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Frankfurt: Stiefvater filmt heimlich Tochter

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Ein Mann filmt die Tochter seiner Lebensgefährtin und erstellt daraus pornografische Dateien. 

Es ist einer dieser Wintertage im Dezember 2016, als das Leben der damals knapp 18 Jahre alten Stieftochter in Scherben fällt. Sie kommt aus der Dusche in ihr Kinderzimmer, weiß nichts mit sich anzufangen, legt sich aufs Bett, steht wieder auf, geht an den Bücherschrank und sucht Lesestoff. Sie findet einen kleinen schwarzen Kasten, der aussieht wie eine Kamera. Sie entnimmt dem Kasten eine Speicherkarte, steckt sie in ihren Computer und sieht einen Film. Der Film ist hochaktuell. Er zeigt eine junge Frau, die aus der Dusche in ihr Kinderzimmer kommt, sich aufs Bett legt und dann ans Bücherregal geht. 

Noch am selben Tag kommt es zum Familientribunal. Der Stiefvater gesteht, die junge Frau seit knapp zwei Jahren heimlich zu filmen. Mit zwei Minikameras die er, gekoppelt an Bewegungsmelder, im Kinderzimmer und im Bad installiert hat. Noch am selben Tag fliegt der Stiefvater aus dem Haus, in dem er seit zehn Jahren mit der Stieftochter und ihrer Mutter lebt. 

„Ich war nicht mehr Herr der Lage“, erinnert sich der 61 Jahre alte Stiefvater auf der Anklagebank des Amtsgerichts, wo er sich wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen sowie der Herstellung von Jugendpornografie verantworten muss. Knapp 100 Filme haben die Ermittler auf seinem Computer gefunden. Sie zeigen meist seine Stieftochter im Badezimmer. Manchmal beim Zähneputzen, meistens aber bei weit intimeren Dingen. 

Der Stiefvater hat die Dateien bearbeitet, seine Lieblingsszenen in Endlosschleife geschnitten, die Bewegungen verlangsamt, den Fokus auf Körperteile gerichtet, die ihn besonders reizen. Es sind nicht die Zähne. 

Er habe sich zurückgewiesen gefühlt von der Stieftochter, die er doch geliebt und der er zehn Jahre lang wie ein leiblicher Vater gewesen sei, sagt der Angeklagte. Aber sie habe nie aufgehört, von ihrem leiblichen Vater zu schwärmen, und als sie beim Abschlussball der Tanzschule den „Elterntanz“ nicht mit ihm, sondern mit ihrer leiblichen Mutter habe tanzen wollen, da seien ihm wohl die Sicherungen durchgebrannt und er habe beschlossen, sie heimlich zu filmen – um so vielleicht nicht ihr, aber immerhin sich selbst zu beweisen, dass er am Ende doch der Stärkere sei. 

„Wüsste nicht, was es bei mir zu therapieren gäbe“

Und dann seien „diese Aufnahmen mein Schatz geworden“, erinnert sich der Angeklagte, ein – ebenso wie die Mutter des Opfers – international gefragter Wissenschaftler. Ein Schatz, den er mit niemandem teilen musste, der ihm ganz allein gehörte. Es sei ihm nicht um sexuelle Befriedigung gegangen, beteuert der Stiefvater. Zumindest nicht in erster Linie. Vielleicht um Macht. Vor allem aber um die Freude, zu sehen, „wie ein Schatz entsteht“, sein Schatz, zu wissen, „dass man einen Schatz hat“. 

Glück hat ihm sein Schatz nicht gebracht, und der Stieftochter erst recht nicht. Die Frage, ob der Stiefvater, den sie geliebt habe, dem sie immer noch dankbar für vieles sei, mit dem sie die Welt bereiste und Konzerte besuchte, ihr zehn Jahre lang bloß etwas vorgespielt habe, habe sie fast verrückt gemacht, sagt sie. Sie hat heute keinen Kontakt mehr zu ihm. Den Vorschlag ihrer Mutter einige Wochen nach dem Rausschmiss, es vielleicht doch wieder zusammen mit einer lockeren Dreier-WG zu versuchen, empfinde sie noch heute als „zusätzlichen Verrat von der einzigen Person, die mich doch vorbehaltlos lieben sollte“. 

Sie ist ausgezogen, das Verhältnis zur Mutter ist deutlich abgekühlt. Dass alle – außer ihrer Therapeutin und ihrer Anwältin – ihr geraten hätten, sie solle nicht solch einen Wind um die Angelegenheit machen, habe sie ebenfalls fast verrückt gemacht - aber nur fast. Sie tritt in dem Prozess als Nebenklägerin auf. Das Amtsgericht verurteilt den Stiefvater zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten. Er muss 5000 Euro an die Stieftochter und 2500 an den Frauennotruf zahlen. Er muss zu 15 Gesprächen beim Psychotherapeuten. „Ich wüsste nicht, was es bei mir zu therapieren gäbe“, sagt er.

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