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Kristina Brähler (l.) und Sheyda Seif Narahghi bieten im Monikahaus Sexualberatung für Frauen an.

Familienzentrum Monikahaus

Sexualkunde mit Kinderbetreuung

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Familienzentrum Monikahaus bietet Aufklärungskurse für iranische und arabische Frauen an.

Aufklärungsunterricht für Frauen mit Kindern gibt’s nicht? Gibt’s doch. Im Familienzentrum Monikahaus im Gallus haben aufmerksame Mitarbeiterinnen den Bedarf entdeckt, und die vom Sozialdienst Katholischer Frauen getragene Einrichtung hat darauf reagiert.

In der Beratung und den Geburtsvorbereitungskursen ist Sheyda Seif Narahghi und Kolleginnen aufgefallen, dass einige Frauen wenig über ihren Körper wissen und „dass offensichtlich auch eine sexuelle Aufklärung in ihrer Biografie nur unzureichend stattgefunden hat“, sagt Schwangerenberaterin Seif Narahghi, die in Iran Psychologie studiert hat und in Deutschland eine Ausbildung zur Erzieherin und einen Master an der FH Frankfurt gemacht hat.

Mit ihren deutschen Kolleginnen Nicole Börner und Kristina Brähler, zwei Diplompädagoginnen, hat sie bereits drei Aufklärungskurse für jeweils sechs bis acht persische Frauen geleitet. Weitere sind in Planung. Werbung haben sie dafür nicht gemacht. Der Bedarf wächst durch Empfehlungen.

Wichtigste Regel: Nichts soll nach außen dringen

Die Frauen kommen mit ihren Kindern ins Monikahaus. Der Nachwuchs darf spielen, während sich die Frauen austauschen. Sie sitzen dann bei Kaffee und Keksen um einen Tisch in einem hellen, freundlichen Raum. Seif Narahgi, Börner und Brähler leiten die Treffen an. Jeder Kurs umfasst vier bis fünf Termine, bevor es losgeht, unterschreiben alle ein paar Regeln. Die wichtigste: Nichts soll nach außen dringen, die Frauen sollen sich gegenseitig Vertraulichkeit zusichern.

Das ist auch im Interesse vieler Frauen selbst. Denn wer zu liberale Vorstellungen habe oder auch nur einen Wissensvorsprung, könne schnell unter Beschuss der Community geraten, sagt Brähler. Gerade geflüchtete Frauen sind laut der Diplompädagogin in ihrem Alltag auf eben diese Community angewiesen.

„Auch in einer Frauengruppe über diese Themen zu reden, ist für sie schon eine unglaubliche Umstellung“, sagt Brähler. Zum Einstieg geht es deshalb oft um allgemeinere Fragen. „Was bedeutet weibliche Schönheit?“, zum Beispiel. Oder: „Wie drücke ich meine Weiblichkeit aus?“ Dabei komme nicht selten heraus, dass afghanische und iranische Frauen die Natürlichkeit deutscher Frauen schön fänden. Von sich und anderen deutschen Frauen weiß Brähler wiederum, dass sie das gepflegte Äußere und gefasste Auftreten vieler Iranerinnen und Afghaninnen bewundern.

Bei jedem Treffen gibt es zu einem bestimmten Thema Wissensinput – zum weiblichen Zyklus etwa, zu Familienplanung, Verhütung oder den Unterschieden des weiblichen und männlichen Körpers. Dabei verwenden Seif Narahgi, Börner und ihre Kolleginnen gerne Anschauungsmaterial. Einen Penis und eine Vagina aus Stoff beispielsweise, die zeigen, dass die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane im Grunde gleich groß sind - wenn auch das der Frau nicht wie das des Mannes äußerlich sichtbar ist.

In Plastikringe eingezogene hautfarbene Stoffe, die unterschiedlich stark perforiert sind, sollen zeigen, wie unterschiedlich unberührte Jungfernhäutchen aussehen. Auch arbeiten die Beraterinnen viel mit Bildern. „Manche Frauen fotogafieren unsere Sachen ab und schicken das in den Iran“, sagt Brähler.

Nach dem Informationsteil sei es Ziel, sich mit den eigenen Erfarungen zu beschäftigen, sagt Börner. „Es geht uns um den Austausch.“ Schon das sei nicht immer leicht. „Die Frauen sind daran gewöhnt, vieles geheimzuhalten“, sagt Brähler. Zugleich hätten sie eine sehr klare Idee davon, was sie wo sagten. Doch die Erziehung hemme nicht nur; teilweise helfe sie auch, ins Gespräch zu kommen. „Man antwortet“, sagt Brähler, jedes Mal komme etwas Überraschendes heraus. Zum Beispiel, dass mehrere Frauen auch vor der Ehe sexuelle Erfahrungen hätten sammeln wollen, wenn sie gewusst hätten, dass das Jungfernhäutchen gar nicht so schnell kaputtgeht wie gedacht.

Essenziell für das Gelingen der Kurse sei, dass eine der Leiterinnen jeweils aus dem Kulturraum der Besucherinnen komme. „Als Iranerin, die die Sprache und zum Teil auch die kulturelle Prägung der Frauen teilt, habe ich einen besonders guten Zugang zu ihnen“, sagt Seif Narahgi.

Es gehe nicht darum, die Frauen anzuhalten, weniger Kinder zu bekommen oder ihre Meinung zu beeinflussen, betont Börner. Sondern um die Vermittlung von Wissen und den gemeinsamen Austausch. Das neue Wissen beeinflusse zwar nicht unbedingt die aktuelle Situation oder werde von den Frauen in ihre Partnerschaft getragen. Für Seif Narahghi ist die Aufklärungsarbeit dennoch extrem wichtig, auch um die nächste Generation zu erreichen. Wenn mehr Mädchen und Familien aufgeklärt seien, folgten sie vielleicht der Tradition nicht so blind wie das heute oft der Fall sei. Das Konzept funktioniert nur dank der Mittlerinnen, die ebenfalls Beraterinnen sind und Sprache und Kultur der Kursbesucherinnen kennen, betonen die beiden Deutschen im Team. Neben der Iranerin Saif Narahgi ist das eine Syrerin, die den Kurs für arabische Frauen mit anleitet. „Wir als europäische Frauen sind da außen vor“, sagt Brähler.

Kürzlich gab es ein Angebot für Frauen aus Eritrea, ab Mai soll es eines für Frauen aus Somalia geben. Zudem gibt es Anfragen aus Flüchtlingsunterkünften. In einer Unterkunft haben Brähler und Börner gemeinsam mit Kulturmittlerinnen bereits Kurse für Syrerinnen und Eritreerinnen abgeschlossen. Die Nachfrage ist da, auch ohne Werbung. Die Idee ist vielmehr, dass Frauen über die Empfehlung anderer Frauen zu ihnen kämen, erläutert Börner.

Doch auch, wenn es mehr und mehr Kurse gebe, deckten sie den Bedarf noch nicht. Vor allem müsse man auch Männern ein vergleichbares Angebot machen. „Nicht nur Frauen haben so wenige Vorstellungen von Sexualität“ sagt Brähler. Auch Männer aus diesen Kulturkreisen seien wenig aufgeklärt.

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