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Hofft am Donnerstag auf alle Stimmen aus der Koalition: Jan Schneider.

Porträt der Woche

Gekommen, um zu bleiben

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Baudezernent Jan Schneider war der Sonnyboy der Frankfurter CDU. Nun steht er vor seiner bisher größten politischen Herausforderung: seiner Wiederwahl.

Es gibt ein Foto von Jan Schneider, das vor knapp sechs Jahren entstanden ist und heute doch viel älter wirkt. Der damals 32-Jährige steht in einem Einkaufszentrum neben Boris Rhein, der seinerzeit noch hessischer Innenminister war. Rhein und Schneider grinsen um die Wette. Weil sie Wahlkampf machen, formen sie die Merkel-Raute. Schneiders Gesicht ist glatt und unbehaart, es sieht jungenhaft aus. Wie er so strahlt, wirkt er wie der Sonnyboy der Frankfurter CDU. Und genau das war er damals ja auch. Schneider war erfolgreich, er hatte im Innenministerium gearbeitet und sich als Landtagsabgeordneter und Stadtverordneter bewiesen, kurz zuvor war er in den Magistrat gewählt worden. Und das mit Anfang 30. Wer damals CDU-Mitglieder fragte, wer für sie der Hoffnungsträger in Frankfurt ist, vielleicht Kämmerer Uwe Becker oder der omnipräsente Markus Frank, bekam als Antwort oft: Weder noch, Jan Schneider ist es.

Sechs Jahre später. Jan Schneider hat sich einen Bart wachsen lassen. Eine gute Entscheidung, denn der Mann, der mittlerweile Dezernent für Bauen, Liegenschaften und Infrastruktur sowie Vorsitzender der Frankfurter CDU ist, sieht damit erwachsen aus. Jan Schneider ist erwachsen geworden? Wäre das ein guter Satz in einem Porträt über einen der wichtigsten und streitbarsten Kommunalpolitiker in Frankfurt? Nein, denn erstens klingt er abgedroschen, und zweitens war Schneider auch vor sechs Jahren schon erwachsen. Sonst hätte er bestimmt nicht als rechte Hand des Innenministers gearbeitet.

Aber: Schneider ist gereift seit 2013. Er hat heftige Krisen bewältigt. In Sachen Rennbahn zum Beispiel. Die Übergabe des Geländes an den DFB, der dort seine Fußball-Akademie baut, war längst überfällig, ein Gerichtsverfahren folgte aufs andere, die Rennbahn-Freunde zogen alle Register, der DFB wurde ungeduldig. Das Geschäft könnte platzen, der DFB ins Umland ziehen, wurde spekuliert. Für Schneider wäre das eine Katastrophe gewesen. Doch der Dezernent behielt die Nerven, sprach immer wieder mit den DFB-Oberen – und gewann. Dieser Tage war Spatenstich auf dem Areal.

Oder nach der Landtagswahl. Auch für die Organisation von Abstimmungen ist Schneider zuständig. Bei dieser Wahl ging fast alles schief, was schiefgehen konnte. Chaos am Wahlabend, geschätzte Ergebnisse, ein paar Hundert Stimmen waren nicht ans Wahlamt durchgegeben worden – vereinzelt wurde gar die Wiederholung der Abstimmung gefordert. Wieder blieb Schneider ruhig, sagte klar und deutlich, dass viele inakzeptable Fehler geschehen waren. Aber: Er stellte sich immer vor die Verantwortlichen im Wahlamt. Innerhalb der Stadtverwaltung hat ihm das viel Anerkennung eingebracht.

Nun steht Schneider vor der Wiederwahl. Es ist eine Nagelprobe für die schwarz-rot-grüne Koalition, die in den vergangenen Wochen durch Streit und Durchhalteparolen und Streit und Medienschelte und Streit und Schönrederei aufgefallen ist. Immer wieder gab es zuletzt Spekulationen, insbesondere in der SPD könnte es bei der Wahl Abweichler geben. Deshalb die Frage: Wie geht diese Wahl aus, Herr Schneider? „Ich gehe davon aus, dass ich am Donnerstag wiedergewählt werde. Ob am Ende Stimmen aus der Koalition fehlen, weiß ich natürlich nicht.“

Jan Schneider (38) kommt aus Frankfurt-Kalbach und begann seine politische Karriere 2001 im dortigen Ortsbeirat 12. Zuvor saß sein Vater im Stadtteilparlament, der dann aber entschied: „Das Gremium verträgt nur einen Schneider.“

Noch während seines Studiums wurde Schneider 2006 Stadtverordneter. Nach dem zweiten Staatsexamen arbeitete er im Innenministerium. Von 2012 an saß er für anderthalb Jahre im Landtag, 2013 wurde er Dezernent. geo

Solche Fragen müssen sein, auch wenn die Antworten erwartbar sind. Denn was soll Schneider sonst sagen? Noch dazu in einem Gespräch, bei dem die ganze Zeit der in der Kommunalpolitik ungemein erfahrene Dezernatssprecher Günter Murr (einst Redakteur der „Frankfurter Neuen Presse“) dabei sitzt und an dessen Ende die Bitte nach Autorisierung der wörtlichen Zitate steht.

Die Wahrheit ist: Schneider ist eine Reizfigur für die SPD. Während der SPD-Chef und Planungsdezernent Mike Josef (Schneider: „Zu ihm habe ich ein gutes Verhältnis“) angetrieben von Oberbürgermeister Peter Feldmann immer mehr Milieuschutz und immer mehr Einsatz für Mieter fordert, bremst Jan Schneider: „Bei Milieuschutzsatzungen ist die Erwartung der Mieter hoch – aber es wird trotzdem Mieterhöhungen geben, es wird trotzdem Vermieter geben, die Modernisierungskosten umlegen. Daran ändert die Satzung nichts.“ Als Schneider unlängst auch noch in einem Interview mit der „FAZ“ die SPD anging („Der Koalitionspartner orientiert sich immer weiter nach links“), reichte es vielen Sozialdemokraten endgültig. Auf der anderen Seite hat die SPD aber wenig Interesse daran, die Koalition platzen zu lassen, und so betont Fraktionschefin Ursula Busch bei jeder Gelegenheit: Schneider muss noch viel lernen, aber er bekommt unsere Stimmen.

Vielleicht muss Schneider wirklich noch ein bisschen an Erfahrung gewinnen, bevor er 2024 als Herausforderer der CDU bei der OB-Wahl antritt. Viele Christdemokraten könnten ihn sich gut als Kandidaten vorstellen. Und so ein Wahlkampf hätte ja durchaus seinen Reiz. Der CDU-Chef und Baudezernent auf der einen Seite, auf der SPD-Seite womöglich Mike Josef, dazu eine Kandidatin der Grünen… Für die kommunalpolitischen Beobachter gäbe es schlechtere Konstellationen. Deshalb: Könnten Sie sich eine Kandidatur vorstellen, Herr Schneider? Wieder wirkt der Dezernent latent genervt, wieder so eine Frage, die ein Reporter stellen muss, die aber in den seltensten Fällen zu einer erhellenden Antwort führt. Also sagt Schneider seinen Spruch auf: „Ganz ehrlich, daran verschwende ich keinen Gedanken. Bis dahin gibt es für meine Partei und mich noch ganz andere Aufgaben zu lösen, insbesondere im Hinblick auf die Kommunalwahl.“

So phrasenhaft diese Aussage klingt, in einem hat Schneider sicher Recht: Die kommende Kommunalwahl ist für seine Partei und auch für ihn persönlich ganz entscheidend. In den vergangenen Jahren hat Schneider fast nur Niederlagen verkauft. Die OB-Wahl mit der völlig überforderten Kandidatin Bernadette Weyland war eine Katastrophe, bei der Landtagswahl wurden plötzlich die Grünen in Frankfurt stärkste Kraft. Dafür könnte Schneider Erklärungen suchen, die mit ihm und seinen Leuten nichts zu tun haben. Klar, das drohende Fahrverbot in Frankfurt und der Umgang der Politik mit der Autoindustrie halfen der CDU zuletzt nicht gerade. Aber Schneider will es sich nicht einfach machen, er will „offen und ehrlich analysieren“, wie er sagt: „Wir müssen uns fragen, ob wir in Frankfurt alles richtig gemacht haben.“ Offenbar nicht, sonst wären die Ergebnisse ja anders ausgefallen.

Aber was braucht es denn, damit die CDU in Frankfurt wieder Wahlen gewinnt? Eine einfache Antwort hat Jan Schneider darauf nicht. Nur eines wird es mit ihm als Parteichef nicht geben: einen Rechtsruck, um Wähler zurückzuholen, die zur AfD abgewandert sind. Ohnehin glaubt Schneider nicht, dass die Christdemokraten in Frankfurt eine deutlich konservativere Politik wünschen. Immerhin hat die eher liberale Bundestagsabgeordnete Bettina Wiesmann bei der Wahl 2017 ein besseres Ergebnis erzielt als zuvor Rechtsaußen Erika Steinbach. „Das sagt schon etwas aus“, findet der Parteichef.

Das Gespräch in Schneiders Büro, an dessen Wand wie eine Trophäe ein Sitz der alten Rennbahn-Tribüne lehnt, dauert jetzt schon eine Stunde. Viel über Privates wurde bisher nicht geredet. Schneider hat drei Kinder, er wünscht sich mehr Zeit für die Familie ebenso wie fürs Motorradfahren, sein großes Hobby. Der Politiker fährt gerne schnell, einmal ist er auf dem Nürburgring gestürzt, als er mit einem Affentempo unterwegs war. Wie das genau war mit dem Sturz? Die letzte Reporter-Frage des Tages, die Jan Schneider für überflüssig hält. „Wollen wir uns nicht über erfreulichere Dinge unterhalten?“, fragt er.

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