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So überwintern Schildkröten in ihrem Hotel.

Tiere in Frankfurt

Schildkröte im Kühlschrank

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Ist die Schildkröte im Kühlschrank, freut sich der Mensch: Ein Bockenheimer Tierarzt betreibt ein Winterquartier für Tiere, die es in der dunklen Jahreszeit gern kalt mögen.

Was man halt im Winter so im Kühlschrank hat: Milch, Käse, Apfelsaft, Riesling, Schildkröte, Kohlkopf, Gewürzgurken – Moment mal: Schildkröte? Wieso Schildkröte? Na, darum: Weil die werte Schildkröte eben im Winter ihre Ruhe und ihre Kühle braucht. Und die kriegt sie, wenn sie sich nicht im Garten vergraben kann, am besten im Kühlschrank. In diesem Winter sowieso, denn die kühle Jahreszeit war 2015 ja nun wirklich nicht, was sie einmal war.

„Optimal für Landschildkröten ist eigentlich die Freilandhaltung“, sagt Simone Faust, stellvertretende Leiterin des Frankfurter Tierheims. „Wenn sie merken, es wird kalt, dann wollen sie sich verbuddeln.“ Man merkt es auch daran, dass sie keinen Appetit mehr haben. „Normalerweise fressen sie uns die Haare vom Kopf.“ Wenn aber kein echter Winter aufkommt oder kein Garten zum Vergraben da ist, dann heißt die beste Lösung in der Tat: Kühlschrank.

Wie viele Schildkröten zurzeit in den Gemüsefächern der Frankfurte Küchen dem Frühjahr entgegendämmern, lässt sich nur vermuten. Fest steht: So viele wie beim Bockenheimer Tierarzt Ulf Riedel dürften nirgendwo sonst im Kühlschrank liegen. Dort treffen sich Winter für Winter bis zu 200 Reptilien zur geselligen Starre – so viele, dass Doc Riedel jüngst ein Kühlhaus angeschafft hat. „Das ist wirtschaftlicher“, sagt Christa Lemmer, die sich in der Praxis um die Schildkröten kümmert. „Vorher hatten wir sie in zehn großen Kühlschränken.“

Gerade läuft der Umzug. Jeder schnappt sich im Praxiskeller ein paar Plastikdosen mit je einer Schildkröte und trägt sie hinauf ins neue Kühlhaus. Sieben Grad zeigt die Leuchtschrift, fünf Grad sind die Zieltemperatur, dann lässt sich’s in Ruhe dösen. Gell, Sally? Die Landschildkröte Sally ist im Prinzip wach, sie bewegt sich auch ein bisschen, denn diese Tiere schlafen nicht wirklich, sondern sie fallen in eine Starre. Wegen der niedrigen Temperatur ist sie aber handlungsunfähig. Es kommt vor, sagt Christa Lemmer, dass Schildkröten im Winter bei lebendigem Leib von anderen Tieren angefressen werden.

Einmal die Woche ein frisches Bett

Dann doch lieber Kühlschrank. Auf den Rückenpanzern sind Aufkleber mit Namen und Informationen befestigt. Kassiopeia darf im Keller bleiben, sie ist eine Wasserschildkröte und kann in ihrer Box etwas höhere Temperaturen vertragen. Die Landgenossinnen ziehen alle ins Kühlhaus mit der Aufschrift www.schildkr.

Wie fing das eigentlich an? „Wir haben vor Jahren gemerkt, dass viele Leute unsicher waren“, sagt Lemmer. „Die brachten es nicht übers Herz, ihre Lieblinge einfach in den Kühlschrank zu legen, so ganz ohne Essen.“ Außerdem sei der Kühlschrank gerade um Weihnachten und Silvester meist voll – „da braucht man nicht auch noch eine Schildkröte im Gemüsefach“.

Also bot Riedel einen Überwinterungsservice an. Und das sprach sich herum. Eine Übernachtung kostet zwischen 50 Cent und einem Euro, einmal die Woche wird das Bett frisch gemacht, mit Pinienrinde und etwas Wasser. Auch Bartagamen und giftige Echsen – mit Schloss an der Box gesichert – logieren in Bockenheim. Lemmer: „Wir überwintern alles.“

13 Gramm wiegt der leichteste Hotelgast, dreieinhalb Kilo der schwerste. Zur Vorbereitung im Herbst ist es wichtig, sie sorgfältig zu baden, damit sie genug Flüssigkeit einlagern können. Dann, spätestens Mitte November, geht es in den Kühlschrank. Zwischendurch Gewicht prüfen: Mehr als zehn Prozent sollte die Kröte nicht verlieren, sonst ist ihr Organismus nicht auf Sparflamme. Riedel gibt auf seiner Internetseite Tipps zur Vorbereitung der Winterruhe. Die dauert dann bis zum Frühlingserwachen: Die ersten werden Ende Februar geweckt, die letzten im April. Und haben Riesenappetit. Ein Kopfsalat? Ruckzuck verputzt.

Was, wenn die Schildkröte in der Wohnung lebt und gar nicht mitkriegt, dass es draußen kalt wird? „Das klappt vielleicht 20 Jahre“, sagt Ulf Riedel, „aber gesund ist das nicht.“ Studien zeigten: Schildkröten können bei guter Pflege 60 Jahre alt werden; ohne Winterstarre in der kühlen Frische sterben sie deutlich früher.

„Wir lernen jedes Jahr dazu“, sagt Christa Lemmer: Temperatur, Feuchtigkeit, Kühlsystem. Das Frankfurter Schildkrötenhotel ist schon so berühmt, dass Anfragen aus Moskau kommen. Kürzlich berichteten sogar chinesische Zeitungen. „Wir dachten erst, das sind Schildkrötenkochrezepte.“

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