1. Startseite
  2. Frankfurt

Geflüchtete in Frankfurt: Umstieg nach Paris

Erstellt:

Von: Timur Tinç

Kommentare

Mitarbeitende der Bahnhofsmission warten direkt an den Gleisen auf die Flüchtlinge.
Mitarbeitende der Bahnhofsmission warten direkt an den Gleisen auf die Flüchtlinge. © Renate Hoyer

Die meisten Geflüchteten aus der Ukraine, die am Frankfurter Hauptbahnhof ankommen werden abgeholt oder reisen weiter. Die Bahnhofsmission kümmert sich um die Menschen.

Carsten Baumann bekommt am Donnerstag um 7.40 Uhr einen Anruf. 60 Geflüchtete aus der Ukraine sitzen in einem Zug und kommen in einer Stunde am Frankfurter Hauptbahnhof an. Der Leiter der Bahnhofsmission setzt sich ins Auto und fährt los. Um 8.15 Uhr wird die Bahnhofsmission geschlossen, „damit wir genug Power am Gleis haben“, berichtet der Diakon. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die um 8.40 Uhr aus dem Zug steigen, rennt jedoch an den wartenden Mitarbeiter:innen seiner Einrichtung und der Polizei vorbei. „Sie hatten alle ein Ticket für die Weiterfahrt nach Paris“, sagt Baumann.

Drei Studierende aus Marokko, die ebenfalls nur auf der Durchreise sind, kommen mit in die Räumlichkeiten neben Gleis 1. Außerdem ein Ukrainer aus Odessa, der den Zug nach Paris verpasst hat und nun auf eine Anschlussverbindung wartet. Und Oti Victor, der den Beamten erklärt, dass er Asyl in Deutschland beantragen will. „Ich war in Charkow, als wir letzten Donnerstag um 4 Uhr morgens von einer Explosion geweckt wurden“, erzählt der 29-jährige Nigerianer, der vor zwei Jahren an der National University of Radio Electronics in Charkow zu studieren begonnen hat. Als die Raketeneinschläge am nächsten Tag weitergingen, habe er die Stadt verlassen. Er hat einen Rucksack mit seinem Laptop und ein paar Wechselklamotten gepackt und sich mit dem Zug über Lwiw und Ungarn nach Frankfurt begeben. Er würde gerne weiterstudieren, sagt er. Am Donnerstag wird er zunächst nach Gießen gebracht, in die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen.

Seit Dienstag, als die ersten Geflüchteten aus der Ukraine am Frankfurter Hauptbahnhof eintrafen, ist die Bahnhofsmission in ständiger Alarmbereitschaft. „Wir haben uns mit der Stadt und der Bundespolizei abgestimmt. Wir haben einen Leitfaden geschrieben. Das muss jetzt eine gewisse Routine kriegen“, sagt Baumann, der russisch- und polnischsprachige Mitarbeiter:innen hat. Außerdem steht in einem der Betreuungsräume eine Videoanlage, über die Dolmetscherinnen und Dolmetscher innerhalb von 120 Sekunden zugeschaltet werden können.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag haben fünf Menschen, die aus der Ukraine kamen, in der Bahnhofsmission übernachtet. Zu Zeiten der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 war der gesamte Hauptbahnhof voller Hilfesuchender. Die Situation jetzt werde man bewältigen können, ist Baumann überzeugt.

Frankfurt werde vor allem als Drehkreuz zur Weiterfahrt, entweder innerhalb Deutschlands oder Europas, genutzt, hat Baumann beobachtet. Viele würden bereits von Verwandten und Freunden abgeholt oder träten die Weiterreise an. Und dann gibt es diejenigen, die in der Ukraine einen Aufenthaltstitel haben, meistens Studierende, die zunächst nach Gießen müssen.

„Die Lage ist ein bisschen angespannt, weil die Ausführungsbestimmungen noch nicht ganz umgesetzt sind“, erläutert Baumann. Im Moment erhielten Menschen aus der Ukraine für 90 Tage Asyl, die Politik habe aber angekündigt, die Dauer auf drei Jahre zu erhöhen. Außerdem wisse man nie, was genau die Ankommenden brauchten. Ob sie weiterreisten oder nicht.

Am Donnerstagmorgen bringt ein Mann drei Tüten mit Hygieneartikeln und Lebensmitteln vorbei. Eine Frau einen Koffer mit Kinderkleidung. „Es klingelt den ganzen Tag das Telefon“, berichtet Baumann von der großen Hilfsbereitschaft. Sachspenden kann die Bahnhofsmission derzeit aber nicht gebrauchen, da die Mitarbeitenden gar nicht die Zeit haben, die Sachen zu sortieren. Vieles sei gut gemeint, aber es herrsche auch ein großer Aktionismus, sagt der Leiter. Für Spenden solle man sich lieber direkt an die Caritas oder die Diakonie wenden. „Wir suchen im Moment hauptamtliche Mitarbeiter, wer sich ehrenamtlich engagieren möchte oder Fragen zu Sachspenden hat, sollte sich an frankfurt-hilft.de wenden.“

Der Alltag am Frankfurter Hauptbahnhof geht trotz des Kriegs in der Ukraine weiter. Drogenabhängige, Wohnungslose, psychisch Kranke, die Hilfe benötigen. Die Umstiegshilfe für behinderte Menschen, Telefonkontakte, Anträge – die tägliche Arbeit der Bahnhofsmission. „Das ist eine zusätzliche Herausforderung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Weil wir rund um die Uhr da sind, sind wir die erste Anlaufstelle“, sagt Baumann. Gearbeitet wird im Dreischichtsystem. Nachts sind ein bis zwei Leute da, tagsüber drei bis fünf. Wegen der Geflüchteten ist derzeit noch mehr zu tun.

Auch interessant

Kommentare