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Uwe Becker (links) und Johannes zu Eltz (rechts) präsentieren Wahlkapelle und Bartholomäusreliquie (Mitte).

Reliquien

Schädeldecke im Dom Frankfurt

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Hirnschale und Drachentöter: Die renovierte Wahlkapelle im Dom ist dennoch ein Ort der Ruhe.

Glaubt man den Legenden, dann hatte der Apostel Bartholomäus am Ende seiner Tage keinen Lauf. Wegen urchristlicher Umtriebe geriet er in Konflikt mit Astyage, dem Bruder des armenischen Königs Polymios, der den Jünger Jesu halbtot prügeln, ihm dann die Haut abziehen und kopfüber ans Kreuz schlagen ließ. Post mortem wurde es auch nicht ruhiger: Der Leichnam, von den Heiden ins Meer geworfen, durch Gottes Gnade in Sizilien wieder angespült, erlebte noch eine Odyssee durch Morgen- und Abendland, die Gebeine dienten mehrfach als Trophäe für diverse Eroberer, und so löste sich der Apostel in diverse Knochenfragmente auf, die sich als Reliquien in beeindruckender Anzahl in ganz Europa verteilten.

Der Nachteil bei Legenden: Sie sind Glaubenssache. Fakt aber ist, dass die wichtigste Bartholomäusreliquie, und zwar die Schädeldecke, dank Kaiser Friedrich II. seit 1248 in Frankfurt eine Heimstatt hat und dem Bartholomäusdom seinen Namen gab. Dort führte die Hirnschale bislang aber ein Schattendasein, wurde eher schamhaft in einem Kabuff im südlichen Teil des Doms versteckt und nur zu hohen katholischen Feiertagen der interessierten Christenheit präsentiert. Das ist nun anders: Ab sofort ist die Reliquie nonstop in der frisch renovierten Wahlkapelle des Doms zu bestaunen, die Stadtdekan Johannes zu Eltz und Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker gestern vorstellten.

Die Sanierung der Wahlkapelle, in der ab 1438 Könige, ab 1562 auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt wurden, hat rund 260 000 Euro gekostet, die sich Bistum Limburg und Stadt Frankfurt teilen. Der Altar ist in den Raum gerückt und nunmehr umwanderbar; links ist eine kleine Sandsteinempore entstanden, die auch Platz für eine Orgel bietet, denn von nun an soll hier auch wieder jeden Morgen um 8 Uhr Gottesdienst gefeiert werden.

Ein echter Hingucker: Hirnschale eines original Apostels.

Herzstück der Wahlkapelle aber ist die Schädeldecke, eingefasst in einen ovalen Schrein unterhalb des Triptychons. Sie wird auch künftig von zwei durchlöcherten Türen halbwegs bedeckt sein, die den leicht gruseligen Effekt aber eher noch verstärken. Aber täglich zur „Todesstunde Jesu“, die laut zu Eltz von 15 bis 16 Uhr schlägt, sollen die Türen geöffnet werden, freien Blick auf die heilige Hirnschale bieten und so eine zeitgemäße Reliquienverehrung ermöglichen. Auch wenn es kein Echtheitszertifikat gibt, verweist der Kirchendekan auf eine ebenso nachweisbare wie seit einem Jahrtausend andauernde „ununterbrochene Verehrungsgeschichte“.

Und die kann es durchaus in sich haben: Gerne erinnert sich zu Eltz an den Besuch von Bartholomäus I., Patriarch von Konstantinopel, der sich beim Anblick der Gebeine seines Namensvetters „vor Begeisterung nicht mehr einkriegen konnte“. Immerhin handelt es sich laut Becker ja auch um „die bedeutendste Reliquie nördlich der Alpen“ - und so was gibt’s nicht einmal in Rom.

Über der Reliquie ist auf dem Altarbild der Heilige Georg zu sehen, der gerade en passant einem friedlichen Tatzelwurm den Gnadenstoß verpasst und dabei so gechillt dreinschaut, als habe der Drache ihm zuvor eine Fußmassage verpasst. Dafür beißt sich in dem Raum etwas anderes: Becker und zu Eltz monieren unisono, dass das Licht, das durch die doch recht modernen Kirchenfenster bricht und die Wahlkapelle in ein gewöhnungsbedürftiges Schweinchenrosa taucht, so gar nicht zum Genius Loci passen will. Hier sehen die beiden noch Handlungsbedarf – was den alten Bartholomäus angeht, muss man wohl angesichts seiner Vita sagen, dass er Schlimmeres gewohnt ist.

Eines weiß der Mann des Glaubens zu Eltz gewiss: „Die Gläubigen lieben diesen Ort.“ Denn in der kleinen Wahlkapelle hinten rechts im Kirchenschiff herrsche meist Ruhe – im Gegensatz zum Rest-Dom, der „eher Tempel als Gebetskirche“ sei.

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