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Für immer Frankfurt, dachte sich Robert Louis Stevenson

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Von: Oliver Teutsch

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In diesem Haus in der Rosengasse 13 wohnte Stevenson für zwei Wochen. Foto: Institut für Stadtgeschichte.
In diesem Haus in der Rosengasse 13 wohnte Stevenson für zwei Wochen. Foto: Institut für Stadtgeschichte. © Institut für Stadtgeschichte.

Der Schriftsteller verbrachte vor 150 Jahren zwei Wochen in Frankfurt und wollte erst gar nicht mehr weg. Ausflüge auch nach Eckenheim, Griesheim und Bockenheim.

Er ist bekannt für seine Reisen in die Südsee, doch viele Jahre zuvor schon weilte der weltberühmte Abenteuerschriftsteller Robert Louis Stevenson in Frankfurt. Vor 150 Jahren, Ende Juli 1872 traf der schottische Student der Jurisprudenz in Frankfurt ein. Dort stürzte sich der 21-Jährige ins Leben und besuchte auch die heutigen Stadtteile Eckenheim, Griesheim und Bockenheim.

Ursprünglich wollte Stevenson ein Semester in Deutschland studieren. Seine Wahl fiel auf Frankfurt, da er die Mainmetropole 1863 bereits während einer Stippvisite mit seinen Eltern kennengelernt hatte. 1862 weilte er mit seinen Eltern schon in Bad Homburg, wo sein Vater zur Kur war. Aus dem Auslandssemester wurde nichts, da die nervöse Mutter zu viel Sorge um ihren Sohn hatte. Immerhin vier Wochen konnte er seiner Mutter abringen und versprach fleißig Briefe zu schreiben. Diese wurden 1994 zu seinem 100. Todestag erstmals veröffentlicht und sind noch heute ein anschaulicher Beleg für die bewegte Zeit des Schriftstellers in Frankfurt.

Stevenson traf am 28. Juli 1872 mit dem Nachtzug aus Köln ein und stieg zunächst im Hotel Landsberg ab, das damals auf dem Gelände der heutigen Kleinmarkthalle stand. In Frankfurt sei es „erstickend heiß“, schrieb er seiner Mutter im ersten Brief am 29. Juli. Genauer gesagt 29,5 Grad, worüber die Menschen in der Stadt heute nur müde lächeln. Am ersten Tag ging er gleich im Main schwimmen und bestieg den Dom, um sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen. Anderntags traf sein Kommilitone Walter Grindlay Simpson in Frankfurt ein, der sich zuvor noch Bingen und Mainz angeschaut hatte.

Der Schriftsteller

Geboren wurde Robert Louis Stevenson am 13. November 1850 in Edinburgh. Er studierte Jura, begab sich aber auch immer wieder auf Reisen und lieferte viele Reiseberichte.

Seine größten Erfolge sind der Abenteuer-Klassiker „Die Schatzinsel“ (1883) und „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1886).

Gesundheitlich ging es dem Schotten schon in jungen Jahren schlecht. Daher suchte der Lungenkranke auf seinen Reisen auch immer wieder nach Orten mit angenehmen Klima.

In die Südsee reiste er erstmals 1889, ein Jahr darauf lässt er sich auf Samoa nieder, wo er 1894 an den Folgen einer Tuberkulose stirbt. ote

Am 31. Juli 1872 besucht Stevenson eine „Bierhalle“ in Eckenheim und ist extrem erfreut, wie aufgeschlossen die Leute sind, auch wenn er schon zum wiederholten Male für einen Franzosen gehalten wird. Kein Wunder, der hochaufgeschossene und schmale Jüngling trägt seine dunkelblonden Haare schulterlang und zudem ein geknotetes Seemanns-Halstuch - in dieser Zeit Markenzeichen der Bohème. Die Verständigung in Eckenheim und andernorts in der Stadt klappt mehr schlecht als recht. Eigentlich war Stevenson auch nach Frankfurt gekommen, um seine rudimentären Deutschkenntnisse aufzubessern. Die Sprache der Dichter interessierte ihn. Er könne schon einige Fragen formulieren, „aber es ist in der Tat sehr unwahrscheinlich, dass ich die Antwort verstehe“, gesteht er seiner Mutter denn: „In Frankfurt ist die Aussprache sehr schlecht.“ So im Brie vom 29. Juli und an anderer Stelle noch einmal: „Wie seltsam sie sprechen.“ Die Einheimischen zeigen sich verständig und gewitzt. Nach Leipzig müsse er gehen, da würde ganz tolles Deutsch gesprochen, legen sie ihm nahe. Stevenson ist sich nicht ganz sicher.

Das Hotel Landsberg ist für die beiden Studenten sehr teuer oder wie es der spätere Schriftsteller formuliert: „In diesem Hotel schmilzt das Geld wie Butter in der Sonne.“ Daher machen sich die beiden auf die Suche nach einer günstigen Unterkunft und werden bald fündig. In einer Annonce im örtlichen Intelligenzblatt am 2. August finden sie ein Zimmer in der Rosengasse 13. Die schmale Gasse lag seinerzeit zwischen dem Großen Hirschgraben und dem Kornmarkt, wurde 1920 in Schüppengasse umbenannt und 1938 überbaut. Das Zimmer sei „extrem schäbig“ lässt er seine Eltern zu Hause wissen und liefert auch Eindrücke aus der schmalen Altstadtgasse. Die Kinder würden im Rinnstein spielen. „Die armen kleinen Teufel versuchen vermutlich ihre Muttersprache zu verstehen.“ Während er auch diese Zeilen natürlich auf Englisch schreibt, hat er das Wort „Muttersprache“ auf Deutsch zu Papier gebracht. Außerdem sei die Rosengasse „eine perfekte Voliere“ mit zwitschernden Kanarienvögeln, großnäsigen Spatzen und grauen Tauben.

Womöglich geht es in dem ein oder anderen Etablissement in der Rosengasse auch zu wie im Taubenschlag. Denn die Rosengasse war seit dem späten Mittelalter das Zentrum der Prostitution in Frankfurt. Eine Tatsache, die er seinen calvinistisch-viktorianischen Eltern aber lieber verschweigt.

Stattdessen schildert er Ausflüge nach Griesheim und Bockenheim und immer wieder seine Besuche in der Oper, die es ihm sehr angetan hat. Bei schlechtem Wetter sitzt er auch mal in einer „Bierhalle“ und trinkt „Schnitt“, wie die halbvollen Gläser genannt würden. De. 21-Jährige geht es so gut, dass er am 9. August schreibt: „Ich fühle mich, als hätte ich schon mein ganzesLeben in Frankfurt gelebt und würde es nie verlassen.“ Doch die Idylle endet, als sein Freund Simpson schon tags darauf per Telegramm erfährt, dass sein Bruder schwer erkrankt ist. Der Freund reist ab. Auch Stevenson verlässt die Stadt und besucht tatsächlich Leipzig, Dresden und schließlich Baden-Baden, wo er Ende August seine Eltern trifft.

Sein Faible für Frankfurt und die deutsche Sprache riss in den folgenden Jahren ab. Ob es tatsächlich an der seltsamen Aussprache der Menschen in Frankfurt und Leipzig lag, ist nicht überliefert. Wahrscheinlicher ist, dass der chronisch lungenkranke Schriftsteller, der nur 44 Jahre alt wurde, die südlicheren Gefilde aus gesundheitlichen Gründen bevorzugte. Doch bevor Stevenson nach Südfrankreich und Samoa reiste, weilte er in Eckenheim und Griesheim.

Robert Louis Stevenson im Jahr 1909 bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schreiben. Foto:.Heritage Art/Heritage Images
Robert Louis Stevenson im Jahr 1909 bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schreiben. Foto:.Heritage Art/Heritage Images © picture alliance / Heritage-Images

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