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Eine Mitarbeiterin des Palmengartens pflegt die Pflanzen im Palmenhaus.

Gebändigter Dschungel

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Das Palmenhaus des Palmengartens wird 150 Jahre alt. Zum Jubiläum gibt es Festprogramm und eine historische Postkartenausstellung

Meine liebe Marianne, umstehend einen kleinen Text von dem berühmtesten und größten Palmengarten der Welt! Postkarte, 1907

Ach, hätte man doch nur die Zeit. Sich hinzugeben der Stille, dem gelegentlichen Knistern und Glucksen in dieser Welt aus Grün. Sich einzulassen auf die schiere Träumerei, auch draußen gehe es so entspannt und zugleich mondän zu wie in dieser zuzeiten ganz menschenleeren Oase. Das Palmenhaus, vielfach Dschungel genannt. „Exotisches Wunderreich“, sagte vor Jahrzehnten der Politologe und Publizist Dolf Sternberger nach einem Urwaldregen dazu, und Beate Taudte-Repp hielt das „geisterhafte Tropfen“ fest, das der Sprühnebel hinterlässt. 150 Jahre Palmenhaus. Zwei Leben.

Wobei zurzeit kaum ein Tropfen zu hören ist – eher irische Wasserläufer, finnische Waldameisen, mecklenburgische Rotbauchunken, und wenn das keine Grillen sind, die da über allem musizieren, wer denn dann? Der Klangkünstler Lasse-Marc Riek lässt sie im Palmenhaus lebendig werden, zumindest akustisch. Es flirrt die Luft, ein Piepen und Zwitschern aus 84 Tonspuren – und alles zum Geburtstag des Palmenhauses.

„Jeder Organismus braucht ein Herz“, sagt Direktorin Katja Heubach den ersten Jubiläumsgästen am Donnerstag zur Eröffnung der traditionellen Herbstblumenausstellung. „Und das Herz des Palmengartens, das schlägt hier, im Palmenhaus.“ Aber, Pardon – hat da nicht gerade irgendwo ein costaricanischer Brüllaffe dazwischengebrüllt?

Es gab viel zu erzählen, einst im Palmengarten. Und schöne Karten.

Das Herz war in diesem Fall zuerst da. 1869, bereits zwei Jahre vor dem von Heinrich Siesmayer geplanten Botanischen Garten, stellten die Konstrukteure das Palmenhaus fertig, einzigartig mit seiner Stahldachvariante ohne zentrale Träger, nach modernsten Anregungen von der Pariser Weltausstellung 1867 ersonnen. Die feine Gesellschaft war seither stets angetan.

Zum Muttertag sendet Dir Dein Sohn Raimund einen ganzen Park voller Blumen! Fast ist es eine Aufnahme unseres eigenen Parks, aber schließlich ziehen dieselben Wolken über den wie unseren Park. Postkarte, 1963

Siesmayer kaufte für den Palmengarten die berühmte Pflanzensammlung des abgedankten Herzogs Adolph von Nassau und ließ sie von Wiesbaden-Biebrich nach Frankfurt bringen – mit dem Geld, das Frankfurter Bürger gespendet hatten. Bankiers, Verleger, Rechtsanwälte und andere Vermögende hätten ihre Schatullen geöffnet. „Es war eines der ersten Bürgerbeteiligungsprojekte“, erinnert Katja Heubach in der Galerie, während nebenan ein Flusspferd grollt. Und vermutlich auch eine finnische Waldameise. Aber die hört grad keiner.

„Hören Sie das Herz heute zum ersten Mal schlagen“, lädt die Palmengartendirektorin die Besucher ein. Drüben, im Dschungel, hat sich Klanginstallateur Riek fasziniert darüber geäußert, wie seine Tierstimmen, von Kollegen aus aller Welt beigesteuert, auf der kleinen Wasserfläche reflektiert werden, zwischen ausladenden Pflanzenfächern und Glasdachscheiben vagabundieren.

Für das Palmenhaus ließ Gartenbaudirektor Ferdinand Heiss, dem übrigens auch der Name Palmengarten fürs Ganze einfiel, große Seerosen nach Frankfurt holen, Bromelien, Kamelien und natürlich Palmen, so viele, wie man sie in der Stadt nie gesehen hatte. Eine von ihnen hätte es fast aus den Gründungstagen vor 150 Jahren bis zum Jubiläum geschafft – eine Chinesische Hanfpalme. Aber unglücklicherweise verließen sie just vor dem großen Datum die letzten Kräfte. Immerhin: Zur Palmenausstellung im Sommer hielt sie noch durch.

Das Glas-Stahl-Dach des Palmenhauses war 1869 eine Sensation.

Etwa 50 bis 60 Palmen, schätzen die Gastgeber, enthält das Palmenhaus. Zu den anstehenden Festtagen wurde mit vereinten Kräften die Botanik durchgeputzt, auch die Chefin packte mit an, und ein dekorativer Wechselflor gepflanzt. Das für Rost anfällige Stahlträgerdach unterliegt ohnehin ständiger Überprüfung. Die Gefahr, dass es einstürzt, besteht also nicht, selbst wenn gerade ein kapitaler Tiger grollt … rooorrrrrrr! Manche Tiere tauchen nur alle drei Stunden im Klangspektakel auf, verrät Katja Heubach. Welche? „Das müssen die Besucherinnen und Besucher schon selbst herausfinden.“ Ein langer Aufenthalt im Palmenhaus ist also doppelt zu empfehlen.

Aber auch nebenan in der Galerie. Da gibt es Postkarten – viele Postkarten, schöne Postkarten, historische Postkarten. Die Zitate in diesem Zeitungstext stammen aus den gesammelten Kartengrüßen, hinter denen die Palmengarten-Kustodin Hilke Steinecke seit mehr als zwei Jahren her ist wie die Biene hinter den Lavendelpollen. „Es ist eine richtige Sucht“, sagt sie, „ich freue mich über jede, die dazukommt.“ Aus den Hunderten Karten wählte das Kreativteam um Kirsten Grote-Baer die schönsten für eine ebenso nostalgische wie vergnügliche Ausstellung. Eine Kollegin mit tollen Sütterlin-Übersetzungsfähigkeiten machte Textauszüge wie jenen erst möglich:

Befinde mich soeben hier, wo ich mich an einem Glas Bier labe. Postkarte, 1900

Der Clou: Das Jahr 1869, in dem das Palmenhaus eröffnet wurde, war auch das Jahr, in dem die ersten Postkarten in Umlauf kamen. Zunächst als reine Korrespondenzkarten, sagt Kirsten Grote-Baer, dann bald als Ansichtskarten. „Die Postkarte von damals war die SMS von heute“, sagt sie. Man sandte sich schnelle Botschaften. Die geneigte Leserschaft merkt: Die Post arbeitete damals offenbar mit erheblich höherem Tempo. Aber Moment - hören wir da etwa eine Fledermaus?

My Darling, I hope you were pleased. Viele Grüße von Gretchen Berend. Postkarte, 1896

Ein Bombeneinschlag mit Glasschaden ließ im Zweiten Weltkrieg alle Pflanzen im Palmenhaus erfrieren. Viel neues Grün musste her, und nach Kriegsende benutzten die US-Soldaten den Palmengarten zu ihrer Erholung. Erst 1953 ging das Gelände zurück unter die Hoheit der Stadtverwaltung.

Mit seinen etwa 1600 Quadratmetern Fläche ist das Palmenhaus immer noch eines der größten in Europa. Von Kanarischen Dattel- bis hin zu Asiatischen Fischschwanzpalmen reicht das Spektrum, und wer sich hinabwagt in die Grotte, kann dazu Fische in Aquarien betrachten. Auch nach oben auf die Empore führt ein Weg. Da krächzten bis vor einigen Monaten noch weiße Kakadus und gaben sogar Antwort, wenn man sie etwas fragte. Inzwischen tragen sie aber nichts mehr zur Bandbreite der Tierstimmen bei. Den Platz, an dem ihr Gehege stand, sollen weitere Pflanzen einnehmen. Die Statik wird vorher noch geprüft. Pssst: Schnarcht da etwa ein Faultier?

Zur freundlichen Erinnerung an die schönen Stunden, welche wir zusammen im Palmengarten verlebten! Wir verbleiben mit herzlichen Grüßen Postkarte, 1898

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