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Osama Shaher ist studierter Betriebswirt sowie Finanz- und Bilanzbuchhalter. Er kam aus dem Irak nach Deutschland.
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Osama Shaher ist studierter Betriebswirt sowie Finanz- und Bilanzbuchhalter. Er kam aus dem Irak nach Deutschland.

PORTRÄT

Geflüchtet aus dem Irak: „Ich habe hier etwas zu erledigen“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Der Iraker Osama Shaher lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Seitdem arbeitet er jeden Tag für eine gemeinsame Zukunft mit seiner Familie, die noch im Irak lebt.

Osama Shaher büffelt zwei Jahre lang, sieben Tage die Woche, in jeder Nacht vier bis fünf Stunden, legt sich dann kurz schlafen und fährt nachmittags nach Frankfurt, um in dieser Zeit, von 2017 bis 2019, mehrere Fortbildungskurse zu besuchen. Er lebt seit Dezember 2015 in einer Gemeinschaftsunterkunft in Bad Homburg. Doch lernen kann er nur nachts in der Küche – dem einzigen Ort in der Unterkunft, wo Shaher seine Ruhe findet. „Die Leute saßen dort bis in die Nacht. Es gibt ja keinen anderen Gemeinschaftsraum. Erst als sie alle ins Bett gingen, konnte ich dort lernen. Das war schlimm“, erinnert er sich. Ihm blieb keine andere Wahl.

Als Shaher beschließt, die gefährliche Route übers Mittelmeer zu nehmen, ist er 36 Jahre alt. Seine Familie bleibt im Irak. „Die Flucht für sie wäre einfach viel zu gefährlich gewesen“, sagt er. Er verlässt den Irak, verlässt seine Frau und seine beiden Kinder mit der Hoffnung im Gepäck, sich schnell in Deutschland zu integrieren, die Sprache zu lernen, Arbeit und eine Wohnung zu finden. Er erhofft sich, dass seine Familie bald zu ihm nach Deutschland kommen kann; damit sie zusammen in Freiheit leben können, ohne Angst vor Unterdrückung oder Gewalt im Irak.

Sie gehören zur muslimischen Glaubensgruppe der Sunniten. Bevor Shaher den Irak verlässt, herrschte im Irak eine schwere Krise. So besetzte in der Zeit der Islamische Staat (IS) mehrere Gebiete im Irak. In Gebieten, die Regierungstruppen vom IS zurückeroberten, zerstörten sie Wohnungen und Geschäfte von Sunniten als Vergeltungsmaßnahme für deren vermeintliche Unterstützung des IS, berichtet Amnesty International.

I m Irak studierte Shaher Betriebswirtschaftslehre an der Universität in Bagdad und arbeitete dann über zwölf Jahre als Finanz- und Bilanzbuchhalter. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie. Sein Vater war, wie er sagt, „ein bekannter Journalist“.

Shaher ist ein ordentlicher Mensch. Vielleicht passt das auch einfach zu einem Finanz- und Bilanzbuchhalter. Zumindest hinterlässt er diesen Eindruck zu Beginn des Gesprächs in der Redaktion der FR. Er klappt seinen Laptop auf, legt links und rechts davon fein säuberlich geordnet seine Unterlagen hin. D arunter sind Zeugnisse, diverse Zertifikate von Weiterbildungen und Integrationskursen, Ergebnisse eines Intelligenztests von der Goethe-Uni sowie Unterlagen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

Als Shaher ein paar Tage vor Weihnachten im Jahr 2015 im kalten Deutschland ankommt, zögert er nicht lange. „Nach neun Tagen fing ich mit dem Deutschkurs an“, sagt er. Er schließt die Kurse mit guten bis sehr guten Ergebnissen ab. Nach drei Jahren hat er das Sprachniveau C1 erreicht. Im Alltag wäre das Deutsch Niveau C1 mit „fortgeschrittenen Sprachkenntnissen“ zu beschreiben. Es sei wichtig, die Sprache zu können, sagt er. S haher strengt sich an. Denn für ihn als Flüchtling sei es schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden. „Die Unternehmen wollen Nachweise für Weiterbildungen und verlangen gute deutsche Sprachkenntnisse“, sagt er. Und diese Nachweise sammelt er. Shaher machte eine Weiterbildung für Wirtschaftswissenschaften, die regelmäßig in Kooperation von der University of Applied Sciences und dem Verein Berami in Frankfurt für ausländische Uniabsolvent:innen angeboten wird.

Es läuft gut für ihn. Doch an dem Tag, als er den Integrationskurs beim Bamf erfolgreich abschließt, erhält Shaher ein Schreiben vom Bamf. Sein Asylantrag wird abgelehnt. „Das hat mich damals schockiert.“ Zwei Jahre später folgt die zweite Ablehnung.

Doch Shaher lässt nicht locker. Er weiß, dass er viel arbeiten, lernen und auch geduldig sein muss, damit er Asyl in Deutschland erhält. All das kostet Kraft, doch seine Familie, die er seit fünf Jahren nicht gesehen hat, motiviere ihn. „Ich muss hier etwas erledigen“, sagt er.

Es geht langsam bergauf für den Iraker. Im August 2020 erhält er eine Zusage der Industrie und Handelskammer (IHK) für eine Fortbildung zum staatlich geprüften Bilanzbuchhalter. Shaher ist überglücklich, doch um die Fortbildung finanzieren zu können, braucht er Geld. Shaher erkundigt sich nach Fördermaßnahmen, durchsucht das Internet und findet mit dem Aufstiegs-Bafög letztendlich eine Förderungsmöglichkeit. „Ich habe das nur gefunden, weil mir die deutsche Sprache dabei half“, sagt Shaher. Er hat Glück. Obwohl er nur eine Duldung hat, kann er das Aufstiegs-Bafög beantragen, teilt ihm eine Mitarbeiterin der Uni Marburg mit. „Das war für mich die einzige Chance, denn die Arbeitsagentur fördert niemanden, der keinen Aufenthaltstitel hat.“

D och Shaher will mehr. Er möchte endlich einen Aufenthaltstitel haben. Er durchforstet das Aufenthaltsgesetz, wühlt sich durch die Paragrafen. Er will wissen, welche Rechte er hat, wie er aus der Duldung herauskommen kann. Er stößt auf den Paragraf 25, Absatz 5 des Aufenthaltgesetzes. Shaher ist überzeugt, dass ihm das Recht auf eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre zusteht.

E iner, der Shaher gut kennt, ist Christoph Joschko. Er arbeitet als Bildungsberater bei Berami. „Ich kenne über 100 Flüchtlinge, aber niemand von ihnen kennt sich mit der Gesetzeslage so gut aus wie Osama“, sagt Joschko. Shaher sei hartnäckig, immer engagiert und motiviert. „Ich hoffe sehr, dass er nach der Weiterbildung zum Finanzbuchhalter eine gute Chance auf einen Job hat. Aber bei ihm mache ich mir da keine Sorgen.“

E in Etappenziel hat Shaher erreicht. Ende Januar 2021 erhält er nach fünf Jahren einen Aufenthaltstitel. Auch wenn dieser erstmal nur für sechs Monate gilt.

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