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8:4 für die Eintracht

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Von: Thomas Stillbauer, Georg Leppert

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Lissabon entspannt am Tejo
Lissabon entspannt am Tejo © Jorge Mantilla/Imago

Der total objektive Städtevergleich der FR stößt wegen des Erfolgs der Eintracht an seine Grenzen. Den aktuellen Gegner, Lissabon, hatten wir schon einmal, Marseille und London (die kommenden Kontrahenten in der Champions League) ebenfalls. Aber egal, wir machen weiter.

Größe: Lissabon hat rund 550 000 Einwohner:innen, Tendenz fallend, Frankfurt knapp 760 000, Tendenz steigend. Wem gibt man jetzt den Punkt? Wenn man an einem Samstagmittag über die komplett überfüllte Zeil läuft, zweimal umgerannt wird, die Kinder aus den Augen verliert, sie bei dem Mann mit den Heliumballons wiederfindet und dann langatmig erklären muss, dass man keinen Ballon kauft, weil die Dinger in der U-Bahn verboten sind (aus gutem Grund), dann mag man denken: Kleiner ist feiner. Aber der Schwund an Bewohnerinnen und Bewohner in Lissabon hat seinen Grund, und der ist nicht schön. Stichwort: Gentrifizierung. Wir kommen im Rahmen des Städtevergleichs noch dazu. Punkt für Frankfurt. 1:0

Nahverkehr: Dass die Frankfurter Straßenbahn älter ist als die von Lissabon, haben wir schon beim vorigen Städtevergleich geklärt, ehe Seppel Rodes Schuss wie auf Schienen ins rechte untere Toreck fuhr und die Eintracht 2019 ins Halbfinale der Europa League chauffierte. Doch, ehrlich: Baujahr 1872 zu Baujahr 1873. Knapp, aber verdient. Jetzt gilt es freilich auch anzuerkennen, dass die Portugiesen eine recht herausragende Topografie in ihrer Streckenführung haben. Es handele sich um die steilste Straßenbahnstrecke der Welt, heißt es. Angeblich bis zu 14,5 Prozent. Da liegt zwar ein Mispelchen im Gemalten Haus immer noch locker drüber, prozentemäßig, aber komm her, geh fort: unentschieden. Punkt für beide. 2:1

Verdammt eng: Straßenbahn in Lissabon
Verdammt eng: Straßenbahn in Lissabon © Jorge Castellanos/Imago

Personenaufzüge: Bei der Frankfurter Rundschau hatten wir früher einen Paternoster und eine Rohrpost. Einverstanden, die Rohrpost zählt nicht direkt zur Kategorie Personenaufzüge, aber toll war das schon. Irgendwo im weitverzweigten Gebäude beschloss jemand, dass ein Schriftstück auf dem schnellsten Weg von A nach B, C oder F musste und zack – schoss es durchs ganze Haus und kam zischend am Bestimmungsort an. Im Paternoster ging es ein wenig behäbiger zu. Ein Abenteuer war es allemal. Wo sind sie heute hin, die Paternoster? Ein paar gibt es noch. Am Nibelungenplatz gibt es auch einen coolen gläsernen Außenaufzug, aber da lassen sie einen nicht mitfahren, wenn man da nicht arbeitet. So war es jedenfalls vor 20 Jahren. Auf den Fernmeldeturm kann man auch nicht mehr. Lissabon hat einen Aufzug, der zwei Stadtteile miteinander verbindet. Keine weiteren Fragen. Punkt für Lissabon. 2:2

Gründungsgeschichte: Lissabon ist uralt. Das muss man schon sagen. Dort lebten bereits Menschen, als noch nicht mal Jesus geboren war. Noch lange nicht. Die Leute erzählen sich, Odysseus habe Lissabon gegründet, Sie wissen schon, dieser Seefahrer, der ziemlich weit herumkam auf der Welt, einem monströs großen Zyklopen das Auge ausstach und seine Crew gegen den betörenden Gesang der Sirenen wappnete. Auch andere Quellen berichten von frühen griechischen Siedlungsspuren. Und Griechenland liegt am entgegengesetzten Ende Europas. Das ist enorm weit weg. Frankfurt jedoch wurde von Karl dem Großen auf der Flucht vor den Sachsen gegründet, nachdem ihm eine Hirschkuh mit ihrem Kalb den Weg durch den Main gezeigt hatte, wie jeder Mensch weiß, seit es Städtevergleiche in der Frankfurter Rundschau aus Anlass europäischer Fußballspiele der Eintracht gibt. Und wie immer ist das natürlich die viel bessere Story. Punkt für Frankfurt. 3:2

Zum Spiel

Die Eintracht tritt am heutigen Mittwoch um 18.45 Uhr zum ersten Champions-League-Spiel ihrer Geschichte an. Gegner ist Sporting Lissabon. Das Waldstadion ist – wie könnte es anders sein – ausverkauft.

Übertragen wird die Partie vom Streamingdienst DAZN. Wer Kneipen in der Nähe sucht, die das Spiel zeigen, kann sich bei DAZN im Internet umschauen: www.daznbarfinder.de

Lage: Schön ist das ja schon, wie Lissabon da liegt, ganz links, ganz im Westen des Kontinents, im Löwenmaul, das die Landkarte an dieser Stelle zeigt. Außergewöhnlich. Aber wenn Sie mal noch weiter links gucken: alles blau. Da ist Wasser, sonst nix, Wasser, Wasser und noch mal Wasser, bis nach Amerika. Und alles Salzwasser. Das mag ja toll sein, wenn man Wasser (viel Wasser) mag. In Frankfurt können wir allerdings auch mal zu Fuß einen Ausflug nach Westen machen. Oder mit dem Fahrrad in den Taunus. Aber was noch wichtiger ist: Frankfurt liegt im Herzen von Europa. Punkt für Frankfurt. 4:2

Kriminalität: Die Studie ist schon etwas älter, aber wir fürchten, am Ergebnis hat sich bis heute nichts geändert. Während Frankfurt in schöner Regelmäßigkeit den zweifelhaften Titel „Hauptstadt des Verbrechens“ einheimst, galt Lissabon zumindest im Jahr 2007 als sicherste Metropole Europas. In keiner anderen großen Stadt des Kontinents waren so wenige Bürger:innen von sogenannter Alltagskriminalität betroffen. Nun könnte man sagen: Super, Frankfurt ist eben in jeder Statistik spitze, die höchsten Häuser, die beste Fußballmannschaft und natürlich auch die höchste Kriminalitätsrate, bei uns gehört Fahrraddiebstahl zur Folklore. Aber das wäre dann doch zynisch und albern und deshalb entscheiden wir: Punkt für Lissabon. 4:3

Städtepartnerschaften: Der Klassiker in jedem FR-Städtevergleich zum Europapokal. Frankfurt hat – treue Leser:innen wissen das – 17 Partnerstädte. Lissabon ist uns da etwas überlegen (21 Partnerschaften). Und die portugiesische Hauptstadt gibt sich auch weltgewandter. Partnerstädte gibt es in Brasilien (Rio, Salvador, Brasilia und Sao Paulo), Guinea-Bissau und Angola. Allerdings haben viele dieser Beziehungen etwas mit der portugiesischen Kolonialgeschichte zu tun, und die war auch nicht immer ruhmreich, was viele Menschen in Portugal übrigens nicht gerne hören wollen. In Frankfurt hingegen haben wir uns jede Partnerschaft hart erarbeitet. Im Namen der Freundschaft haben wir sogar schon Feuerwehrautos nach Nicaragua geschickt. Punkt für Frankfurt. 5:3

Essen und Trinken: Gesalzener und getrockneter Kabeljau mundet den Lissabonnerinnen und Lissabonnern, auch Stockfisch und eigentlich alles, was Flossen oder Tentakeln hat und sich in der endlosen blauen Gegend westlich der Küste aufhält. Dazu wird Portwein getrunken, und danach gibt es eine süße Angelegenheit namens Pastel de Nata, kleine Kuchen mit Pudding. Die gibt es aber auch auf der Brückenstraße in Sachsenhausen, dafür brauchst du nicht nach Portugal zu fahren. Ein paar Schritte weiter gibt es außerdem Rippche mit Sauerkraut, Grie Soß, Handkäs und Ebbelwei. Mehr ist ja nun wirklich nicht nötig. Und den Stockfisch spielt der Ober. Punkt für Frankfurt. 6:3

Frankfurt trinkt Ebbelwei
Frankfurt trinkt Ebbelwei © Imago

Flüsse: Frankfurt liegt immer noch am Main, auch wenn Karl der Große längst wieder weg ist. Das ist ein ehrlicher und rechtschaffener Fluss. Viele andere Städte beneideten Frankfurt um seinen schönen Main, zum Beispiel Offenbach, Würzburg, Schwein-, Ochsen- und Haßfurt, weshalb sie sich ebenfalls am Main ansiedelten. Verständlich. Lissabon entschied sich trotz allem gegen den Main und für den Tejo. Kann man machen. Der Tejo ist verdammt lang. Er ist der längste Fluss der iberischen Halbinsel. Tausend Kilometer. Fast doppelt so lang wie der Main. Produziert ordentlich Energie mit seinen Wasserkraftwerken. Gelegentlich findet man jahrhundertealte Schiffe mit chinesischem Porzellan in seiner Mündung. Allerdings keine Hirschkuh mit ihrem Kalb. Trotzdem: Punkt für Lissabon. 6:4

Mieten: Wir nehmen es vorweg: Der Punkt geht an Frankfurt. Lustig, oder? Auf dem freien Wohnungsmarkt kennen die Preise nur eine Richtung, und wir belohnen das mit einem Punkt? Ja, denn zum einen gibt es in Frankfurt immerhin den Mietpreisstopp bei der ABG. Und zum anderen trug sich in Lissabon Folgendes zu: Ein Gesetz aus den 60er Jahren verbot es, die Mieten zu erhöhen. Die Eigentümer:innen hörten auf, in ihre Gebäude zu investieren, weil sie das Geld nicht wieder reinholen konnten. Die Häuser verfielen. Blöde Sache, dachte sich die Stadtregierung im Jahr 2012 und schaffte das Gesetz ab. Und was war die Folge? Eine Gentrifizierung, wie sie West-, Ost- und Nordend in Frankfurt nicht einmal ansatzweise erlebt haben. Wie gesagt: Punkt für Frankfurt. 7:4

Musik: Beim Städtevergleich im Frühjahr 2019 haben wir diese Kategorie mit einem Unentschieden bewertet. Weil: In Lissabon hört man diesen todtraurigen Fado. Frankfurt ist berühmt für Techno. Genauso traurig. Jetzt hat sich musikalisch in Frankfurt aber einiges getan in den vergangenen drei Jahren, gerade im Stadion. Nein, wir meinen nicht das Konzert der Böhsen Onkelz vor ein paar Wochen. Gerre und die anderen Jungs von Tankard haben nachgelegt und ihren Hit „Schwarz-Weiß wie Schnee“ aktualisiert. In dem neuen Text heißt es jetzt: „Wir haben den U-U-Uefa-Cup …“ Und das ist nicht traurig, gar nicht, das ist einfach sehr, sehr schön. Deshalb korrigieren wir unser Urteil von 2019 und entscheiden auf: Punkt für Frankfurt. 8:4

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