Hotel Villa Oriental

Zu Gast in 1001 Nacht

Das Morgenland ist nicht weit. Kurz hinterm Hauptbahnhof, an der Baseler Straße 21, steht das zinnoberrote Tor in eine andere Welt. Unsere Autorin ist hindurchgegangen.

Von Lia Venn

Eine Orient-Reise ist gerade in der Zeit um Weihnachten herum eine wohltuende Sache. Die Weisen aus dem Morgenland, vermutlich persische Sterndeuter, wissen das. Nun ist der Orient leider einige Kilometer entfernt. Ist er? Ist er nicht. Das Morgenland liegt in der Baseler Straße 21.

Wer an einem kalten Wintertag die viel befahrene Straße mit Blick auf den Westhafen Tower entlanggeht und Nummer 21 erreicht, steht und stutzt. Ein zinnoberrotes Gebäude mit weißen Holzornamenten vor den Fenstern wärmt fast spürbar, als gare schon in einer fernen Küche der Reis mit Berberitzen, als tänzelten Schwaden heißen Tees über weiche Sitzkissen, als erfüllten sich demnächst geheime Wünsche. Dann singt George Michael „Last Christmas“ aus einem blauen BMW. Richtig, das ist Frankfurt, unweit des Bahnhofs. Und zinnoberrot erhebt sich vor einem das Hotel Villa Oriental, in diesem Jahr auf dem 3. Platz des Frankfurter Tourismuspreises. Salaam aleikum – aleikum salaam.

15.000 Fliesen aus Marrakesch

Die Eingangstür ist aus dunklem Holz, in der Mitte ein messingfarbener Türklopfer. Also hinein – und schon hat man von Schwarz-Weiß zu Technicolor umgeschaltet: bunte, marrokanische Fliesen, an den gelben Wänden persische Lampen und Leuchter. Kitschig wirkt das nicht. „Das Hotel wurde nicht orientalisch dekoriert, es ist orientalisch“, hat der Hausherr einmal gesagt – und dort kommt er, Alexander Gorjinia, Inhaber des 2008 eröffneten Vier-Sterne-Hauses. Der gebürtige Perser aus Teheran drückt dem Gast erstmal eine Wunschkarte in die Hand. „Denken Sie sich einen Wunsch aus, er muss positiv sein, darf also niemandem Schlechtes wünschen“, sagt er eindringlich. „Zeigen und verraten Sie Ihren Wunsch niemandem, schreiben Sie ihn auf noch bevor Sie gehen.“

In diesem Hotel wird großer Wert auf orientalische Riten gelegt – auch auf orientalisches Baumaterial. Mehr als 15000 Fliesen aus Marrakesch sind im Haus verarbeitet worden. „Und wissen Sie was? Ich habe noch nie so viele Absagen von Handwerkern bekommen wie damals.“ Die Fliesen sind keine Fabrikware, nicht genormt. „Sie wussten nicht, wie sie mir die mit einer Abnahmegarantie zusammenfügen sollen“, sagt Gorjinia schmunzelnd. Dann hat der „preußische Perser“, wie er sich bezeichnet, eben Handwerker in orientalischen Bauweisen schulen lassen.

Überhaupt sei der Umbau des schmalen Hauses aus dem Jahr 1899 in eine orientalische Villa nicht leicht gewesen. „Die Architekten mussten erstmal verstehen, was ich wollte, und dann die unzähligen Ämtergänge!“ Der frühere Immobilienfachmann lächelt, „Aber ich bin ein Mensch, der tote Dinge zum Leben erwecken kann.“ Und wer sich einlässt, auf die Orient-Reise im Bahnhofsviertel, der hat fast das Gefühl, als spreche das Zimmer mit ihm, wenn er es betritt. Zunächst kann man aber selbst mit dem Zimmer sprechen, genauer mit einem Kasten, der in jedem Raum hängt, das indische Fenster. „Statt abends mit seinen Sorgen ins Bett zu gehen und unruhig zu schlafen, soll der Mensch seine drängendsten Sorgen überlegen, dem Fenster sagen: ‚Es bleibt bei Dir, ich will nichts davon wissen, bis morgen‘. Dann schläft er besser.“ Und zwar in einem großen Bett, am geschnitzten Holz-Kopfteil silbrig beschlagen, darüber nicht die kantige Zimmerdecke, sondern weiche Bögen.

Bunt bemalte Keramikwaschbecken

Kann aber dauern, bis man ins Bett geht, dafür sind die Bäder viel zu schön: Bruchmosaik aus Naturstein, bunt bemalte Keramikwaschbecken aus Marokko, Spiegel in Form von Torbögen. Blaue Fliesen, rote Glaskacheln, goldene Beschläge. „Und alles Moderne haben wir versteckt“, sagt der Hotelier, öffnet einen Holzschrank und zeigt auf einen Flachbildfernseher, „mit 1001 Kanälen.“

Seit der Eröffnung wird das sogenannte Boutique-Hotel, also ein besonderes, inhabergeführtes Nischen-Haus, sehr gut angenommen. Das zeigt die meist 80-prozentige Auslastung des 30-Zimmer-Hotels. Die Preise sind dabei nicht so hoch, wie man befürchten könnte. Am Wochenende kostet ein Doppelzimmer mit Frühstück 99 Euro, bei Direktbuchung ist die Mini-Bar frei, W-Lan ohnehin. Der normale Preis fürs Doppelzimmer liegt bei 139 Euro, beim Einzelzimmer ab 109 Euro. „Auch Frankfurter übernachten gerne in der Villa Oriental, vorzugsweise junge Paare“, sagt Gorjinia und öffnet Zimmer 1011. Das Bett gibt den Blick frei aufs offene Badezimmer, Stufen führen zur verglasten Duschkabine, nur eine niedrige Steinmauer verdeckt die Sicht. Und vorm Einschlafen noch ein Märchen aus 1001 Nacht? Süße Träume. Vorm Schlafengehen bietet sich im Restaurant Hafez ein Abendessen an. „Das führt meine Mutter an 365 Tagen im Jahr, von 11.30 bis 14 Uhr“, sagt Gorjinia, ich bewundere sie sehr. Direkt nach der Revolution in Iran vor 30 Jahren kam der heute 41-Jährige mit den Eltern nach Deutschland.

Ein gesegneter Türklopfer

Und die Zukunft? Weitere 30 Zimmer für die Villa Oriental, indem Gorjinia sein zweites Hotel „Little Paris“, mit Zugang von der Karlsruher Straße, umbaut. „Erstmal aber heißt meine Zukunft Nikolaus und Alexandra“, sagt Alexander Gorjinia und wird ein bisschen größer. „Meine Zwillinge, sie kommen am 5. Januar zur Welt.“ Wir wünschen alles Gute! Beim Hinausbegleiten fragt er noch, ob man sich einen Wunsch auf die Wunschkarte geschrieben habe. „Kommen Sie, legen Sie die Hand an den Türklopfer, ich habe ihn in Persien segnen lassen, nun sprechen Sie sich Ihren Wunsch konzentriert vor.“ Das machten einige Frankfurter auch, die davon wüssten. Petra Roth war auch schon da.

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