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„Ich denke, ich werde von 100 auf 30 fahren“, sagt der scheidende Klinik-Chef Merkle.
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„Ich denke, ich werde von 100 auf 30 fahren“, sagt der scheidende Klinik-Chef Merkle.

Porträt

Für den Einklang von Körper und Seele

  • Steven Micksch
    VonSteven Micksch
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Wolfgang Merkle leitet die psychosomatische Klinik am Hospital zum Heiligen Geist. Bald geht er in den Ruhestand.

Wolfgang Merkles Leidenschaft in der raren Freizeit gilt den Vögeln. „Vielleicht ist das Interesse schon in meiner Kindheit begründet“, sagt er. Damals auf dem Internat in der oberschwäbischen Beschaulichkeit habe es einen Pater gegeben, der mit den Kindern an manchem Morgen ins Moor wanderte und die Unterschiede zwischen den Vogelstimmen lehrte. Bald wird der 66-jährige Merkle wieder mehr Zeit für die Ornithologie haben. Der Chefarzt der psychosomatischen Klinik am Hospital zum Heiligen Geist geht Ende des Jahres in den Ruhestand. In wenigen Tagen feiert er noch das 25-jährige Bestehen der Klinik, die er selbst gegründet hat.

„Natürlich war der Start holprig“, sagt der Professor im Gespräch mit der FR. In seinem Büro finden sich neben Vogelfiguren und einer gebastelten Collage bestehend aus 60 speziellen Vögeln – ein Präsent seiner Mitarbeitenden zum 60. Geburtstag – auch Hinweise auf seine zweite Leidenschaft: das Reisen. Gern erinnert sich Merkle an seine Flüge nach China, wo er Kongresse besuchte und Vorträge hielt.

Doch zurück zum Start der psychosomatischen Klinik. In den 80er Jahren wuchs in Frankfurt die Erkenntnis, dass man auch an einem Allgemeinkrankenhaus einen psychosomatischen Schwerpunkt brauche. Das Parlament beschloss schließlich die Gründung einer entsprechenden Klinik. In der engen Auswahl standen Höchst und das Hospital zum Heiligen Geist.

Schlussendlich fiel die Entscheidung zu Gunsten des Krankenhauses in der Innenstadt, und Merkle, der zuvor schon an der psychosomatischen Klinik der Städtischen Krankenanstalten in Esslingen war, fing mit einem neuen Team seine Arbeit an. „Die räumliche Enge war schwierig“, erinnert sich der gebürtige Oberschwabe. Teilweise seien es katastrophale Zustände gewesen. Erst nach und nach verbesserte sich die Situation. Heute ist der 66-Jährige stolz, wie sich die erste psychosomatische Abteilung an einem Allgemeinkrankenhaus in Hessen entwickelt hat. Für viele Häuser war das Frankfurter Projekt ein Vorbild. Später folgten Wiesbaden, Fulda, Kassel oder auch Darmstadt.

Von widrigen Umständen ließ sich Merkle nie beirren. „Mein Motto war und ist: ‚Den Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.‘“ Die Klinik, die damals 1996 mit 18 Betten begann, umfasst heute 30 vollstationäre Betten und 50 Plätze in der Tagesklinik. Gerade dieses Angebot, bei dem Menschen in der Familie bleiben und nur tagsüber zur Behandlung kommen, sei ein wichtiges Hauptfeld und Alleinstellungsmerkmal geworden. „Da haben wir uns gegen den Widerstand des Ministeriums durchgesetzt“, sagt der Chefarzt. Das wollte, dass mehr stationäre Plätze als teilstationäre geschaffen werden.

Ebenfalls gewachsen ist der Bereich der Schmerzbetten. Davon gibt es mittlerweile 16 Stück. Schmerzen, die psychosomatische Ursachen haben, sind keine Seltenheit. Deshalb versuche man integrativ zu behandeln. „Wir schauen von Anfang an, was seelisch und was körperlich da ist und agieren nicht nach dem Ausschlussverfahren.“ Andernfalls würde wertvolle Zeit verloren gehen. Bis eine Patientin oder ein Patient an die psychosomatische Klinik kommt, vergehen gut und gerne fünf Jahre. Eine Zeitspanne, die sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verkürzt habe. Merkle setzt sich für eine engere Arzt-Patienten-Beziehung ein. „Die kommt heute oft zu kurz, ist aber ein bedeutsamer Heilungsfaktor.“

Das jüngste Behandlungsangebot stellt die psychosomatische Institutsambulanz dar. „Dafür habe ich seit jeher gekämpft“, sagt Merkle. Jahrzehnte später konnte das Angebot endlich realisiert werden. Merkle erklärt, dass nur 30 Prozent der Patientinnen und Patienten, die zuvor stationär oder teilstationär behandelt wurden, den Übergang in eine ambulante Behandlung schaffen. Die Institutsambulanz helfe in der Zeit, in der die Erkrankten noch keine ambulante Anschlusstherapie haben.

Vollends zufrieden ist der Chefarzt aber trotzdem nicht. „Es ist schade, dass wir noch nichts für ältere Menschen geschaffen haben.“ Aktuelle Angebote seien oft zu beschwerlich für ältere Personen. Hier müsste es neue Konzepte geben. Vielleicht etwas, was die neue Leitung der Klinik als Ziel fassen könnte. Auch bei jungen Menschen sei die Psychosomatik noch nicht präsent.

Komplett aufhören kann Merkle aber nicht. „Ich denke, ich werde von 100 auf 30 fahren“, sagt er und lacht. So will er in der Weiterbildung und Privatambulanz noch aktiv bleiben. Ansonsten freue er sich, dass er etwas zurückgeben könne, was er jahrelang von seiner Familie abverlangt habe. „Meine Frau hat mir sehr den Rücken gestärkt.“ Demnächst wollen beide den lange geplanten Tango-Kurs in Angriff nehmen. Seine Freizeit möchte der in Königstein lebende Merkle dann mit der Ornithologie, Fotografie, Reisen und Kultur füllen. Und gern auch die beiden Töchter und drei Enkelkinder in Berlin besuchen.

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