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Geflüchtete in Frankfurt: So schwierig ist die Suche nach Unterkünften

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Von: Timur Tinç

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Hinter einem dieser Vorhänge schläft dieser Junge.
Hinter einem dieser Vorhänge schläft dieser Junge. © Christoph Boeckheler

Die Stadt Frankfurt hat rund 11 000 Geflüchtete und Wohnungslose untergebracht. Mittel- und langfristig brauchen sie Wohnungen. Doch Sozialwohnungen sind rar.

Frankfurt – Hosen, T-Shirts und Handtücher hängen über einer Abtrennwand für 82 Kabinen. Zwei Jungs spielen vor dem Eingang der umfunktionierten Tennishalle auf ihren Smartphones ein Spiel und aus der Halle dringt das Piepen und Krächzen eines Mönchsittichs, wie Monika Heil von der Diakonie Frankfurt berichtet. Sie ist Leiterin der Notunterkunft im Frankfurter Norden, wo aktuell rund 300 Geflüchtete aus der Ukraine leben. Nicht nur Ukrainer:innen, sondern auch Menschen aus Afghanistan, Somalia oder dem Iran, die im osteuropäischen Land einen Aufenthaltsstatus hatten. Die Turnhalle war die erste Notunterkunft, die nur wenige Tage nach Ausbruch des russischen Angriffskrieges in Frankfurt hergerichtet wurde.

„Es war wie ein Déjà-vu“, sagt Heil. Sie habe sich an die Jahre 2015 und 2016 erinnert gefühlt, als tausende Menschen nach Frankfurt kamen und mehrere Turnhallen zu Notunterkünften umfunktioniert wurden. Ein Caterer bringt das Essen, es gibt angrenzend an den Speisesaal die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, einen Trauerraum und einen Raum, wo Anträge ausgefüllt werden können. An den Wänden hängen Informationsschreiben, außerdem laufen Mitarbeitende der Diakonie in blauen Westen umher, ein Zeichen dafür, dass sie Ukrainisch oder Russisch sprechen. „Wir arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb. Es ist immer jemand da“, sagt Heil.

Frankfurt: 10.000 Geflüchtete aus der Ukraine in der Stadt

Nach drei Monaten Krieg in der Ukraine kommen nur noch wenige Geflüchtete am Frankfurter Hauptbahnhof an, die allerwenigsten bleiben. Die Stadt Frankfurt geht inzwischen von rund 10 000 Geflüchteten aus der Ukraine aus. 7200 Ukrainer:innen bekommen finanzielle Unterstützung vom Jugend- und Sozialamt. Während es vor Kriegsausbruch in der Ukraine rund 4500 Geflüchtete waren, die von der Stadt in verschiedenen Übergangsunterkünften untergebracht waren, sind es nunmehr 7300 Menschen. „Für sie alle brauchen wir mittel- und langfristig Wohnungen in Frankfurt, um ihnen eine gute Integration und ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“, sagt Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne). Hinzu kommen 3700 Wohnungslose, die von der Stadt untergebracht sind.

Der Speisesaal in der Notunterkunft.
Der Speisesaal in der Notunterkunft. © Christoph Boeckheler

Beim angespannten Immobilienmarkt in Frankfurt ist es eine Mammutaufgabe, für alle eine gute Unterkunft zu finden, ist sich die Stadträtin bewusst. Rund 9000 Haushalte stehen auf der Warteliste bei der städtischen Wohngesellschaft ABG für eine Sozialwohnung. Bei der ukrainischen Community ist die Wohnungssuche das Thema Nummer eins. Am Montag hat Voitl deshalb zum Rundgang durch die Notunterkunft und ein Wohnprojekt geladen, um die städtischen Bemühungen, aber gleichzeitig auch die Schwierigkeiten aufzuzeigen.

Frankfurt: „Kaskadenmodell“ soll Geflüchteten Wohnungen bringen

Mit dabei ist Katrin Wenzel von der Stabsstelle Unterbringungsmanagement und Geflüchtete. „Wir setzen auf das vierstufige Kaskadenmodell, um Leute aus den Notunterkünften in eine reguläre Unterkunft zu bringen“, erklärt die stellvertretende Stabstellenleiterin. Das Ziel sei, dass die Menschen maximal ein Jahr in einer Notunterkunft bleiben, was meistens gelinge. Dabei werde darauf geachtet, dass Frauen mit Babys oder Kleinkindern sowie kranke Menschen nicht in eine Notunterkunft kommen.

Im Trauerraum können die Menschen zur Ruhe kommen.
Im Trauerraum können die Menschen zur Ruhe kommen. © Christoph Boeckheler

In der zweiten Stufe sollen die Menschen in Apartments unterkommen, wie beispielsweise in der Ludwig-Landmann-Straße in Frankfurt, die vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betreut wird. „Nicht ideal“, wie Wenzel zugibt, weil es keine eigene Küche gibt. aber dafür seien die Räume abschließbar. Im dritten Schritt kommen Geflüchtete in Holzmodulanlagen, umgewandelteten Hotels und ähnlichen Einrichtungen unter. Und in der vierten Stufe gäbe es dann die Sozialwohnung. Selbst vor dem Ukraine-Krieg gab es die für mehr als 4000 Geflüchtete nicht.

Frankfurt: DRK betreibt soziales Wohnprojekt im Süden

„Im direkten Kompetenzbereich des Sozialdezernats liegen nur die Übergangsunterkünfte“, betont Voitl. Eine davon ist im Frankfurter Süden, wo eine Gruppe von kleinen Mädchen freudig im Innenhof eines Häuserblocks tobt. Seit Januar betreibt das DRK hier ein soziales Wohnprojekt – „keinen sozialen Wohnungsbau“ (Voitl) – in Kooperation mit der ABG und der Stadt Frankfurt, wo Familien und Alleinerziehende mit und ohne Fluchthintergrund leben. „Ich find’s schön, dass man hier Projekte machen kann“, erzählt ein Mädchen. Hast du auch ein eigenes Zimmer wird sie von Voitl gefragt. „Nein, leider nicht.“ Das muss sie sich mit ihrem kleinen Bruder teilen. Für das Mädchen und ihre Familie ist es trotzdem ein wichtiger Schritt, eine eigene Wohnung zu haben.

„Es fällt von vielen eine Last ab“, hat Lisa Rutsatz beobachtet, die das Wohnprojekt für die DRK leitet. Die Wohnsituation wirke sich auf viele andere Bereiche aus. Der Sozialdienst des DRK hat ein Büro in der Wohnanlage und hilft bei der Orientierung im Stadtteil und bei allen Fragen, die im Alltag anfallen. In den 29 Wohnungen des DRK werden bis Ende Mai 145 Menschen leben. In den größten Wohnungen, rund 80 Quadratmeter, auch eine Familie mit bis zu acht Personen. Auf dem freien Wohnungsmarkt hätte eine solche Großfamilie überhaupt keine Chance.

Die Wohnungen des sozialen Wohnprojekts im Frankfurter Süden.
Die Wohnungen des sozialen Wohnprojekts im Frankfurter Süden. © Christoph Boeckheler

Frankfurt: Neun Neubauprojekte für Übergangsunterkünfte in Planung

Vier dieser sozialen Wohnprojekte gibt es in der Stadt bereits, weitere sollen folgen. „Aktuell sind neun Neubauprojekte für Übergangsunterkünfte in der Projektierung“, berichtet Voitl. Außerdem können sechs bestehende Gebäude oder Hotels umgenutzt werden. Vier bestehende Unterkünfte sollen ausgebaut werden. Zudem sind über wohnraum@frankfurt-hilft.de insgesamt 346 Angebote von abgeschlossenen Wohnungen eingegangen. In 100 davon konnten bereits Menschen einziehen, bei 104 steht der Vertragsabschluss kurz bevor. „Das alles sind wichtige Schritte in die richtige Richtung, aber sie sind bei weitem noch nicht der ganze Weg. Das muss uns allen klar sein“, betont Voitl. (Timur Tinç)

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