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8:4 für die Eintracht

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Von: Thomas Stillbauer, Georg Leppert

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Goethe war gut. Mann, der konnte reimen.
Goethe war gut. Mann, der konnte reimen. © Imago

Der total objektive Städtevergleich zum Europa-League-Finale der Frankfurter Eintracht gegen die Glasgow Rangers: Was soll man noch groß sagen? Wir haben das bessere Essen, die sympathischeren Partnerstädte, die unglaublicheren Wunder und die praktischeren Postleitzahlen. Das Ding ist entschieden.

Beginnen wir mit einem Unentschieden – und dem ersten Vergleich, nämlich dem der ...

... Persönlichkeiten

Glasgow hat eine erstaunlich lange Liste von bekannten oder erwähnenswerten Persönlichkeiten. Darunter befinden sich zehn Herren namens Young, die fast sämtlich Musiker sind, und – auch das zu unserer Verblüffung – größtenteils in der Rockband AC/DC spielten oder immer noch spielen. Dabei hatte die Welt AC/DC bislang für eine australische Band gehalten. Einige Persönlichkeiten haben Namen, die nicht mit Mc anfangen. Die meisten Persönlichkeiten, die noch leben, sind Fußball-, Snookerspieler oder Wrestler. Aber auch Mark Knopfler, Al Stewart und die Simple Minds stammen aus Glasgow. Komm her, stellen wir Maria Sibylla Merian, Goethe, Gernhardt, Birgit Prinz, Bodo Bach und Maja Wolff entgegen und einigen uns auf ein Unentschieden. Punkt für beide. 1:1

AC/DC. Wer hätte geahnt, dass die Youngs aus Glasgow sind?
AC/DC. Wer hätte geahnt, dass die Youngs aus Glasgow sind? © Imago

Hauptstädte

Glasgow war 1990 zur allgemeinen Überraschung Europäische Kulturhauptstadt. Es setzte sich damals gegen die kulturell auch nicht so ganz schlechten Städte London und Edinburgh durch. Das ist zwar lange her, aber vor nicht einmal 20 Jahren, 2003, war Glasgow auch Europäische Sporthauptstadt. Frankfurt ist schön und berühmt, aber noch nicht mal Hauptstadt Hessens, geschweige denn der Bundesrepublik Deutschland (o. k., daran war Konrad Adenauer schuld, der fiese Möpp), aber Frankfurt war immerhin Europäische Stadt der Bäume 2014. Und früher war Frankfurt mal Hauptstadt des Verbrechens. Das ist nicht so besonders, oder? Punkt für Glasgow. 1:2

Städtepartner

Glasgow unterhält eine Partnerschaft mit Bethlehem. Das ist gut, weil man ist dann ja quasi mit Jesus befreundet. Trifft man ihn, kann man sagen: „Gude Jesus, wir kennen uns zwar nicht persönlich, aber unsere Heimatstädte sind befreundet, und deshalb darf ich dich doch mal um einen Gefallen bitten…“ Das setzt allerdings voraus, dass man religiös ist. Fakt ist, dass Glasgow gerade einmal acht Städtepartnerschaften unterhält. Darunter auch Rostow am Don in Russland, was derzeit ja auch keine besonders ergiebige Freundschaft sein dürfte. Frankfurt hingegen hat 17 Partnerstädte. Und bald vielleicht eine 18. in der Ukraine. Punkt für Frankfurt. 2:2

Zum Spiel

Das Finale der Fußball-Europa-League zwischen Eintracht Frankfurt und den Glasgow Rangers beginnt an diesem Mittwoch um 21 Uhr. Das Stadion in Sevilla ist restlos ausverkauft. Man hätte das Spiel abwechselnd in allen drei Arenen von Sevilla und im Camp Nou in Barcelona austragen können, überall eine halbe Halbzeit – alle vier Stadien wären ausverkauft.

Im Fernsehen überträgt wieder RTL die Partie live und in Farbe. Ein offizielles sogenanntes Public Viewing gibt es im Frankfurter Waldstadion. Es ist – woher wussten Sie das? – ausverkauft. Aber wahrscheinlich wird es am Abend schwierig, einen Ort in Frankfurt zu finden, an dem das Spiel nicht läuft. FR

Spendierhosen

Dies ist der erste FR-Städtevergleich, in dem sich die Eintracht mit einem schottischen Kontrahenten misst. Und Fußballfans lieben Klischees. Ohne Klischees wäre der moderne Fußball gar nicht denkbar. Bayern haben Lederhosen an, die man ihnen ausziehen muss, und Schotten sind geizig. Fakt. Folgerichtig hat Eintracht-Legende Sonny Sonneberg im FR-Interview gewitzelt, die Schotten seien sicher zu geizig, um ebenso zahlreich wie wir (Obacht, Klischee!) Bank- und Frankfurter nach Sevilla zu reisen und sich für Mondpreise Eintrittskarten zu besorgen. Ob das stimmt, werden wir sehen. Eins wissen wir aber schon aus Erfahrung: Geiz ist nicht geil. Punkt für Frankfurt. 3:2

Städtenamen

Wenn du herausfinden willst, was „Glasgow“ eigentlich heißt, suchst du dir einen Wolf. Da erfährst du ellenlang Sachen wie „Glasgow [‚glazg?? oder ‚gl??zg??][2] (Scots: Glesga, schottisch-gälisch: Glaschu“ (Pardon, darunter sind Sonderzeichen, die wir hier gerade nicht zur Verfügung haben), aber nicht, was das eigentlich soll und was es bedeutet. Wie schön einfach dagegen Frankfurt: Der Name entstand bekanntlich, als eine Hirschkuh die Franken … Pardon? Sie kennen die Geschichte in- und auswendig und wollen sie nicht schon wieder …? Bitte. Ganz wie Sie wünschen. Wir haben dann doch noch herausgefunden, was Glasgow heißt. Es ist gälisch. „Lieber grüner Ort“. Und das ist ja nun wirklich bezaubernd. Punkt für Glasgow. 3:3

Ernährung

In der Frankfurter Rundschau hatten wir mal eine Serie namens „Topfstars“. Darin beschrieb ein sehr lieber Kollege und Schottlandfreund ein örtliches Leibgericht. Auszug: „… und fanden heraus, dass das, was den Haggis im Äußeren zusammenhält, ein Schafsmagen ist. Den stülpt man zunächst mal um und weicht ihn diverse Stunden in Salzlake ein. In der Zwischenzeit lässt man eine Schafsleber und ein Schafsherz – Gourmets legen gerne auch noch eine Schafslunge bei – eine Stunde lang köcheln. Anschließend wird alles liebevoll zerhackt und mit drei Zwiebeln, 200 Gramm Nierenfett, einer Tasse Hafermehl, einer Tasse Brühe und Gewürzen (Salz, Pfeffer, Muskatnuss) verrührt …“

Haggis. Eklig.
Haggis. Eklig. © Imago

Öhm ja, interesting, isn’t it? Wir nehmen dann einen Handkäs und danach Rippche mit Grie Soß, Herr Ober. Punkt für Frankfurt. 4:3

Rippche mit Sauerkraut. Amtlich.
Rippche mit Sauerkraut. Amtlich. © Heike Brauer/Imago

Luftverkehr

Glasgow hat zwei Flughäfen. Einen großen, internationalen, der halbwegs in der Nähe der Stadt liegt. Und einen zweiten, der sich wo ganz anders befindet, aber Glasgow heißt, damit die Billigflieger behaupten können, sie flögen nach Glasgow. In Frankfurt ist das ähnlich, genau genommen sogar noch extremer. Von Hahn bis Hauptwache sind es mit dem Auto mehr als 120 Kilometer, Prestwick liegt nur 53 Kilometer von Glasgow entfernt. Aber was interessanter ist: Glasgow hat auch einen Wasserlandeplatz. Da landet dann mal einfach so eine Cessna. Schon cool. Aber wenn wir das jetzt an dieser Stelle belohnen, bringen wir die Leute in den Häusern am Westhafen noch auf Ideen. Deshalb: Punkt für Frankfurt. 5:3

Postleitzahlen

Früher war nicht alles besser, denn früher spielten die Glasgow Rangers in der vierten und die Eintracht in der zweiten Liga und waren folglich weit davon entfernt, sich zu einem Europacup-Endspiel in Sevilla zu treffen. Aber: Rolf hat das Leben damals nicht einfacher gemacht. Rolf? Das war dieses Maskottchen mit den fünf Fingern, das 1993 für die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen warb. Seitdem hat Frankfurt nicht nur eine Postleitzahl (na gut, einige wenige eingemeindete Randbezirke konnten sich auch früher nicht für die 6000 begeistern). Sondern 44. In Glasgow aber kann man im Postleitzahlengebiet G1 wohnen und in G2 und in G3, und so geht das weiter bis zur G80. Noch unübersichtlicher. Punkt für Frankfurt. 6:3

Auch nicht schlecht: St. Mungo und der Vogel, der nie flog. 		Jane Barlow/dpa
Auch nicht schlecht: St. Mungo und der Vogel, der nie flog. © Jane Barlow/dpa

Stadtwappen

Das Wappen von Glasgow würdigt den ersten Bischof und Schutzpatron der Stadt. Dargestellt wird der Heilige Mungo durch Symbole. Als da wären: ein Fisch mit Ring im Mund, eine Glocke, ein Eichenbaum und ein Rotkehlchen. Sieht nett aus, ist aber viel zu kompliziert. Man kann ja nicht bei jedem Fisch mit Ring im Mund, bei jeder Glocke, bei jedem Eichenbaum und bei jedem Rotkehlchen an Glasgow denken. In Frankfurt ist das viel einfacher: Siehst du einen Adler, dann denkst du an die Stadt und die Eintracht – selbst wenn der Vogel beim Flug über dein Haus die Krone vergessen haben sollte, die er im Wappen immer trägt. Punkt für Frankfurt. 7:3

Wunder

Sankt Mungo war keineswegs der Erfinder der gleichnamigen Bohnen, sondern der erste Bischof Glasgows und zugleich Schutzpatron der Stadt und ganz Schottlands. Ihm werden diverse Wunder zugeschrieben, darunter das sogenannte Ringwunder. Kurz zusammengefasst, fing er unter allen denkbaren Fischen ausgerechnet jenen Flossenkumpel, der den Ring der Königin verschluckt hatte, und half der Regentengattin damit aus einer pikanten Patsche. Das ist super. Sankt Mungo kommt sogar bei Harry Potter vor. In Frankfurt allerdings hatten wir eine Hirschkuh, die … Bitte? Nicht schon wieder? Also gut. Das 2:0 gegen Bukarest, Hölzenbein im Sitzen. Das 5:1 gegen Kaiserslautern. Das 6:3 gegen Reutlingen. Okocha gegen Karlsruhe. Rebic und Gacinovic gegen die Bayern. Reicht das an Wundern? Punkt für Frankfurt. 8:3

Wundervoll erstklassig. Jan-Aage Fjörtoft beim 5:1 gegen Kaiserslautern.
Wundervoll erstklassig. Jan-Aage Fjörtoft beim 5:1 gegen Kaiserslautern. © Imago

Arbeiterklasse

Frankfurt hat Philipp Jacks und Harald Fiedler. Zwei anständige Kämpfer für die Arbeiterschaft. Frankfurt hat auch Peter Feldmann, der am 1. Mai oder am Abend vorher immer deutlich macht, dass auch er ein echter Malocher ist. Und die Kerle, die früher bei Hoechst in der Frühschicht geschuftet haben, mit denen wolltest du dich auch nicht anlegen. Jedenfalls nicht, bevor sie ihre Fleischwurst gefrühstückt hatten. Aber seien wir ehrlich: Die Arbeiterklasse in Glasgow, das war und ist eine ganz andere Liga. 1919 wurde dort für die Einführung der 40-Stunden-Woche gekämpft. Bei der „Battle of George Square“ kamen sogar Panzer zum Einsatz. Und wer erlebt hat, wie die Arbeiter den Niedergang ihrer Werften in den vergangenen Jahrzehnten begleiteten, der kann nur sagen: Respekt. Punkt für Glasgow. 8:4

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