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Gebet zu früher Stunde: das Schacharit im Synagogenraum des Chabad-Hauses.

Chabad-Haus

Anlaufstelle für orthodoxe Juden in Frankfurt

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Zu Messezeiten zieht es auch orthodoxe Juden aus aller Welt nach Frankfurt. Das Chabad-Haus ist für sie ein Treffpunkt.

Der Übergang von Gebet zu Gesang ist fließend. Eben noch hat die Stimme des Rabbiners den Synagogenraum im Chabad-Haus am Reuterweg beherrscht. Das gesprochene jüdische Morgengebet hat seine eigene Melodik, etwas Sprechgesanghaftes, das von dem anhaltenden Murmeln der Männer, die die Worte des Rabbiners nachsprechen, untermalt wird. Die meisten Köpfe sind bedeckt mit weißen Gebetsschals mit blauen oder schwarzen Streifen, die im Takt des Gebets vor- und zurückschaukeln. Dann, ganz unvermittelt, setzt der Gesang ein, beginnt das Klatschen. Eine Minute lang, dann geht der Gesang ebenso ansatzlos wieder ins gesprochene Gebet über.

Das Schacharit genannte Morgengebet fällt im Chabad-Haus nicht unbedingt andächtig aus. Während im vorderen Teil des Synagogenraums noch gebetet wird, ist hinter der Bima – dem Lesepult, auf dem während der Gottesdienste die Thora-Rolle ruht – eine gewisse Betriebsamkeit ausgebrochen. Handys werden hin- und hergereicht, kleinere Formulare ausgefüllt. Der Tag beginnt mit einem Gebet – aber es ist doch ein Arbeitstag. Und für einige der Anwesenden heißt das, dass sie bald zum Messegelände aufbrechen müssen.

„Wenn orthodoxe Juden irgendwo landen, dann suchen sie oft erst einmal nach der nächsten Synagoge“, sagt Zalman Gurevitch, „noch bevor sie ins Hotel gehen.“ Der Rabbiner und Mitbegründer des Frankfurter Chabad-Ablegers, wird es wohl wissen, zählt seine Gruppierung doch zu den umtriebigsten und sichtbarsten Gruppierungen des orthodoxen Judentums. Seit September unterhält Chabad in Frankfurt, wie in zahlreichen Städten weltweit, ein eigenes Gemeindezentrum. Und das wird dieser Tage zur Anlaufstelle für orthodox jüdische Messebesucher.

Frankfurt: Chabad-Haus bietet Frühstücksservice

Zalman Gurevitch und seine drei Mitrabbiner sehen aus, wie man sich klassischerweise orthodoxe Juden vorstellt. Schwarzes Sakko und Stoffhose, weißes Hemd, schwarzer Krempenhut, volle Bärte. Jack aus New York hingegen sieht aus wie die wandelnde Antithese. An diesem Morgen trägt er einen grünen Kapuzenpulli und eine dunkle Jogginghose, als er sich in die Synagoge begibt und den Gebetsriemen anlegt. „Chabad gibt uns ein Gefühl von Heimat, überall auf der Welt“, sagt er, „ein Gefühl von Zugehörigkeit.“

Jack hat es geschäftlich nach Frankfurt gezogen. Die Ambiente-Konsumgütermesse, die an diesem Dienstag zu Ende geht, ist der Anlass. Chabad kennt er aus dem New Yorker Bezirk Brooklyn, in dem er aufgewachsen ist und der eine der größten jüdisch-orthodoxen Gemeinschaften außerhalb Israels beherbergt. Jack ist nicht der Einzige.

„Chabad ist einfach sehr eifrig, wenn es darum geht, einen willkommen zu heißen“, sagt Jacks Kollege Elliot, der mit Baseballkappe am Frühstückstisch im zweiten Obergeschoss des Gemeindezentrums Platz genommen hat. „Außerdem haben sie das bessere Frühstück“, ergänzt Nathan, ebenfalls Messebesucher aus Brooklyn.

Ein Witz mit einem durchaus ernsten Kern. Denn neben dem gemeinsamen Gebet, das während der Messe jeden morgen dreimal stattfindet, ist es auch der Frühstücksservice, der Messebesucher an den Reuterweg lockt. „Diese Leute sind richtig orthodox“, betont Rabbiner Gurevitch, „und es gibt ja verschiedene Stufen von koscher.“ Gemeint sind die aus der Thora abgeleiteten Speisevorschriften, über deren konkrete Auslegung innerhalb des Judentums Uneinigkeit herrscht. Beim Frühstück im Chabad-Haus sind selbstverständlich alle Nahrungsmittel „glatt koscher“ – strenger geht es nicht.

Die jüdische Gemeinde in Frankfurt - die Zahlen

Die jüdische Gemeindein Frankfurt zählt rund 7000 Mitglieder und ist damit nach Berlin, Hamburg und München die viertgrößte Gemeinde in Deutschland. Sie versteht sich als Einheitsgemeinde, in der alle Strömungen des Judentums willkommen sind – sowohl weltlich-orientierte als auch religiöse.

Chabadist eine orthodoxe Gruppierung, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft für ihre Glaubensauslegung wirbt. In Frankfurt ist sie seit knapp 30 Jahren aktiv. Anfang 2018 kündigte die jüdische Gemeinde die Zusammenarbeit mit Chabad auf. Die Gruppe bezog daraufhin im September ein eigenes Gemeindezentrum. dmj

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