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Frühlingsgefühle? Geister grinsen von der Lärmschutzwand.

Streetart und Graffiti

Die Geister, die ich rief

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Seit vielen Jahren spukt ein Geist durch Frankfurt. Ein Besuch bei dem Mann, der die Cityghost-Graffiti geschaffen hat.

Ein dicht bewachsenes Grundstück in einer Frankfurter Schrebergartensiedlung, darauf ein kleines Haus, von der Straße kaum einsehbar. Von einem quietschenden Metalltor führt ein Trampelpfad unter Bäumen hindurch.

Am Ende des Pfads grinst einem eine große bunte Geistergestalt von der Hauswand entgegen. Es ist das kleine Reich von Spot, der Frankfurter Sprayer-Szene als Urheber der Cityghosts bekannt. Momentan ist er dabei, sich einen Ruf als Frankfurter Künstler zwischen Streetart, Urban Art und Konzeptkunst aufzubauen.

Das Häuschen, das ihm als Atelier dient, besitzt neben einem Freiluftbereich für die schönen Monate des Jahres einen kleinen Werkstattschuppen für die kalte Jahreszeit. Ansonsten ist das Gebäude komplett wohntauglich, es hat neben den Wohn- und Ausstellungsflächen auch Küche und Bad. „Ich komme nur noch zum Arbeiten her, aber bis vor einem Jahr, bevor mein Sohn geboren wurde, habe ich hier auch gelebt“, erklärt Spot.

Heute ist der gebürtige Frankfurter der Illegalität des Sprayens mehr oder weniger entwachsen. Seinen Lebensunterhalt verdient er vorwiegend mit Auftragsarbeiten oder Werken, die er zum Verkauf anbietet. Heimlich und anonym sprühe er nur noch selten.

Das war nicht immer so. „Wenn man wie ich in Frankfurt aufgewachsen ist, kommt man an Graffiti nicht vorbei. Sie haben mich schon immer fasziniert“, sagt Spot.

„In den 90er Jahren habe ich dann angefangen, mich auszuprobieren.“ Dabei habe er zunächst, wie die meisten, mit klassischem New-York-Style-Writing begonnen, also vorwiegend seinen Namen an Wände getagged. „Ich habe mich damit aber nie wirklich wohl gefühlt, das war irgendwie nicht meine Ausdrucksweise. Also habe ich Ende der 90er, in einer Nacht- und Nebelaktion, angefangen, verschiedene Gesichter und kleinere Figuren zu machen.“ Damit war der Cityghost geboren.

Dieser Name stammt jedoch gar nicht von Spot selbst, sondern hat sich im Laufe der Zeit etabliert. „Egal, wie man meine Gestalten nennt, mir ist es wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, seine ganz eigenen Assoziationen mit ihnen herzustellen“, sagt ihr Schöpfer.

Mittlerweile haben sich die Geister in allen Vierteln Frankfurts ausgebreitet. Ob auf Papierkörben am Mainufer, über den Dächern der Zeil oder an Frankfurts Bahnstationen, bei genauem Hinsehen entdeckt man die Gesichter überall. Mal sind sie groß, mal klein, oft bunt und aufwendig ausgeführt, andere wieder in Sekundenschnelle nur durch Konturen angedeutet. Wie so ein Geist am Ende aussieht und wo er entsteht, entscheidet sich bei Spot meist spontan und je nach Laune.

„Oft geht man einfach durch die Stadt, verschwendet vielleicht schon länger keinen Gedanken mehr ans Sprayen – so Phasen gibt es bei mir auch. Und dann, von jetzt auf gleich, springen mir geeignete Flächen ins Auge. Dann entwickeln sich plötzlich Ideenbilder im Kopf und man kehrt an diesen Ort zurück“, erklärt er. Gleichzeitig betont er jedoch, dass er unaufgefordert nur Flächen und Objekte des öffentlichen Raums gestaltet, kein Privateigentum, und meist auch nur, wenn bereits andere Sprayer ihre Graffiti hinterlassen haben. „Ich bin der Meinung, dass der öffentliche Raum der Öffentlichkeit gehört. Ich bin Teil dieser Öffentlichkeit, und solange meine Arbeiten dazu beitragen, diesen Raum zu verschönern, kann ich das mit meinem Gewissen gut vereinbaren.“

Wie viele Geister Spot über die letzten Jahre geschaffen hat, weiß er gar nicht. „Ich zähle schon lange nicht mehr mit, aber es müsste in Frankfurt weit über tausend von ihnen geben.“ Doch nicht nur in Frankfurt trifft man auf die Geister, sie haben die Grenzen der Stadt längst überschritten. „Bei jedem Urlaub hinterlasse ich irgendwo meine Geister, da kann der Writer in mir einfach nicht widerstehen. Einer von ihnen spukt sogar schon in den Straßen New Yorks“, berichtet er stolz.

Neben seinen eigenen Geistern gibt es in Frankfurt auch geisterähnliche Gestalten, die nicht von Spot sind. „Irgendwie haben sich die Geister, die ich rief, verselbstständigt und ihre Nachahmer gefunden“, bemerkt er. Ihn störe das nicht weiter, im Gegenteil, er fühle sich „geehrt“. „Dass ich von den Frankfurtern so viel positives Feedback erhalte, motiviert mich weiter“, sagt er.

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