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„Für die Freiheit“

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Von: Sabine Schramek

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Klare Botschaften am Römerberg. epd
Klare Botschaften am Römerberg. epd © Tim Wegner/epd

Spontane Proteste gegen das Regime im Iran am Samstagnachmittag und erneut am Abend in Frankfurt.

Rund 1600 Menschen sind am Samstagnachmittag bei zwei Demonstrationen in Frankfurt auf die Straße gegangen, um gegen das islamische Regime im Iran zu protestieren. Als spätabends die Nachricht vom Feuer im Teheraner Ewin-Gefängnis kommt, versammeln sich spontan 200 Menschen vorm iranischen Generalkonsulat.

Kerzen und Teelichter leuchten in der Raimundstraße gegenüber dem Konsulat. Das Lied „Baraye Azadi“ klingt aus Lautsprechern, „Für die Freiheit“. Die 200 Männer und Frauen rufen: „Weg, weg, weg. Mullahs müssen weg“, „fürchtet Euch nicht, wir halten zusammen“ und „Frauen, Leben, Freiheit“. Sahar Sanaie hat zur Spontandemo aufgerufen: „Wir sind hier, weil das Ewin-Gefängnis brennt.“ Auf Videos habe man Schüsse gehört und Granaten gesehen, die explodierten. „Es gibt sichere Berichte, dass es viele Tote gibt“, sagt die junge Frau, die als Kinderpsychotherapeutin arbeitet und Frauenrechtaktivistin ist. „Wir fürchten, dass das Feuer im Gefängnis ein Racheakt des iranischen Regimes ist“, sagt sie. „Die Regierung spürt, dass ihr Ende naht.“ Es sei wie 1988 bei Massenhinrichtungen politischer Gefangener.

Nicht nur Sahar Sanaie hat Tränen in den Augen. „Wir fordern ein sofortiges Einschreiten der Bundesregierung und dass sie alle iranischen Botschaften in Deutschland sofort schließt“, wird laut. Im berüchtigten Ewin-Gefängnis, das in Teheran brennt, sollen mehrere Tausend politische Gefangene einsitzen und eine nicht bekannte Anzahl Demonstranten, die wegen der Teilnahme an systemkritischen Protesten inhaftiert wurden. Seit dem Tod der iranischen Kurdin Mahsa Amini (22) am 16. September wird massiv gegen das Regime protestiert. Die Sittenpolizei hatte Amini verhaftet, da sie das in der Öffentlichkeit vorgeschriebene Kopftuch zu locker getragen haben soll. Sie soll geschlagen worden und ins Koma gefallen sein und sie starb - das Regime weist diese Darstellung zurück. Seither reißen die Proteste auch in Frankfurt nicht ab. So zogen am Samstagnachmittag 200 Kurden und 1400 Iraner unabhängig voneinander durch die Stadt.

Während am Nachmittag viele Flaggen und Plakate zu sehen waren, sind es in der Nacht nur wenige. Laut sind die Rufe und die Musik. Alle Demonstrationen verlaufen laut Polizei friedlich. Gegen ein Uhr nachts kommt eine Frau mit einem Plakat vor das iranische Generalkonsulat, auf dem „Stoppt Mullahs“ steht. Ein Foto des Obersten Führers des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, ist zu sehen. Auf seinen Turban ist ein Hakenkreuz gezeichnet.

Die Polizei konfisziert das Plakat und erklärt der Frau, dass das Hakenkreuz in keiner Form gezeigt werden dürfe. Es ist ihr peinlich. Dass ein Gefängnis in Flammen stehe, vergleicht sie dennoch mit den Gaskammern des Dritten Reiches. „Es ist so furchtbar, was dort passiert.“

Als sich eine halbe Stunde später Nachbarn wegen der Lautstärke bei der Polizei melden, schalten die Protestierenden sofort die Lautsprecher und Megafone aus. „Niemand hier will stören“, sagt ein junger Mann. „Wir wollen aber unsere Stimme gegen die Gewalt des Regimes im Iran erheben.“ Fast jeder, der hier sei, habe brutale Gewalt im Iran erlebt.

So wie Sima Shams. Sie floh vor 38 Jahren aus dem Iran mit ihrer vierjährigen Tochter. „Einen Monat lang sind wir gelaufen, bis wir in der Türkei waren“, sagt sie. Ihr Bruder und ihre Schwester wurden getötet. „Wer nicht ins System passt, wird verhaftet, gefoltert, getötet, damals und heute.“ Die Welt dürfe nicht zulassen, dass Menschenrechte so brutal mit Füßen getreten würden.

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