+
„Furie auf sprengendem Pferd“ (um 1610) des unbekannten Künstlers Furienmeister.

Kultur

Furien aus weißem Gold im Frankfurter Liebieghaus

  • schließen

Nach dem Ankauf der Sammlung Reiner Winkler zeigt das Museum die weltweit bedeutendste Sammlung an Elfenbeinkunst. 

Die Reiterin, eine ausgemergelte Figur, sprengt über gefährlich aussehendes Geröll und Gestein. Ihr Pferd wirbelt den Schweif, verdreht den Kopf, reißt das Maul angstvoll auf. Die flatternden Strähnen, die Zunge und Zähne sind klar zu erkennen, fein herausgearbeitet aus weißem Elfenbein.

Bei der „Furie auf sprengendem Pferd“ (um 1610) des anonymen Künstlers Furienmeister handele es sich um „ein Meisterwerk“ der Elfenbeinkunst, sagt Kuratorin Maraike Bückling, die auch Sammlungsleiterin für Skulpturen von der Renaissance bis zum Klassizismus im Liebieghaus ist. „Wenn Sie ganz nah rangehen, sehen Sie Details, die unglaublich sind, die einfach begeistern.“

Maraike Bückling hat die Ausstellung „White Wedding. Die Elfenbein-Sammlung Reiner Winkler jetzt im Liebieghaus. Für immer“ kuratiert, die ab sofort zu sehen ist. Dabei ist dem Liebieghaus Großartiges gelungen. Durch den Ankauf zu „einem mäzenatischen Preis, der einer Schenkung des Großteils der Sammlung entspricht“ (Demandt) hat das Liebieghaus rund 200 Elfenbeinkunstwerke des Sammlers und Mäzens Reiner Winkler aus Wiesbaden erworben. Das geht heutzutage nicht ohne namhafte Partner: Die Ernst-von-Siemens- Kunststiftung, der Städelsche Museums-Verein, die Kulturstiftung der Länder und die Hessische Kulturstiftung haben ihren wertvollen Beitrag geleistet.

Die „Furie auf sprengendem Pferd“ ist eine von rund 190 Elfenbeinschnitzereien, welche die Ausstellung ab sofort zeigt. Weitere „Meisterwerke“ (Bückling) präsentiert das Liebieghaus in hell ausgeleuchteten Vitrinen vor schwarzem Hintergrund. Die meisten Objekte stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der Zeit des Barock und des Rokoko, es sind auch einige mittelalterliche Werke und solche aus dem frühen 19. Jahrhundert darunter.

Liebieghaus rückt Häusern in London und Paris näher

Die Motive stammen aus der Antike, dem Christentum und von Persönlichkeiten jener Zeit. Gezeigt werden Büsten, Statuetten, Reliefs, Prunkgefäße.

„Mit unserem neuen Sammlungsschwerpunkt schließen wir zu Häusern wie dem Victoria-and-Albert-Museum in London oder dem Louvre in Paris auf“, sagt Philipp Demandt, der Leiter von Liebieghaus, Städelmuseum und Schirn. „Es ist ein großer Tag für Frankfurt.“

Reiner Winkler, im Jahr 1925 geboren, lauscht diesen Worten mit sichtbarem Stolz. Für seine weltweit einzigartige Sammlung, die er seit 1962 kontinuierlich aufgebaut habe, habe er sich keinen besseren Ort als das Frankfurter Liebieghaus wünschen können, lässt er die Besucher wissen. „Die Sammlung Reiner Winkler ist eine Legende“, sagt Demandt. Das Liebieghaus werde die Objekte weiter erforschen und dazu publizieren.

Dass Elfenbein heutzutage ein umstrittener Werkstoff ist, wissen auch Demandt und Bückling. Die industrielle Verwertung, die zum Rückgang der Elefantenpopulationen geführt habe, habe erst im 19. Jahrhundert begonnen, sagen sie. Elfenbein wurde seit der Steinzeit bearbeitet. „Im 16. und 17. Jahrhundert war es wertvoll und relativ selten“, sagt die Kuratorin, die ihre Forschung zum „Material Elfenbein“ im Ausstellungskatalog veröffentlicht hat.

Den Dank, sich zugunsten der Öffentlichkeit von seiner Sammlung getrennt zu haben, nimmt Reiner Winkler mit Würde entgegen. Nur für seine Wohnung in Wiesbaden habe er sich eine kleine Auswahl von rund 25 Elfenbeinkunstwerken bewahrt, die er dem Liebieghaus posthum vermachen wolle. Einzeln verkaufen wollte er seine Kunstwerke nicht. Das „Gesamtkunstwerk“ seiner Sammlung sollte bewahrt bleiben.

„Sie erhalten ab sofort eine Dauerkarte fürs Liebieghaus“, sagt Demandt zum Sammler.

White Wedding - Die Ausstellung im Überblick

„White Wedding. Die Elfenbeinsammlung Reiner Winkler jetzt im Liebieghaus. Für immer“ ist ab sofort im Liebieghaus, Skulpturensammlung, Schaumainkai 71, zu sehen. Gezeigt werden rund 190 Elfenbeinkunstwerke aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die der Mäzen Reiner Winkler dem Liebieghaus überlassen hat. Der Eintritt kostet zehn Euro, acht Euro ermäßigt. 

Begleitend zur Ausstellung bietet das Liebieghaus öffentliche Führungen an, unter anderem jeden Sonntag um 16 Uhr. Der Ausstellungskatalog mit Beiträgen zu den Meisterwerken, Themen und Künstlern ist im Hirmer-Verlag erschienen und kostet im Museum 34,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare