal in Kalifornien, als das Geld knapp wird, jobbt er auf einer Cannabis-Plantage, ansonsten ist er auf der Durchreise. 15 bis 17 Kilo Gepäck hat er dabei. Vor allem Lebensmittel, dazu eine Spiegelreflexkamera, eine Drohne, eine Actionkamera und paar Klamotten, darunter drei T-Shirts. Die längste Zeit ohne zu duschen erlebt er in Bolivien: „Viermal innerhalb eines Monats.“

Die Drohne kommt zum Einsatz, als er im südasiatischen Inselstaat Timor-Leste Rad und Gepäck über eine „sehr fragwürdige Konstruktion“ schieben muss, im Fluss unter ihm schwimmen Krokodile – einer seiner Adrenalin-Momente. „Ansonsten war Timor-Leste toll. Ein kleines Land, von denen viele nicht mal wissen, dass es existiert. Es gibt Traumstrände und kaum Touristen. Denn die Infrastruktur ist schlecht. Die Straßen sind katastrophal.“

Dreimal erkrankt er unterwegs schlimm. Das erste Mal in Myanmar. Dort isst er für umgerechnet sieben Cent eine Nudelsuppe auf dem Markt, danach geht es ihm sehr schlecht. „Sechs Tage lang konnte ich nicht richtig essen, aber statt mich auszuruhen, fuhr ich immer weiter. 100 Kilometer am Tag. Ich wollte einfach nur noch raus dem Land. Ich war im Tunnel. Irgendwann fing ich an, Selbstgespräche mit fiktiven Charakteren zu führen“, sagt er. 6000 Kilometer seiner Weltreise legt er entweder mit Bussen, in Lastwagen oder auf Fähren zurück. Und er fliegt auch mal: zunächst von Oman nach Nepal: „Pakistan habe ich gemieden, weil es als zu gefährlich galt.“ Später von Australien in die USA. Dort radelt er von Seattle bis Phoenix zwei Monate lang mit einem Kumpel. Ansonsten ist er immer allein unterwegs.

Der Gelnhäuser Dennis Kailing im Frankfurter Bahnhofsviertel beim Interview. 

Die meisten Kilometer kommen in Australien zusammen: 5229. Mit viel Gegenwind im australischen Winter. Und vor allem im Outback. Irgendwo im Niemandsland begegnet er sogar einem Menschen, der noch krasser unterwegs ist als er selbst: Ferris Gump, ein lustiger Aussie-Typ, der für eine Spendenaktion quer durch Australien joggt. Und zwar mit einem Vorratswagen, den er vor sich herschiebt. „In dem Moment dachte ich, dass es mir doch gutgeht. Mit dem Fahrrad ist es doch viel bequemer, als rennen zu müssen.“ Nie habe er wirklich das Gefühl gehabt, in Gefahr zu sein. Selbst in Grenzgebieten in Mittel- und Südamerika, in denen Gauner und Schmuggler unterwegs gewesen seien, oder beim Anblick des mit Macheten bewaffneten Grenzpersonals in Nord-Nicaragua habe er keine Angst gehabt. „Ich habe immer auf mein Bauchgefühl vertraut.“

Bevor er durch El Salvador reist, wird er gewarnt: „Sie töten Menschen wie Hühner.“ Er fährt trotzdem. Und ihm geschieht nichts. „Je länger die Reise dauerte, desto mehr merkte ich, dass ich mich mehr traute, weil es meist nie so gefährlich war, wie mir Leute vorab gesagt hatten.“

Abschiedsfoto mit Damen in Indonesien.  

Im Juli 2017 radelt Dennis Kailing wieder in Gelnhausen ein. Von Rio war er nach Marokko geflogen, den Rest der Strecke saß er im Sattel. Sechs Monate lang schreibt er an seinem Buch, zwei Jahre arbeitet er am Film, die Idee dazu hatte er vor der Reise zunächst nur im Hinterkopf. Ein Kumpel gibt ihm Tipps, außerdem bringt er sich das Schneiden über Youtube-Tutorials bei. „Ich habe den Film in meinem Kinderzimmer in Gelnhausen fertiggestellt. Ich hatte kein Geld mehr für Miete“, erzählt er und lacht. Über Crowdfunding sammelt er Geld, 25 000 Euro Förderung erhält er von der Hessen Film und Medien.

Und wie geht es weiter? Seine Bauingenieurspläne hat Kailing komplett verworfen. Er hofft, dass den Leuten sein Film gefällt, dass sie in die Kinos kommen. Und dann? „Klar, ich will wieder weg. Denn die Lust loszuziehen ist geblieben. Alles was ich dazu brauche, ist mein Fahrrad.“

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