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Geflüchtet aus Afghanistan:„In Frankfurt sind die Unterkünfte wie eine Sackgasse“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Viele Geflüchtete leben jahrelang in Unterkünften in Frankfurt, bis sie eine eigene Wohnung beziehen können.
Viele Geflüchtete leben jahrelang in Unterkünften in Frankfurt, bis sie eine eigene Wohnung beziehen können. © Christoph Boeckheler

Stefanie Then ist Geschäftsstellenleiterin vom Verein ZAN, der sich um Bildung und Beratung von geflüchteten, afghanischen Frauen in Frankfurt kümmert. Im Interview berichtet sie über die schwierige Situation der Geflüchteten. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban.

Stefanie Then (54) ist Geschäftsstellenleiterin des Frankfurter Vereins ZAN, dessen Fokus auf Bildung und Beratung für geflüchtete afghanische Frauen liegt. Aktuell diskutiert sie auch bei der Ausgestaltung des Bundesaufnahmeprogramms Afghanistan mit. In Frankfurt bietet der Verein ein Bildungsprogramm für afghanische Frauen, berät und begleitet sie aber auch bei Behördengängen. Doch wie Then betont, reichen die Kapazitäten nicht aus, vor allem seit wieder mehr Geflüchtete aus Afghanistan nach Frankfurt kommen.

Frau Then, wie hat sich Ihre Vereinsarbeit in Frankfurt verändert, nachdem die Taliban in Afghanistan ein Jahr an der Macht und mehr Menschen nach Deutschland geflüchtet sind?

Wir haben im Bildungsprogramm, vor allem aber auch in der Beratung, einen deutlichen Zuwachs: Es sind 50 Prozent mehr Fälle. Dabei fehlen uns schon länger Kapazitäten, um der Aufgabe gerecht zu werden. Wir versuchen das mit ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen auszugleichen. Das reicht aber lange nicht aus. Wir haben derzeit noch eine Sozialarbeiterin mit zehn Stunden in der Beratung, die aus Fördermitteln der Stadt finanziert wird, doch diese Stelle läuft zum 30. September aus. Ab 1. Oktober wissen wir also nicht, wie wir weiter Beratung anbieten können.

Was wünschen Sie sich noch?

Eine Stelle für eine muttersprachliche Traumaberatung, da viele der Frauen sehr traumatisiert sind, aber auch hierzu fehlen uns die finanziellen Mittel.

Eine geflüchtete afghanische Familie erzählte der Frankfurter Rundschau, dass sie sich alleingelassen und bei Behördengängen überfordert fühlt, sogar verzweifelt ist. Fehlt dafür eine Begleitung?

Absolut. Ich kann die Verzweiflung der Familie gut verstehen, denn gerade was Afghaninnen und Afghanen anbelangt, ist der Informationsfluss leider oft nicht gut. Vieles läuft nur über Mund-zu-Mund-Propaganda. Es ist Zufall, wenn man den Zugang zu muttersprachlichen Hilfen und Beratung findet.

Was braucht es noch?

Es fehlen vor allem Menschen, die die Geflüchteten auf Ämter begleiten. Sozialarbeiter:innen können das nicht abdecken. Das läuft meist über Ehrenamtliche, aber die bisherigen Strukturen reichen nicht aus. Weder bei uns im Verein, wo wir aktuell drei Ehrenamtliche haben, die die Frauen begleiten, noch sonst in der Stadt. Das ist auch nicht einfach, denn in den meisten Fällen braucht es Muttersprachler:innen, die sehr gut Deutsch können, sich auskennen und bereit sind, den Job für wenig bis kein Geld zu machen.

Zur Person

Stefanie Then studierte Kunst- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bamberg. Sie ist seit 20 Jahren im Vereins- und Wissenschaftsmanagement aktiv.

Neben ihrer hauptamtlichen Tätigkeit als Geschäftsstellenleiterin des

Frankfurter Vereins ZAN, der sich um die Bildung geflüchteter afghanischer Frauen kümmert, ist die 54-Jährige Schatzmeisterin des Verbands afghanischer Organisationen in Deutschland und der Gesellschaft für Designgeschichte. rose

Geflüchtete in der Stadt

Rund ein Viertel der Frankfurt zugewiesenen Asylsuchenden kam 2020 aus Afghanistan. Das teilt das städtische Sozialdezernat mit. Seit September 2021 ist ihr Anteil auf 51,6 Prozent gestiegen (209 Personen), 2022 liegt er bei 52 Prozent (259 ).

Insgesamt leben 9300 Menschen in kommunalen Notunterkünften, darunter auch Wohnungslose, aber überwiegend Geflüchtete. So hoch war die Zahl noch nie. Bedingt sei dies durch den Krieg in der Ukraine.

Deutschland hat seit dem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan vor rund einem Jahr insgesamt 23 614 ehemaligen afghanischen Ortskräften, politischen Aktivist:innen und deren Familienangehörigen die Aufnahme zugesichert. Tatsächlich eingereist sind bisher laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 17 556. Wegen immer strikterer Kontrollen der Taliban kommt die Ausreise gefährdeter Gruppen laut Bundesregierung langsamer voran.

Traditionell gibt es in Frankfurt einen hohen Anteil an Geflüchteten aus Afghanistan, da hier seit vielen Jahren eine Community besteht und entsprechend häufig bei Neuzuweisungen verwandtschaftliche Bindungen angegeben werden.

Laut Statistik der Stadt leben 6763 Afghan:innen in Frankfurt. Von Ende Juni 2021 bis zum 30. Juni 2022 wuchs ihre Zahl um 920, darunter nicht nur Zugezogene, sondern auch Neugeborene. rose

Wie kritisch sehen Sie die nächsten Monate?

Mit Hinblick auf das kommende Bundesaufnahmeprogramm: Dafür sind wir in Frankfurt noch nicht gerüstet. Es gibt bereits jetzt enorme Zuwächse an Geflüchteten. Im ersten Halbjahr 2022 sind allein 7000 Ukrainer:innen wegen des Kriegs nach Frankfurt gekommen, da bleibt wenig Raum für andere Geflüchtete. Gesetzlich haben die Ukrainer:innen zudem einen anderen Status ...

Sie müssen keinen Asylantrag stellen, haben sofort Anrecht auf Grundsicherung und bekommen schneller eine Wohnung.

Wohnraum ist eines der größten Probleme unserer Teilnehmerinnen. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt, in der es eben kaum Wohnraum gibt. Eine zusätzliche Herausforderung ist die Residenzpflicht. In anderen Bundesländern werden die Geflüchteten auch im ländlichen Raum verteilt und haben dort schneller Wohnungen. In Hessen sieht das anders aus. Hier wird zentral untergebracht, das ist gerade in Frankfurt fatal, weil man kaum noch aus der Stadt rauskommt. Unsere Teilnehmerinnen ziehen oft von Unterkunft zu Unterkunft und warten durchaus auch mal acht Jahre darauf, bis sie für sich und ihre Familie eine Wohnung kriegen. Klar, acht Jahre, das ist schon sehr lange, aber fünf Jahre sind keine Ausnahme. In Frankfurt sind die Unterkünfte wie eine Sackgasse: Man kommt da kaum noch weg. Es geben sich alle sehr große Mühe, auch die Stadt. Für eine Lösung sind jedoch auch Land und Bund gefragt.

Wie empfinden die Geflüchteten das Leben in den Unterkünften?

Keine Privatsphäre, beengt, schmuddelig. Wie soll man dort seine Kinder großziehen? Wenn der Aufenthalt nur kurz wäre, dann ginge das. Aber jahrelang? Die Betreiber der Unterkünfte bringen wirklich jeden Einsatz, die Einrichtungen sauberzuhalten. Das ist jedoch kaum möglich, wenn sich so viele Menschen auf engstem Raum auch noch Küche und Bad teilen müssen.

Wie wichtig ist eine eigene Wohnung für die Integration?

Das ist die Grundvoraussetzung für eine gelingende Integration. Man hat kein Leben ohne eine eigene Wohnung.

Interview: Kathrin Rosendorff

S tefanie Then (54) ist Geschäftsstellenleiterin des Frankfurter Vereins ZAN, dessen Fokus auf Bildung und Beratung für geflüchtete afghanische Frauen liegt. Foto: Privat
S tefanie Then (54) ist Geschäftsstellenleiterin des Frankfurter Vereins ZAN, dessen Fokus auf Bildung und Beratung für geflüchtete afghanische Frauen liegt. Foto: Privat © privat

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