Zufallstreffer im Westend

Ein Garten so nah und doch so fern

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Zwischen Riesenwurz und Flockenblume landet der FR-Dartpfeil mitten im Botanischen Garten. Es wird gebuddelt und gegraben. Mitten in der Stadt ist man ihr hier doch irgendwie wunderbar fern.

Glück gehabt. Da haben wir einfach richtig Glück gehabt. Ein paar Zentimeter weiter links und der Redaktions-Dartpfeil wäre mitten im Straßengeflecht des Miquelknotens stecken geblieben. Ist er aber nicht. Trotz des erklärten Bestrebens des Werfenden, auch einmal Frankfurts Westen anzufliegen, schaffte es der Zufallstreffer dieses Mal nicht einmal bis nach Bockenheim.

Nun also der Botanische Garten im Westend – wie schön! Nur: Wie kommt man da eigentlich rein? Den Eingang müssen die Fotografin und der Schreiber jedenfalls erst einmal suchen, liegt er doch irgendwo zwischen Palmengarten und Grüneburgpark, zwischen Botanischen Instituten und Gewächshäusern versteckt. Ein grauhaariger Mann lässt das Fenster seines Mercedes hinunter und hilft aus der Patsche: „Einfach da und dann da entlang“, deutet er an. Er hat recht: Wäre da nicht dieses verschlossene Tor – von hier aus könnte man den Garten ohne weiteres betreten. Der auf ein Schild gedruckte Hinweis, man solle beim Fotografieren darauf achten, „andere beim Betrachten der Pflanzen nicht zu behindern“ hat aber etwas Höhnisches: Der Botanische Garten Frankfurt ist im Winter für Besucher geschlossen – erst am 24. Februar macht er wieder auf.

Was nun? Gerade als ich anfange, die wortmalerischen Namen der Pflanzen neben dem Eingang zu notieren – unter anderem stehen da eine Schöne Fetthenne und die Weißgraue Flockenblume – kommt schon wieder ein Retter geeilt. Der Held der Stunde heißt Michael Bleß. Bleß ist Reviergärtner, trägt einen braunen Jägerhut und hat die Gesichtsfarbe eines Menschen, der viel Zeit an der frischen Luft verbringt. Schnell räumt er den Gehölzschnitt beiseite, mit dem er sich gerade beschäftigt hat, und schließt die Tore zum Garten auf. Als treuer FR-Leser stellt sich Bleß gerne in den Dienst der Story und zeigt uns seinen Arbeitsplatz.

Und es ist ein schöner Arbeitsplatz: Ein zarter Schleier aus Schnee bedeckt die Bereiche Nordamerika und Ostasien, um die sich Bleß kümmert. Noch schlummern sie, die rund 4500 Pflanzenarten des Botanischen Gartens. Hier und da sind aber schon die ersten Knospen zu erkennen: „Hier blüht eigentlich immer was“, sagt Bleß und deutet auf eine fast trotzig gelb leuchtende Zaubernuss. Daneben stehen drei in Folie eingewickelte Pflanzen, die aussehen, als hätte sie Verpackungskünstler Christo höchstpersönlich verhüllt. „Die Kamelien“, so Bleß, „muss man vor spätem Frost schützen“ – wegen der Knospen, die sich vielleicht schon gebildet haben. „Im April“ sei hier übrigens „die schönste Zeit“, erzählt der Reviergärtner. Man meint ein wenig Vorfreude und Stolz in seinen Augen schimmern zu sehen, wenn er hinzufügt: „Gerade hier in Ostasien.“ Bleß muss es wissen: Seit 27 Jahren arbeitet er im Botanischen Garten.

Noch kann man allerdings nur erahnen, wie das alles einmal im Frühling aussehen soll. Viele Pflanzen halten sich noch unter im Herbst gefallenem Laub versteckt. So wie der Riesenwurmfarn – nur ein altes Emailschild verrät seine Anwesenheit.

Basaltbach auf Magerwiese

Zwei Ecken weiter, direkt neben einem mit Alpenblumen bewachsenen Steinhaufen, stinkt es nach Diesel. Eine rußschwarze Maschine rattert laut vor sich hin und sechs Arbeiter buddeln und schaufeln fleißig. Um sich ja die beste Perspektive nicht durch die Lappen gehen zu lassen, watet unsere Fotografin tapfer durch den Schlamm. Ich bleibe stehen und rufe einem der Arbeiter entgegen: „Was machen Sie denn da?“

„Wir bauen hier einen Basaltbach“, ruft der in der Ausbildung befindliche Landschaftsgärtner Sascha Heß zurück – mit seiner Stimme immer schön die Maschinen übertönend. Wie wir später erfahren, verläuft der Bach durch einen „typischen Magerrasen der Wetterau“ – der Fokus des Parks liegt ja auf mitteleuropäischen Pflanzengemeinschaften. Sascha Heß steigt wieder in die Fahrerkabine seines kleinen Baggers und schichtet mit Präzision Schotter von einem Haufen auf den anderen. „Wir müssen hier echt aufpassen, dass wir keine Pflanzen kaputt machen“, merkt der junge Oberurseler noch an. Ganz gewiss: Der Gemeine Natternkopf, der seine Stengel am Wegrand in den wolkigen Himmel reckt, würde es Sascha Heß wohl übelnehmen. Und der Stinkende Riesenwurz vielleicht auch.

Nicht weit von hier sitzt in Sichtweite zur Baustelle in einem mit Folianten und Bestimmungsbüchern gefüllten Büro Manfred Wessel. Wessel ist seit zwanzig Jahren technischer Leiter des Botanischen Gartens – und um ihn weht eine Aura der Ruhe und Gelassenheit. Kein Wunder, liegen die schwierigen Jahre der Ungewissheit doch hinter ihm. Seit die Stadt den Park vor einem Jahr vom Land übernommen hat, wissen die rund zwanzig Mitarbeiter wieder, woran sie sind. „Ich muss die Stadt wirklich dafür loben, dass mit der Übernahme keine Stellen gekürzt wurden“, sagt Wessel mit erhobenen Augenbrauen. Und auch abgerissen wurde nichts: Das vom Funktionalisten und May-Schüler Ferdinand Kramer in den Fünfzigern entworfene Ensemble der Biologischen Institute begeistert weiterhin mit seinen Glasbausteinen und geraden Linien. Wenn auch freilich – wie der Garten – etwas versteckt.

Nicht dauerhaft hierbleiben sollen die vielen Kaninchen, die den Botanischen Garten mit seinen vielen Gräsern und Pflänzchen liebgewonnen haben. „Um die kümmert sich aber unser Fuchs“, freut sich Michael Bleß. Denn schon ohne den Schaden, den die Nager an den Pflanzen anrichten, hätten er und seine Kollegen alle Hände voll zu tun. „Natürlich halten sich die Pflanzen nicht an die vorgegebenen Grenzen“, so Wessel. Da gibt es zum Beispiel den Schachtelhalm. Fies und hinterhältig treibt der seine Wurzeln wie Fühler durch den Boden, um dann an anderer Stelle wieder hervorzusprießen. Da könne man „graben, so tief man will“ – den Schachtelhalm bekomme man nicht los. Momentan versuchen die Gärtner das Problem mit Flieseinlagen in den Griff zu bekommen. Nicht dass der Halm einfach von der Sektion Europa nach Amerika rübermacht.

Überhaupt: Im Jahr 2013, in dem sich die Gründung der Senckenbergischen Stiftung und somit auch die des Botanischen Gartens zum 250. Mal jährt, versucht man sich gerne an Neuem. So steht seit kurzem ein vom Nabu finanzierter Holzkasten am Weiher. „Hier sollen Eisvögel einziehen“, verrät Bleß. Über 2000 kleine Fische habe man dafür schon ausgesetzt. „Der Tisch ist quasi gedeckt“, lacht Wessel. Von seinem Büro aus könnte er die Eisvögel dann sehen. Mitten in der Stadt. Direkt neben dem omnipräsenten Ginnheimer Spargel, dessen Spitze in dichten Wolken steckt. Jetzt müssen die Eisvögel nur auch noch kommen. Und – na klar – der Frühling.

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