Frankfurt

Gegen das Event-Gedöns

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Grünen-Fraktionschef Sebastian Popp zur Zukunft der Paulskirche. Ob es für dasgeplante Demokratiezentrum ein neues Gebäude braucht, bezweifelt der Politiker.

Die Römer-Koalition von CDU, SPD und Grünen wird in Kürze ihre Einigung zur Zukunft der Paulskirche als nationales Symbol für Meinungsfreiheit und Demokratie vorstellen. Die FR sprach deshalb mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Römer, Sebastian Popp.

Herr Popp, in der Debatte um die Zukunft der Paulskirche und ein geplantes Demokratiezentrum haben sich die Grünen bisher zurückgehalten. Der öffentliche Auftritt gehörte dem Oberbürgermeister ...

Ich muss da widersprechen. Die Koalitionsfraktionen hatten einen abgestimmten gemeinsamen Antrag zur Paulskirche – bereit zur Einreichung ins parlamentarische Verfahren –, als der Oberbürgermeister die SPD-Fraktion dazu zwang, diesen anzuhalten. Dass wir so viel Zeit verloren haben, ist die Schuld des OB. Das gemeinsame Papier von CDU, SPD und Grünen steht deswegen erst jetzt vor dem Abschluss ...

... das heißt, die Koalition wird noch vor Weihnachten einen Beschluss zur Paulskirche fassen?

Ja, davon gehe ich aus.

Was werden die Grünen einbringen?

Unsere Haltung ist klar. Die Paulskirche muss so erhalten bleiben, wie sie 1948 wieder aufgebaut wurde. Bescheiden und zurückhaltend. Das ist die angemessene Form. Wir müssen die Magie des Ortes erhalten. Selbst die hörsaalharten Stühle gehören dazu, die ich mir in meinem Alter durchaus gemütlicher vorstellen könnte. Eine Rekonstruktion des Zustands von 1848 mit einer großen Balustrade darf nicht der Weg sein. Wir sehen uns gerade mit einem neuen Antisemitismus und Rechtsradikalismus in Deutschland konfrontiert. Umso mehr müssen wir die Paulskirche betonen, wie sie 1948 als Zeichen der Demokratie wieder errichtet wurde.

Der Vorschlag einer Rekonstruktion in der Form des 19. Jahrhunderts kommt ja von den Rechtspopulisten im Stadtparlament.

Genauso ist es. Das ist ein Teil des neuen rechten Diskurses, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Wir müssen uns auch gegen Event-Gedöns bei der Paulskirche zur Wehr setzen. Da wird Gastronomie ins Gespräch gebracht, da werden Veranstaltungsformate bis zu Hochzeiten ins Gespräch gebracht. Wir müssen die besondere Aura des Ortes verteidigen.

Was soll das künftige Demokratiezentrum inhaltlich leisten?

Das ist die wichtigste Frage. Gibt es Inhalte, die nicht auch im Historischen Museum dargestellt werden könnten? Beide großen Kirchen haben überdies hervorragende Veranstaltungszentren, das Haus am Dom und die Stadtakademie. Außerdem gibt es das Stadthaus am Dom, das nicht ausgelastet ist. Und dann höre ich, für das Demokratiezentrum soll ein weiteres Gebäude entstehen. Wir fordern als Römer-Koalition jetzt in einem gemeinsamen Antrag, dass erst einmal Expertinnen und Experten prüfen sollen, wofür ein Demokratiezentrum wirklich gebraucht würde. Ich finde es wichtig, darüber zu reden, was heute die Demokratie gefährdet. Wie bedrohlich ist das neue digitale Zeitalter, ist das Internet für die Demokratie?

Sie zweifeln daran, dass es ein eigenes neues Gebäude für ein Demokratiezentrum braucht?

Wir haben genug Raumkapazitäten. Deshalb möchte ich erst einmal die Inhalte des Demokratiezentrums geklärt wissen. Mir fehlen noch diese Ideen. Der Oberbürgermeister und andere bauen schon ein Gebäude, bevor dessen Aufgaben klar sind.

Genauso war es ja auch beim 20 Millionen Euro teuren Stadthaus. Noch heute tut sich die Stadt sehr schwer, das Gebäude zu füllen.

Ja, genau. Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu einer Banalisierung der Paulskirche kommt. Die Paulskirche ist kein Ort für Hochzeiten. Keine kommerzielle Vermarktung. Sonst landen wir beim Auto-Designpreis.

Könnte man die Paulskirche an gesellschaftliche Gruppen wie Attac vergeben?

Ja, sicherlich. Ich gehöre seit 30 Jahren dem Vorstand der Aidshilfe an. Wir haben in dieser Zeit immer wieder die Paulskirche als Ort für den Welt-Aids-Tag nutzen dürfen.

Wäre eine Aufgabe des Demokratiezentrums, die Geschichte des Ortes darzustellen?

In jedem Fall. Dazu gehört auch, zu zeigen, wie im 19. Jahrhundert der Antisemitismus aufkam. Aber auch da stellt sich die Frage: Braucht es dafür ein neues Gebäude?

Das zweite wäre ein Ort der Debatte über den heutigen Rechtsradikalismus und Antisemitismus?

Ja, sicherlich. Wir müssen die Frage beantworten, wie wir mit den rechtspopulistischen und rechtsradikalen Strömungen umgehen. Und wie wir unsere Demokratie schützen.

Die Grünen erwarten jetzt eine Expertise von Fachleuten?

Ja. Und wir brauchen eine Bürgerbeteiligung über die Expertinnen und Experten hinaus.

Ich habe den Eindruck, die Grünen plädieren bei der Paulskirche für eine gewisse Bescheidenheit.

Das ist so. Das ist ein sehr purer Ort. Ich hoffe, dass es noch gelingt, die Paulskirche bis zum 175. Jubiläum der Nationalversammlung von 1848 zu sanieren, also bis 2023. Die vom OB angekündigte städtische Stabsstelle gibt es immer noch nicht.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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