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Gedenken an den 9. November 1938: „Eine tiefdunkle Nacht“

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Von: Timur Tinç

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In der Westend-Synagoge warnt Salomon Korn auch vor der AfD.
In der Westend-Synagoge warnten die Redner:innen auch vor der AfD. © Christoph Boeckheler

In der Westend-Synagoge wird der Opfer der Pogrome vom 9. November gedacht und vor Antisemitismus gewarnt.

In der Westend-Synagoge haben am Mittwochabend rund 250 Menschen der Opfer der Pogromnacht am 9. November 1938 gedacht. Vor 84 Jahren waren in ganz Deutschland jüdische Gotteshäuser und Geschäfte in Brand gesteckt und Jüdinnen und Juden misshandelt, beraubt und deportiert worden. „Die jüdischen Deutschen wurden tief gedemütigt“, sagte Salomon Korn, Vorsitzender des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. „Es herrschte eine tiefdunkle Nacht.“

Dass heute in Medien Schlagzeilen wie „Dunkelheit senkt sich über Deutschland“ in Bezug auf die steigenden Gaspreise und existenziellen Nöte der Menschen verwendet werden, beschwöre alte Ängste herauf. „Der Begriff der Dunkelheit steht unverrückbar in Verbindung mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit“, sagte Korn.

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen, Uwe Becker, betonte: „Jede Rauchsäule war ein Ausrufezeichen des Judenhasses der nationalsozialistischen Ideologie.“ Der 9. November 1938 sei der Tag gewesen, an dem spätestens dann das Wegsehen nicht mehr möglich war. Der Frankfurter Polizeipräsident habe aus München die SA und die HJ in Bewegung gesetzt, die Feuerwehr habe nur dafür gesorgt, dass die Flammen der brennenden Synagogen und jüdischen Geschäfte nicht auf die angrenzenden Gebäude überspringen. Becker kritisierte, dass die Stadt Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Erinnerung an das Verbrechen „versagt“ habe. „Dort, wo die Überreste der Börneplatz-Synagoge waren, baute man einen Blumen-Großmarkt.“ Spätestens mit dem Aufbau des Stadtwerke-Gebäudes hätte man dieses Versagen korrigieren müssen. Tat es aber nicht.

„Der Antisemitismus zeigt auch heute wieder sein hässliches Gesicht. Der Anschlag von Halle hat seine ganze Brutalität gezeigt“, sagte Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne). Die deutsche Gesellschaft habe sich daran gewöhnt, dass jüdisches Leben gefährdet sei, dass Kinder in polizeigeschützte jüdische Kitas und Schulen gebracht werden. Sie forderte, dass es an allen Schulen am 9. November ein Gedenken geben müsse. „Die Erinnerung muss an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden“, so Eskandari-Grünberg.

Dankbarkeit für Solidarität

Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, erinnerte daran, dass es 40 Jahre lang kein Gedenken gegeben habe, ehe Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt das mit einer Rede in einer Synagoge geändert habe. Er sprach von einer Brandmauer, die es gegen Antisemitismus gebe, an der „bei genauerer Betrachtung, Hohlräume entstanden sind, die mir persönlich Angst machen.“ Man dürfe sich nicht an Bezeichnungen wie Apartheidstaat Israel und Organisationen, die Israel boykottieren, gewöhnen.

Salomon Korn warnte in seiner Rede vor der AfD. Angesichts der Ankündigung eines heißen Herbstes aus AfD-Reihen sei die Wortwahl „Proteststimmen“ für Korn „eine Verharmlosung und ignoriert die Gefahr rechtsextremer Gesinnung. Ausnahmslos jede Stimme für die AfD ist gegen die Demokratie“. Umso dringlicher sei im Jahr 2022 die moralische Standfestigkeit der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft gefragt. Er empfinde Dankbarkeit bei der Solidarität, aber auch Ungewissheit. „Mögen unsere Sorgen von der heraufziehenden Dunkelheit unberechtigt sein“, endete Korn.

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