+
Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Jannis Plastargias zieht eine Zwischenbilanz. 

Frankfurt-Gallus

Gallus: Beim Jugendmigrationsdienst dürfen die jungen Leute mitentscheiden

  • schließen

Beim Modellprojekt gestalten die Teilnehmer ihr Quartier. Sie pflanzen Bäume, drehen Filme, kochen zusammen. Manche fühlen sich erstmals im Leben ernst genommen.

Ein Junge posiert in Boxermontur, ein anderes Bild zeigt eine Verabschiedung, eine Bildergeschichte stellt eine Flucht nach - mit Gummibärchen. Das sind die Ergebnisse eines Fotoworkshops. „Was beschäftigt dich, wo kommst Du her?“, war die Arbeitsaufgabe der Intensivklasse der Paul-Hindemith-Schule.

Die Jugendlichen, die etwa aus Syrien, Bulgarien oder Kroatien nach Deutschland gekommen sind, fotografierten selbst zu einem Thema ihrer Wahl: Beruf, Erfahrungen, Wünsche, Probleme oder Träume. „Es sind die unterschiedlichsten Fotos entstanden“, sagt Jannis Plastargias und blättert in dem kleinen Heftchen. Der Pädagoge ist Projektmanager des Modellvorhabens Jugendmigrationsdienste im Quartier (JMD).

Seit gut zwei Jahren werden verschiedene Projekte im Stadtteil verwirklicht. Nun ist Halbzeit für das vom freien Träger Internationaler Bund Südwest GmbH initiierte Programm. Bis Ende 2021 läuft es noch. Plastargias, der vor allem vermittelt und organisiert, hofft, dass es auch danach noch fortgeführt wird.

Das Echo sei gut, die Beteiligung groß. „Wir haben sehr viele Menschen erreicht.“ Gemeinsam wurden Bäume im Taunus gepflanzt, Podcasts aufgenommen, gekocht, Fußball gespielt oder ein Horrorfilm mit queeren Protagonisten gedreht. Die Zielgruppe sind Jugendliche zwischen zwölf und 27 Jahren mit Migrations- und Fluchthintergrund. Aber es gehe ja auch um Integration sagt Plastargias. Darum sollten natürlich alle jungen Menschen teilnehmen können. Und gerade wenn der Jugendmigrationsdienst bei Veranstaltungen wie dem Sommerfest oder Flohmarkt im Quartier dabei ist, werden alle angesprochen. Im Gallus gebe es im Gegensatz zu Quartieren in anderen Städten schon sehr viele Angebote, darum habe man den Luxus, besondere Sachen wie ein Tanztheater initiieren zu können.

Das Programm

Das ModellprojektJugendmigrationsdienste im Quartier (JMD) soll die Lebenssituation der Bewohner in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf verbessern und das soziale Zusammenleben stärken. Zudem sollen die Zugangsbarrieren zu sozialen Diensten und zu Angeboten identifiziert und abgebaut werden.

Die bundesweit16 Modellstandorte befinden sich in aktuellen beziehungsweise ehemaligen Gebieten des Städtebauförderungsprogramms „Sozialen Stadt“, mit dem der Bund die Stabilisierung und Aufwertung von Stadtquartieren mit besonderem Entwicklungsbedarf unterstützt.

Unterstützt wirdder Jugendmigrationsdienst von zwei Bundesministerien. Der JMD im Gallus bekommt jährlich 30 000 Euro. 

Die Angebote werden gemeinsam mit den Schulen im Quartier erarbeitet, aber auch mit Jugendhäusern oder einer der vielen Einrichtungen im Stadtteil, etwa dem Gallus-Zentrum oder Mehrgenerationenhaus. Die meisten Projekte werden durch Kooperationspartner durchgeführt, „die kommen auf uns zu mit Bedürfnissen und Ideen“, erklärt Plastargias.

„Viele Jugendliche kommen aus Kulturen, in denen nicht viel partizipiert wird und oft ein anderes Demokratieverständnis herrscht“, sagt Plastargias. Wichtig ist dem 44-Jährigen deshalb, dass die Jugendlichen mitentscheiden sollen, bei der Planung und der Umsetzung. Genauso wichtig ist ihm, dass die Kinder und Jugendlichen Spaß haben. Die Projekte sollen ihre Kreativität anregen und sie sollen merken, dass es im Gallus Möglichkeiten gibt mitzugestalten - und nicht nur dort. Sie sollen sich klar werden, dass sie die Welt verändern können.

Als Feedback höre er von den jungen Menschen oft, dass es das erste Mal gewesen sei, dass jemand ihnen wirklich zuhöre. Das sagen auch die Eltern, die sich freuen, dass ihre Geschichten erzählt werden und ihren Kindern eine Stimme gegeben werde.

Natürlich treten auch Konflikte auf, oder es werde mal geweint. Aber das sei nicht schlimm. Und auch Diskussionen werden angestoßen und ausgelöst. Alle Beteiligten diskutieren dann gemeinsam, das Ganze fände schließlich nicht im luftleeren Raum statt, sagt Plastargias.

Die Lehrer seien oft begeistert vom Programm, denn im Schulalltag bleibe wenig Zeit. Projekte wie diese seien finanziell und zeitlich kaum möglich. Hier gebe es auch die Möglichkeit für intensive Gespräche mit einzelnen Kindern.

Für die verbliebene Laufzeit des Projekts gibt es bereits viele Ideen. In Zusammenarbeit mit dem AWO-Jugendhaus ist ein Wrestling-Workshop geplant, in dem die Jugendlichen über das Schaffen eines neuen Charakters für die Show mehr über sich selbst lernen. Zudem sollen Kurzfilme gedreht, während gute Taten vollbracht werden, die sich die Jugendlichen vorher ausgedacht haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare