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Leben mit Long-Covid nach Corona-Infektion: Gefühl des Ausgeschlossenseins

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Von: Steven Micksch

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Kurzatmigkeit selbst nach leichter Anstrengung ist ein Symptom für Long-Covid. Rolf Poss/Imago Images
Kurzatmigkeit selbst nach leichter Anstrengung ist ein Symptom für Long-Covid. Rolf Poss/Imago Images © imago images/Rolf Poss

Zwei Frauen berichten über ihr Leben mit den Langzeitfolgen von Corona, ihren schwierigen Alltag und ihre Erfahrungen mit dem Unverständnis mancher Ärzte.

Frankfurt – Vor ihrer Erkrankung standen sie mitten im Leben, waren sportlich aktiv und konnten Dutzende Kilometer am Stück joggen. Heute prägen Kurzatmigkeit beim Treppensteigen, chronische Erschöpfung und psychische Probleme ihren Alltag. Andrea Assmann, 36 Jahre alt, und Priska Eck (29) leiden unter Long-Covid und müssen sich zurück in ihr altes Leben kämpfen.

„Vorher bin ich zwölf Kilometer gejoggt, doch momentan ist Sport bei mir nicht existent“, erzählt Eck. Die Frau aus Mörfelden-Walldorf hat das Singen im Chor vorerst aufgegeben. Die hilfsbereite junge Frau, die am Wochenende häufig mal mit anpackte, wenn es um Gartenarbeit oder Umzugshilfe ging, muss immer häufiger Nein sagen, wenn Freunde um Hilfe bitten. „Das fällt schwer.“ Wenn sie mal ausgehe, dann nehme sie nur teil. „Ich bin da, aber es fällt mir schwer zuzuhören.“ Häufig geht sie um 20 Uhr ins Bett.

Corona-Folgen einer Erzieherin: „Ich kann meinen Job nicht mehr machen“

Die 29-Jährige hatte sich Ende Februar 2021 bei ihrer Arbeit in einer Kindertagesstätte mit Corona infiziert. Weil auch die Kolleginnen krank waren, war sie schon vorsorglich eine Woche in Quarantäne gewesen, als sie schließlich auch Symptome bekam. Als eine schlimme Erkrankung beschreibt sie es, geimpft war sie damals noch nicht gewesen – der Impftermin war für März anberaumt.

Drei weitere Wochen blieb Eck zu Hause. „Es ging mir schlecht und ich war isoliert.“ Zum Glück bekam sie viele Anrufe und Essen vor die Tür gebracht. Die Kraft, selbst etwas zu kochen, hatte sie nicht. Die Zeit habe psychische Spuren hinterlassen, berichtet sie. Als ihr PCR-Tests endlich negativ ausfiel, fing sie wieder an zu arbeiten. „Das war keine gute Idee.“ Sie war nicht belastbar und nicht voll leistungsfähig. Man attestierte ihr, dass sie keine Kinder mehr betreuen könne. „Ich kann meinen Job nicht mehr machen“, sagt sie enttäuscht. Mittlerweile ist sie in der Quartiersarbeit tätig.

Auswirkungen von Long-Covid: Fatigue-Syndrom, fehlende Konzentration und Kopfschmerzen

Ihre Leistungsfähigkeit ist aber weiterhin angeschlagen. Sie leidet unter dem Fatigue-Syndrom (Erschöpfung), es fehlt ihr an Konzentration und Ausdauer, hinzu kommen Kopf- und Beinschmerzen in der Nacht, die sie wachhalten. „Ich fühle mich ausgelaugt und stehe neben mir.“

Hilfe fand sie in einer neu gegründeten Selbsthilfegruppe. Sie und fünf weitere Frauen kommen einmal pro Woche für etwa eine Stunde online zusammen und tauschen sich aus. „Am Anfang wollte ich es nicht wahrhaben, dass ich mir Mitstreiter in dieser Lebenskrise suchen muss.“ Doch die Gruppe gebe ihr Halt. Der Austausch tut gut und sie wird ernst genommen.

Eck musste lernen, ehrlich zu antworten, wenn jemand sie fragt, wie es ihr gehe. Kein floskelhaftes „gut“, sondern eher mal „gut genug, um gerade mit dir zu sprechen“.

Selbsthilfegruppe für Long-Covid-Betroffene: „Jeder hat andere Symptome“

Andrea Assmann hat ähnlich positive Erfahrungen in einer Selbsthilfegruppe gemacht. Die Frankfurterin ist mit sechs anderen Betroffenen in Kontakt. „Jeder hat andere Symptome“, sagt sie. Das starke Erschöpfungssyndrom haben sie alle, bei Assmann kommen noch eine abklingende Herzmuskelentzündung, starke Kurzatmigkeit, eine Wortfindungsstörung und Vergesslichkeit hinzu.

Die 36-Jährige steckte sich Ende November 2021 an. Erste Symptome waren eine Bindehautentzündung und starke Kopfschmerzen. Später wurde es schlimmer mit gefühlten Herzrhythmusstörungen und dem Gefühl, schlecht Luft zu bekommen. „Ich bin dann von Covid zu Long-Covid übergegangen“, sagt Assmann. Wirklich erholt hat sie sich bisher nicht.

Kontakt zu Selbsthilfegruppen

Die Selbsthilfe-Kontaktstelle in Frankfurt hat derzeit drei aktive Selbsthilfegruppen zu Long-Covid. Eine vierte ist gerade im Aufbau.

Wer Interesse an einer Gruppe hat, kann sich per Telefon 069 /.55 94 44 melden. Das Telefon ist Montag und Dienstag zwischen 10-14 Uhr sowie Donnerstag zwischen 15-19 Uhr besetzt. Oder eine E-Mail an service@selbsthilfe-frankfurt.net schreiben.

Kontakt zu Gruppen in anderen Kommunen und Landkreisen kann die Frankfurter Kontaktstelle ebenfalls vermitteln. mic

Früher sei sie 21 Kilometer in 1:50 Stunde gelaufen. Aktuell kann sie gerade mal viereinhalb Kilometer gehen. „Anfangs war ich nach 250 Metern schon K.o.“ Immerhin seien die Prognosen gut, sie werde keine Schäden zurückbehalten, sage ihr Arzt.

Bemerkenswert am Fall der 36-Jährigen ist, dass sie Long-Covid trotz doppelter Impfung und fast vollständiger Boosterung bekam. Üblicherweise bildet die Impfung einen guten Schutz gegen schwere Verläufe samt Long-Covid.

Long-Covid nach Corona-Infektion: Viele Betroffene sind seit 2020 erkrankt

All ihre Beschwerden gaben Assmann das Gefühl, dass ihr Leben an ihr vorbeigehe. „Ich habe ein tolles Umfeld, aber das konnte mir nicht helfen.“ Deshalb suchte sich die Frankfurterin eine Selbsthilfegruppe. Die Gruppe gibt ihr Stabilität und hat viel Verständnis. Sorgen und Ängste werden aufgegriffen und wer mal in ein Loch fällt, wird aufgebaut.

Manche der Gruppenmitglieder sind seit 2020 erkrankt. Einige lagen im Krankenhaus und mussten beatmet werden, andere hatten schwache Verläufe und leiden trotzdem unter Long-Covid. Assmann freut sich, dass sie in der Gruppe auch anderen helfen kann. „Wir haben auch viel Spaß und reden nicht nur über die Krankheit“, sagt sie und lacht.

Worüber Eck und Assmann übereinstimmend berichten, ist das häufige Unverständnis vonseiten mancher Ärzte. Häufig würden Ängste heruntergespielt oder mit dem Satz „man muss nicht alles auf Long-Covid schieben“ abgetan.

Assmanns Gruppe hat deshalb eine Liste mit Ärzten und Ärztinnen erstellt, die sich gut mit der Krankheit auskennen und sich entsprechend verhalten. Beim Thema Long-Covid sei noch mehr Aufklärungsarbeit nötig, betont sie. (Steven Micksch)

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