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Geflüchtete Familie in Frankfurt: „Wir denken darüber nach, freiwillig zurück nach Afghanistan zu gehen“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Seit neun Monaten lebt Familie Mohammadi auf 25 Quadratmetern in einer Unterkunft in Frankfurt. Bei Behördengängen fühlen sie sich allein gelassen und sind so verzweifelt, dass sie an eine Rückkehr in ihr Heimatland Afghanistan denken. Obwohl sie von der Taliban fliehen musste.

Frankfurt – Somiya Mohammadi hält sich immer wieder verzweifelt die Hände vors Gesicht, als sie ihre Geschichte erzählt. Die Energie der 30-jährigen Afghanin scheint nach neun Monaten in Deutschland fast komplett aufgebraucht. Ihr Mann Jawid Mohammadi (36) sitzt traurig neben ihr, die kleine Tochter Satayesh spielt unweit von ihnen.

Die Siebenjährige lächelt, ihre Fröhlichkeit ist ansteckend. Das kleine Mädchen spricht schon etwas Deutsch. Worte, die sie aufgeschnappt hat. Nach den Sommerferien soll es in Frankfurt in die Schule kommen, doch ob es das Schuljahr dort bleiben wird, ist unklar. „Wir fühlen uns sehr alleingelassen, sind total überfordert bei Behördengängen. Gerade denken wir ernsthaft darüber nach, freiwillig zurück nach Afghanistan zu gehen“, sagt ihre Mutter.

Geflüchtete in Frankfurt: Familie Mohammadi in Afghanistan besonders gefährdet

Auch wenn Somiya Mohammadi weiß, dass dies bedeuten würde, dass sie als Frau in ihrem Heimatland eigentlich keine Rechte mehr hätte und ihrer Tochter eine schwere Zukunft bevorstünde. Zum Beispiel haben die Taliban Mädchen weitgehend vom Schulunterricht ausgeschlossen. Eine der ersten politischen Handlungen der neuen Machthaber war es vor einem Jahr, den Mädchen in vielen Provinzen den Besuch weiterführender Schulen zu verwehren. Die „Tagesschau“ berichtete erst kürzlich von einer geheimen Schule unweit von Kabul. Eine Frau unterrichtet dort unter großer Angst heimlich Mädchen aus der Nachbarschaft.

Somiya und Jawid Mohammadi sind mit ihrer siebenjährigen Tochter Satayesh vor den Taliban geflohen. Hier sind sie zu Besuch bei seiner Deutschlehrerin.
Somiya und Jawid Mohammadi sind mit ihrer siebenjährigen Tochter Satayesh vor den Taliban geflohen. Hier sind sie zu Besuch bei seiner Deutschlehrerin. © Monika Müller

Frauen werden überhaupt in fast allen Lebensbereichen diskriminiert: Öffentliche Verkehrsmittel dürfen sie nur noch in männlicher Begleitung benutzen. Ihr Zuhause dürfen sie nicht allein und nur vollständig verschleiert verlassen. Laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge fliehen nun auch immer häufiger Afghan:innen mit Hochschulabschluss, weil sie in ihrem Heimatland keine Chance haben. Die meisten kommen mit der Familie.

Die Familie Mohammadi durfte nach Deutschland einreisen, weil sie besonders gefährdet ist. Somiya Mohammadi hatte in Herat Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Recht studiert, sie jobbte bei einem liberalen TV-Sender und war Assistentin am Gericht. Sie spricht Englisch, anders als ihr Mann, der als Dozent für Mathe und Physik an der Uni arbeitete. Bis zur Machtübernahme durch die Taliban.

Geflüchtete in Frankfurt: Familie lebt zu dritt auf 25 Quadratmetern

Die Narbe an Jawid Mohammadis Hand stammt von den vermeintlichen Gotteskriegern. Sie haben ihm in die Hand geschnitten, weil er auch Frauen unterrichtete. „Als die Taliban die Macht übernommen hatten, wussten wir, dass wir fliehen müssen“, sagt seine Frau. Über Islamabad kamen sie nach Viersen, dann nach Frankfurt. Zu dritt teilen sie sich seit Dezember auf 25 Quadratmetern ein Zimmer. In einem Container einer Gemeinschaftsunterkunft. „Wir essen, schlafen, leben in einem Raum. Wir haben drei Teller, drei Löffel“, erzählt Somiya Mohammadi. Viel mehr Platz haben sie nicht.

Geflüchtete

Rund ein Viertel der Frankfurt zugewiesenen Asylsuchenden kam 2020 aus Afghanistan. Das teilt das städtische Sozialdezernat mit. Seit September 2021 ist ihr Anteil auf 51,6 Prozent gestiegen (209 Personen), 2022 liegt er bei 52 Prozent (259 ).

Insgesamt leben 9300 Menschen in kommunalen Notunterkünften, darunter auch Wohnungslose, aber überwiegend Geflüchtete. So hoch war die Zahl noch nie. Bedingt sei dies durch den Krieg in der Ukraine.

Deutschland hat seit dem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan vor rund einem Jahr insgesamt 23 614 ehemaligen afghanischen Ortskräften, politischen Aktivist:innen und deren Familienangehörigen die Aufnahme zugesichert. Tatsächlich eingereist sind bisher laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 17 556. Wegen immer strikterer Kontrollen der Taliban kommt die Ausreise gefährdeter Gruppen laut Bundesregierung langsamer voran.

Traditionell gibt es in Frankfurt einen hohen Anteil an Geflüchteten aus Afghanistan, da hier seit vielen Jahren eine Community besteht und entsprechend häufig bei Neuzuweisungen verwandtschaftliche Bindungen angegeben werden.

Laut Statistik der Stadt leben 6763 Afghan:innen in Frankfurt. Von Ende Juni 2021 bis zum 30. Juni 2022 wuchs ihre Zahl um 920, darunter nicht nur Zugezogene, sondern auch Neugeborene. rose

Die Gemeinschaftsküche und die Toilette seien meist dreckig. „Mein Mann und ich wechseln uns ab, schieben Wache, weil die Kakerlaken auch in unser Zimmer kommen.“ Die Familie wünscht sich nichts mehr als eine eigene Wohnung. Aber das ist nicht nur schwer, weil die Liste der Wartenden lang ist, sondern auch, weil sie oft eben Dinge nicht verstehen, da niemand ihnen genau erkläre, was sie vorlegen müssten und ihnen oft wenig Empathie entgegengebracht werde. „Einerseits wird uns auf Ämtern vorgeworfen, dass wir kein Deutsch sprechen, anderseits hat es monatelang gedauert, bis wir einen Deutschkurs besuchen konnten.“

Geflüchtete in Frankfurt: „Sie dachten, sie stünden schon längst auf der Warteliste“

Hätte die Frankfurterin Brigitte Jacobi sich vor ein paar Tagen nicht entschlossen, die Familie zu begleiten, hätten die Mohammadis nicht einmal gewusst, dass sie noch nicht alle notwendigen Dokumente abgegeben hatten, um überhaupt auf die Liste für Sozialwohnungen zu kommen. Das erzählt Jacobi. „Sie waren total überrascht, als ich ihnen sagte, dass Unterlagen fehlten. Sie dachten, sie stünden schon längst auf der Warteliste.“

Für das Interview hat die 75-Jährige ihr Zuhause angeboten, wo sie Jawid Mohammadi seit kurzem dreimal die Woche Deutschunterricht gibt. Ehrenamtlich. Sie hat mehrere Zertifikate erworben, um Deutsch unterrichten zu können, durch einen Zufall sei sie seine Deutschlehrerin geworden. „Er ist ein schneller Lerner“, sagt die Rentnerin über Jawid Mohammadi. Einfache Konversationen beherrsche er schon. „Als er in Frankfurt ankam, konnte er nicht mal die lateinische Schrift lesen, weil er bis dato nur arabische Schriftzeichen beherrschte“, sagt Jacobi.

Die Familie hat sie bereits ins Herz geschlossen, deswegen engagiert sie sich für sie. Gleichzeitig macht sie sich große Sorgen. „Ich habe Angst, dass sie ins nächste Flugzeug steigen und trotz der Gefahr zurück in ihr Heimatland fliegen, weil sie so verzweifelt sind“, sagt Jacobi und betont am Ende: „Es wäre wichtig, dass es Ansprechpartner gibt, die die Geflüchteten bei Behördengängen begleiten.“ (Kathrin Rosendorff)

Für Geflüchtete aus Afghanistan sind Unterkünfte in Frankfurt „wie eine Sackgasse“.

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